Bewegungsstiftung

"Am Ende werden wir gewinnen"

Blick auf das Dorf Rosia Montana, das von einem Gold-Tagebau bedroht ist. Foto: Jens Meier

„Komm Xeno, erzähl! Erzähl uns von Rosia Montana und von dem Widerstand gegen die Goldmine!“ Die Aktivistin Stephanie Roth stützt ihre Hand auf die Schulter des Bauern Xeno Cornea, der auf einem Baumstumpf hockt. Wir sitzen am Lagerfeuer vor dem ehemaligen Gemeindehaus in Rosia Montana. Gläser mit Pflaumenschnaps und Teller mit Kartoffelkuchen machen die Runde.

Der Feuerschein erhellt die Gesichter und Xeno erzählt. Davon, wie die kanadische Goldfirma Gabriel Resources Ende der 1990er Jahre in das kleine Dorf in den rumänischen Karpaten gekommen ist. Wie die Kanadier einen Vertrag mit dem rumänischen Staat geschlossen haben für einen riesigen Gold-Tagebau. Von den Plänen, die Berge rund um das Dorf zu sprengen, das Gold mit Zyanid aus dem Gestein zu lösen und das Nachbartal in eine Abraumhalde für die giftige Schlacke zu verwandeln. Wie die Goldfirma ein Haus nach dem anderen in Rosia aufkaufte, den Ort entvölkerte und mit ihrem Geld die Dorfgemeinschaft zerstört und Familien gespalten hat. „Am Ende haben Kinder gegen ihre Eltern gekämpft und Eltern gegen ihre Kinder“, berichtet Xeno.

Aber er erzählt auch von den Dorfbewohnern, die nicht verkauft haben. Die geblieben sind und zusammen mit Umweltaktivist*innen den Protest gegen die Goldmine all die Jahre getragen haben. Bis er so groß geworden ist, dass zehntausende Rumän*innen auf die Barrikaden gegangen sind und die Regierung die Pläne aufgeben musste. Vorerst.


Der Abend am Lagerfeuer in Rosia Montana gehört zu den eindrucksvollsten Momenten der Rumänienreise, die die Bewegungsstiftung Ende Oktober unternommen hat. Fünf Tage lang war eine Gruppe von Stifter*innen, Aktivist*innen und Mitgliedern der Geschäftsstelle und des Stiftungsrats unterwegs und besuchte zwei Projekte, die die Bewegungsstiftung in Rumänien unterstützt hat: die Initiative Save Rosia Montana und die Kampagnen-Organisation Declic, welche die Bewegung gegen Korruption und Demokratieabbau in Rumänien mit aufgebaut hat.

Auslöser für die Proteste unter dem Motto Rezist, bei denen seit Anfang 2017 hunderttausende Rumäninnen und Rumänen auf die Straße gehen, sind Gesetzesvorhaben, mit denen die Regierung das Justizsystem schwächen und die allgegenwärtige Korruption entkriminalisieren will. Unbequeme Staatsanwälte und -anwältinnen und die Chef-Korruptionsermittlerin wurden unter fadenscheinigen Gründen entlassen. Die letzte Großdemonstration von Auslandsrumäne*innen auf Sommerurlaub, die im August in Bukarest stattfand, wurde von der Polizei mit Gewalt aufgelöst. 

Rezist - unter diesem Motto gehen seit Anfang 2017 Hunderttausende in Rumänien gegen den Demokratieabbau auf die Straße.


Diese Ungerechtigkeiten treiben die Menschen weiterhin auf die Straße, auch in Cluj, der zweitgrößten Stadt Rumäniens, wo Declic seinen Sitz hat. Dort ziehen wir an einem milden Herbstabend zusammen mit einigen hundert Demonstrant*innen durch die Innenstadt und skandieren die Forderung „Justitie, nu coruptie“ – Justiz, keine Korruption! Die Demo-Teilnehmenden wirken wie ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Neben uns laufen Eltern mit ihren Kindern, Studierende und Rentnerinnen mit Hund an der Leine. Ein Mann hat sich eine Europa-Fahne um die Schultern gehängt und erklärt: „Ich bin hier, um die Werte zu verteidigen, an die wir glauben – Gerechtigkeit und faire Justiz. Wir vertrauen darauf, dass die EU Rumänien nicht aufgeben wird. Denn wir sind ein Teil von Europa.“ Die EU als Versprechen auf mehr Demokratie und eine bessere Zukunft – soviel Europa-Begeisterung wie in Rumänien erlebt man in Deutschland selten.

Stifter*innen auf einer Demo in Cluj. Foto: Jens Meier
„Ich will das Land nicht verlassen, aber die Regierung bringt mich und viele in meinem Alter dazu", erklärt die Demo-Teilnehmerin Roxana. Foto: Jens Meier


Die Studentin Roxana, die mit einem Freund zur Demo gekommen ist, beschreibt das Dilemma der gut ausgebildeten jungen Rumänen an ihrem eigenen Beispiel: „Ich will das Land nicht verlassen, aber die Regierung bringt mich und viele in meinem Alter dazu. Wir erleben nur Diebstahl und Korruption, aber keine Investitionen in das, was zählt.“

Mit welchen Problemen die Menschen in Rumänien zu kämpfen haben, wird bei den Diskussionsrunden mit Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Oppositionspolitiker*innen deutlich, die das Declic-Team in Cluj für uns organisiert hat. Nach der Wende 1989: Zusammenbruch der Wirtschaft, Massenarbeitslosigkeit und Auswanderungswelle. Heute: Korruption auf allen Ebenen der Gesellschaft, eine Regierung, die sich schamlos selbst bereichert und die Medien kontrolliert, eine schwache Opposition, eine desolate Infrastruktur, rücksichtslose Umweltzerstörung und ein Gesundheitssystem, das am Boden liegt.

