Bewegungsstiftung

Das war die Strategiewerkstatt 2016

Was haben unsere Förderprojekte im vergangenen Jahr erreicht? Was können soziale Bewegungen Rassismus und Abschottung entgegensetzen? Wie geht es mit der Klimabewegung nach dem Paris-Abkommen weiter? Wie haben Online-Kampagnen die Bewegungslandschaft verändert? Das waren einige der Fragen, die Ende Februar auf der Strategiewerkstatt in Berlin diskutiert wurden.

Den Auftakt am Freitagabend machten wie jedes Jahr die Förderprojekte, die ihre Arbeit beim kurzweiligen Pecha-Kucha-Vortrag vorstellten. Jedes Projekt hatte dazu genau zwanzig Bilder und 6 Minuten und 40 Sekunden Zeit. Dieses Jahr waren mit Kohleausstieg Berlin, Afrique-Europe-Interact, der Bewegungsarbeiterin Dorothee Häußermann, Intelexit, aktion.arbeitsunrecht und Verfolgungsprofile lauter Vortragende dabei, die 2015 neu in die Förderung aufgenommen wurden.


Willkommenskultur verteidigen - aber wie?
Am Samstag ging es nach der Aussprache über den Geschäftsbericht dann in einer Podiumsdiskussion um das beherrschende Thema 2015: Flucht und Migration. Was können soziale Bewegungen im Streit um Bewegungsfreiheit und für eine starke Willkommenskultur tun? Welche Strategien können sie entwickeln und welche Unterstützung ist gefragt? Miriam Edding von der Stiftung :do, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen einsetzt, sprach von einer „historischen Situation“ in Europa. Das alte Grenzregime, das Flüchtlinge jahrelang dazu gezwungen habe, in Europa umherzuirren, sei hinweggefegt worden. „Gleichzeitig sind neue Unterstützungsstrukturen von der Türkei bis Nordeuropa entstanden“, erklärte Edding. Dieses Aufblühen selbstorganisierter Initiativen gelte es zu unterstützen. Gleichzeitig sei es wichtig, nun über Modelle nachzudenken, wie das Zusammenleben mit den neu Hinzugekommenen gelingen könne. Wie soll der Wohnungsbau aussehen? Wie kann eine gute Bildung aussehen? Wie können wir Wohlstand gerecht verteilen? Das seien die Fragen der Zukunft.


Während viele aus dem Publikum eine stärkere Politisierung der Willkommensinitiativen forderten, verteidigte Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung den direkten Hilfseinsatz: „Charity ist besser als gar nichts. Engagement und Hinwendung ist besser als Ablehnung. Schaut euch die Gesichter der Leute beim Brandanschlag in Clausnitz an. Das will man nicht. Es braucht Leute, die mit Wärme und Menschlichkeit der Kälte entgegentreten.“ Deshalb habe die Amadeu-Antonio-Stiftung, die gegen Rassismus und für eine starke Zivilgesellschaft streitet, einen Willkommensfonds aufgelegt, um die Initiativen vor Ort zu unterstützen. Wichtig sei eine Professionalisierung des Ehrenamtes

Bewegungsarbeiter Rex Osa, der seit Jahren Geflüchtete bei der Selbstorganisation unterstützt, betonte, dass Solidarität nur ein erster Schritt sein könne. Genauso wichtig sei es, nach den Fluchtursachen zu fragen und selbst aktiv zu werden „Die Verantwortung geht an uns. Wenn wir stark und einig sind, können wir Politik verändern.“


Am Samstagnachmittag standen drei Arbeitsgruppen auf dem Programm. Eine beschäftigte sich mit der Wirkung unserer Förderung. Im vergangenen Jahr hatte die Bewegungsstiftung ihren Förderansatz extern evaluieren lassen. Als Reaktion darauf schlägt die Arbeitsgruppe Evaluation vor, die Wirkungsorientierung in der Förderung zu stärken, das heißt, den Förderprojekte nahezubringen, die Frage nach der Wirkung schon beim Planen einer Kampagne mitzudenken. Die Arbeitsgruppe auf der Strategiewerkstatt kam zu der Auffassung, dass auch qualitative Wirkungsmessung bei Kampagnen möglich ist. Diese solle aber keine Auflage für die geförderten Projekte sein, da qualitative Messungen auch sehr aufwändig sein und viel Zeit und Ressourcen binden können.

