Bewegungsstiftung

Erlebter Widerstand

Der Tagebau Welzow-Süd

Welzow ist eine kleine Stadt in der brandenburgischen Lausitz. Gerade einmal 3500 Menschen leben hier, doch das ist viel für die Gegend. Die meisten Dörfer haben nur ein paar hundert Bewohner. Und die große Einwohnerzahl sichert Welzow sein Überleben. Im Nordosten ist Tagebau, und nun soll auch noch im Südwesten bis Südosten der Kleinstadt Braunkohle abgebaut werden. Dann wäre Welzow nicht mehr die „Stadt am Tagebau“, wie es auf dem Ortsschild heißt, sondern die Stadt, eingeschlossen vom Tagebau. Nur vom Nordosten wäre der Ort noch erreichbar. „Egal, von wo der Wind dann kommt, wir stehen immer im Dreck“, sagt Hannelore Wodtke. „Der klebt uns sogar zwischen den Zähnen.“

Hannelore Wodtke wohnt 300 Meter vom Tagebau Welzow Süd entfernt.

Die kleine Frau mit den braunen Locken wohnt nur 300 Meter Luftlinie vom Vattenfall-Tagebau Welzow-Süd entfernt. Mit dem Dreck meint sie den trockenen Staub vom sogenannten Abraum: Um an den Kohleflöz heranzukommen, müssen zunächst mehrere hundert Meter Erde aus dem Boden geholt werden – achtmal so viel wie Kohle. Auf den letzten Metern schippen Bagger die Erde in lockeren Haufen immer höher an den Rand der Grube. Wenn Wind aufkommt, trägt er den lose aufliegenden Staub mit sich fort und ins nächste Dorf hinein.

Wir stehen auf der Aufsichtsplattform, die der Energiekonzern Vattenfall am südlichen Ende des Tagebaus aufgebaut hat. Ein Betondach, eine steinerne Bank, ein Picknicktisch. Kein Ort zum Verweilen. Unsere 29-köpfige Reisegruppe besteht aus Stiftern der Bewegungsstiftung und deren Angehörigen, dem Vertreter eines Förderprojektes und Mitarbeitern der Geschäftsstelle der Stiftung. Wir blicken auf das gigantische Loch und die im Hintergrund aufsteigenden Dampfschwaden aus den Kühltürmen des Kohlekraftwerkes Schwarze Pumpe. Hier ist der Startpunkt unserer dreitägigen Studien- und Aktionsreise durch die Lausitz. Organisiert hat die Fahrt unser Gründungsstifter Gerald Neubauer, der zwei Jahre als Anti-Kohle-Campaigner bei Greenpeace gearbeitet und sich intensiv mit der Lausitz beschäftigt hat. Am Tagebau begrüßt uns mit Hannelore Wodtke die Vorsitzende des Umweltaussschusses der Stadt Welzow sowie der Wählervereinigung „Grüne Zukunft Welzow“.

Gerald Neubauer zeigt uns, wo der Tagebau-Neubau Welzow-Süd II geplant ist.

Die Wählervereinigung wurde erst dieses Jahr gegründet, denn jetzt ist für die Lausitzer der Widerstand gegen die Braunkohle wichtiger denn je: Gerade hat die rot-rote Koalition in Brandenburg dem Tagebau Welzow-Süd II zugestimmt. Ab 2026 will Vattenfall dort zusätzlich 200 Millionen Tonnen Braunkohle fördern. 800 Menschen droht die Umsiedlung, darunter die 350 Bewohner des Dorfes Proschim, die sich schon einmal erfolgreich gegen eine Umsiedlung gewehrt hatten. Welzow soll nicht abgebaggert werden: Mit 3500 Menschen will sich Vattenfall dann doch nicht anlegen.

50/50 für den Tagebau

Zumal die Zahl der Braunkohlegegner in Welzow, der sich selbst zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt, stark zugenommen hat. Rund die Hälfte der Bewohner ist gegen Vattenfall, die andere Hälfte votiert für das weitere Abbaggern von Braunkohle. „Das sah schonmal anders aus, da waren noch zwei Drittel für den Tagebau. Aber wir haben viel Überzeugungsarbeit geleistet“, erzählt Wodtke. Viele Menschen hängen am Tagebau, weil ihre Arbeitsplätze davon abhängen. Vattenfall ist der größte Arbeitgeber der Region.

Das Dorf Proschim soll abgebaggert werden.