„Rumänien hat nicht nur ein kommunistisches Trauma erlebt, sondern auch ein ökonomisches Transition-Trauma", sagt die Politikwissenschaftlerin Madalina Mocan. Foto: Jens Meier


Kein Wunder, dass der Massenexodus trotz des EU-Beitritt im Jahr 2007 anhält. Schätzungsweise 4 Millionen Rumänen (rund 20 Prozent der Bevölkerung) leben und arbeiten im Ausland, auch um ihre Angehörigen zu Hause unterstützen zu können. Eine Entwicklung mit massiven sozialen Folgen, wie die Politikwissenschaftlerin Madalina Mocan bei einer Diskussionrunde feststellt: „Ich habe viele Studierende in meinen Seminaren, die nicht mit ihren Eltern aufgewachsen sind und jahrelang nur über Skype Kontakt zu ihnen hatten“.

Für Mocan ist klar: „Rumänien hat nicht nur ein kommunistisches Trauma erlebt, sondern auch ein ökonomisches Transition-Trauma.“ Der Aktivist und Künstler Istvan Szakats fällt ein vernichtendes Urteil über das politische System: „In Rumänien gibt es nur zwei politische Richtungen: Opportunismus und Populismus. Der Rest ist nur ein Wechsel der T-Shirt-Farbe“

Diskussionsrunde in Cluj. Foto: Jens Meier

 

Aber die Zeiten ändern sich. Mit den Rosia-Montana-Protesten ist die Zivilgesellschaft in Rumänien erwacht. Neue Parteien wurden gegründet, die mit den Aktivist*innen zusammenarbeiten. Der Politiker Mihai Gotiu nennt einen der wichtigsten Erfolge: „Wir haben erreicht, dass Protest in Rumänien normal geworden ist und nicht nur was für Freaks“.  Ein Riesenschritt für ein Land mit so wenig Erfahrung in Sachen Demokratie.

Die Bewegungsstiftung hat einen kleinen Teil zu dem Erwachen der Zivilgesellschaft in Rumänien beigetragen, mit zwei Förderungen in Höhe von 12.000 Euro im Jahr 2013 für die Rosia-Montana-Kampagne und 15.000 Euro für Declic im Jahr 2017. „Die Unterstützung kam beide Male genau zum richtigen Zeitpunkt. Ohne sie hätten wir nicht die Massen auf die Straße bringen können. Das war ein super Investment“, lobt die Aktivistin Stephanie Roth.

Und doch scheint vielen aus der Reisegruppe dieser Beitrag geradezu banal im Vergleich zu dem Engagement und Einfallsreichtum, der Hartnäckigkeit und Zuversicht all der Menschen, die wir auf unserer Reise getroffen haben und die sich für ein besseres Rumänien engagieren. So wie Tudor, Roxana, Antoniu und Lumi von Declic, die mitreißende Online-Kampagnen auf den Weg bringen. Oder Claudia, die mit der Organisation Adopt a House historische Denkmäler  in Rosia Montana vor dem Verfall rettet. Oder Tica, der mit seinem Strickwaren-Startup vielen Frauen in Rosia zu einem Nebeneinkommen verhilft.

Tica Darie vor seinem Haus in Rosia Montana, in dem er das Strickwaren-Startup-Unternehmen "Made in Rosia Montana" betreibt. Foto: Wiebke Johanning


Wie es mit Rosia Montana weitergeht, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Die kanadische Goldfirma hat den rumänischen Staat vor einem privaten Schiedsgericht auf eine Entschädigung in Höhe von 4 Milliarden Dollar verklagt. Die Aktivist*innen befürchten, dass die Regierung den Kanadiern am Ende doch noch eine Genehmigung erteilen wird. Für Mihai Gotiu ein Schreckensszenario: „Wir dürfen den Kampf um Rosia Montana nicht verlieren, weil wir sonst auch die Hoffnung verlieren, dass eine andere, nachhaltige Entwicklung möglich ist.“

Stephanie Roth, die mit der Rosia-Montana-Kampagne schon einen Einspruch beim Schiedsgericht eingereicht hat, ist da zuversichtlicher: „Am Ende werden wir gewinnen. Falls wir doch einen Rückschlag erleben, fällt uns eben etwas Neues ein.“ Darauf einen Pflaumenschnaps und den Trinkspruch, den wir am Lagerfeuer in Rosia Montana gelernt haben: Sa moara Goldu! - Möge  Gold sterben!

Die Aktivistin Stephanie Roth hat die Save-Rosia-Montana-Kampagne mit aufgebaut. Foto: Jens Meier

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00