Überzeugungsarbeit, die will auch die Initiative „Strukturwandel jetzt – Kein Nochten II“ im sächsischen Teil der Lausitz leisten. Das Projekt wird seit Juli von der Bewegungsstiftung mit knapp 14.000 Euro gefördert. Vertreter der Initiative besuchen uns zum Abendessen in der ehemaligen LPG in Proschim, der heutigen Landwirte GmbH Terpe-Proschim, einer der größten Produzenten von erneuerbaren Energien in der Lausitz, die im vergangenen Jahr dem Klimacamp eine Heimat gegeben hatte. Auf den Dächern des Betriebes sind Solaranlagen montiert, hinzu kommt eine Biogas-Anlage mit Kraft-Wärme-Kopplung.

Adrian Rinnert und Ursula Eichendorff berichten, wie Vattenfalls Informationsmaschinerie funktioniert: Der Energiekonzern finanziert zum einen den Verein Pro Braunkohle mit. Zum anderen wirft Vattenfall den Menschen in der sächsischen Lausitz regelmäßig zwei Zeitschriften in den Briefkasten. Eine davon ist die „Struga“, die vom ehemaligen Redakteur der „Lausitzer Rundschau“ Gerhard Fugmann verantwortet wird. Fugmann bestreitet den Beitrag des Menschen zum Klimawandel und meint, dass man in Deutschland gegen die globale Erwärmung sowieso nichts tun könne.

Geschreddert mit Öko-Strom

„Strukturwandel jetzt – Kein Nochten II“ antwortet auf die Vattenfall-Medien mit Gegeninformation. Vom Fördergeld der Bewegungsstiftung wird unter anderem die Zeitschrift „Nochten heute“ mitfinanziert, die seit rund einem Jahr ebenfalls kostenlos in den Briefkästen landet. Die Zeitschrift wirft einen kritischen Blick auf den Braunkohleabbau und die Umsiedlungsproblematik. Damit stoßen Rinnert und Co. auf großen Widerstand. Dreimal sei ihr Briefkasten schon gesprengt worden, berichtet Rinnert. Und immer wieder bekommen sie ihre Zeitschrift zurückgeschickt. Einmal fand Rinnert das witzig: „Neben Papierschnipseln stand auf einem beigelegten Zettel: 'Geschreddert mit Öko-Strom'. Da hat sich wenigstens mal einer Gedanken gemacht.“

Auch im polnischen Teil der Lausitz plant der staatliche Energiekonzern Polska Grupa Energetyczna (PGE) einen Tagebau. Er wäre der erste der Region, obwohl Polen schon jetzt seinen Energiebedarf zu 90 Prozent aus Kohle bestreitet. Die Regierung will weiter an dem schmutzigen Energieträger festhalten. Am Samstag besuchen wir zunächst den randbetroffenen Ort Brody, dessen beeindruckendes Schloss komplett ausgebrannt ist und erst jetzt mit Hilfe anonymer Spendengelder wieder aufgebaut wird.

Der Tagebau auf polnischer Seite soll 100 Quadratkilometer groß werden und 140 Meter tief. 2000 Menschen müssten ihre Heimat verlassen. Die meisten von ihnen wohnen in Biecz (Beitsch) und Grabice. Hinzu kommen Pläne für ein riesiges neues Braunkohlekraftwerk mit 3000 Megawatt Leistung, in dem die Braunkohle verbrannt werden soll.

Menschenkette verbindet Deutschland und Polen

Wann mit dem Bau begonnen werden soll und die ersten Häuser abgebaggert würden, ist noch unklar. Doch bevor Widerstand zu spät ist, haben Umweltverbände und Bürgerinitiativen für diesen Samstag zu einer Menschenkette aufgerufen, die die beiden Orte Grabice in Polen und Kerkwitz in Deutschland miteinander verbinden soll, um auf beiden Seiten der Neiße zu zeigen: Die Menschen in der Lausitz wollen keine neuen Tagebaue.

 

Auch wir nehmen im Rahmen unserer Studien- und Aktionsreise an der Menschenkette teil. Nach einem kurzen Schauer packen wir unsere Regenjacken wieder ein und sammeln uns auf einer sonnigen Lichtung. Weil nicht ganz klar ist, wo noch Lücken zu schließen sind, wandern wir mal in die eine, mal in die andere Richtung. Doch schließlich ist sicher: Die Menschenkette ist ein voller Erfolg: 7500 Menschen nicht nur aus Deutschland und Polen, auch unter anderem aus Luxemburg und Slowenien halten sich Hand an Hand, um der Braunkohle eine Absage zu erteilen. „Sonne und Wind statt Kohle und Atom!“ rufen auch die Kinder in unserer Gruppe. Unerwartet mischt sich zwischendurch ein weiterer Stifter in unsere Reihen, der vom Klimacamp herübergefahren ist. Dorthin fahren am frühen Abend auch einige unserer Reiseteilnehmer, die von der positiven Stimmung dort ganz angetan sind. Erfüllt mit neuen Eindrücken und Bekanntschaften geht es am Sonntagvormittag mit dem Bus gemeinsam zurück nach Berlin.

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