Wie geht es mit der Klimabewegung nach dem Paris-Abkommen weiter? Das war das Thema einer AG zu Klimagerechtigkeit und Anti-Kohle-Bewegung. Darin berichteten Aktive über die Erfolge der Ende-Gelände-Aktion 2015 im rheinischen Braunkohlerevier und zeigten sich skeptisch gegenüber den Vereinbarungen der Klima-Konferenz in Paris. Die hohen Ziele ließen sich mit freiwilligen Verpflichtungen kaum erreichen
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Phil Ireland vom Open-Netzwerk berichtete von den weltweiten Veränderungen in der Bewegungslandschaft.


Eine weitere AG beschäftigte sich mit den Veränderungen der Bewegungslandschaft im Zeichen des Online-Campaigning. Phil Ireland vom Open-Netzwerk, der weltweit 18 Online-Campaigning-Organisationen angehören und Christoph Bautz vom Online-Netzwerk Campact berichteten von den Entwicklungen der letzten Jahre. So haben sich in vielen Ländern neue Kampagnen-Organisationen entwickelt, die für progressive Politik streiten, zu verschiedenen Themen arbeiten und stark auf Online-Mobilisierung setzen. Campact zum Beispiel, 2004 gegründet, erreicht mit seinem E-Mailverteiler mittlerweile über 1,7 Millionen Menschen. Einig war man sich in der AG, dass Online-Campaigning eine große Beschleunigung, Mobilisierungskraft, Professionalisierung und hohe Spendenaufkommen in die Bewegungslandschaft gebracht hat.

Campact und Co haben die Messlatte hochgesetzt
Viele sahen es aber auch als Problem, dass Campact und Co die Messlatte für den Erfolg von Petitionen sehr hochgesetzt hätten. 60.000 Unterschriften seien nichts mehr Wert, wenn Campact regelmäßig 600.000 und mehr sammelten. Kritisiert wurde auch die Machtposition innerhalb der Bewegungslandschaft, die durch die hohen Spendenaufkommen entstünden und die Tatsache, dass ein Mausclick unter eine Online-Petition noch lange kein politischer Aktivismus sei.

Den Vorwurf nur „Clicktivism“ zu fördern, ließ Phil Ireland nicht gelten: „Mit unseren Petitionen erreichen wir Menschen, die sich sonst nicht mit dem Thema beschäftigen würden.“ Und Christoph Bautz ergänzte: „ Die Aktionen, die wir parallel zu den Online-Petitionen anbieten, können die Tür öffnen, selbst politisch aktiv zu werden.“

Ulrike Baureithel war sieben Jahre im Stiftungsrat.


Am Samstagabend hieß es dann Abschied nehmen – Abschied von insgesamt 17 Jahren Engagement im Stiftungsrat. Auf so viele Dienstjahre im obersten Entscheidungsgremium der Stiftung kommen Ulrike Baureithel, Hermann Daß als Vertreter der StifterInnen und Jochen Stay als Vertreter der geförderten Projekte zusammengerechnet. Alle drei scheiden dieses Jahr aus dem Stiftungsrat aus und wurden in einer Feierstunde am Samstagabend verabschiedet. Leider konnte Jochen Stay aus Krankheitsgründen nicht persönlich teilnehmen.

Viele E-Mails durch das Ehrenamt
Geschäftsführer Matthias Fiedler hob den großen persönlichen Einsatz, die Meinungsstärke und das große Wissen über soziale Bewegungen, Geldanlage und das politische Tagesgeschehen hervor, das die drei in die Bewegungsstiftung eingebracht haben. Dafür gebühre ihnen großer Dank. Ulrike Baureithel, seit 2009 im Stiftungsrat, erklärte, im Nachhinein sei sie selbst erschrocken gewesen, wie viel E-Mails in den letzten Jahren durch das Ehrenamt in ihrem Posteingang aufgelaufen seien. Aber der Einsatz habe sich dank der tollen StifterInnen und der Befriedigung, Geld an wichtige Projekte verteilen zu können, gelohnt. Sie hob hervor: „Trotz vieler wechselnder Konstellationen haben wir im Stiftungsrat immer in guter Atmosphäre gearbeitet. Ich werde euch wahnsinnig vermissen!“ Ein wenig Zeit zum Abschiednehmen wird ihr noch bleiben. Da noch keine Nachfolge gefunden ist, wird Ulrike bis Mai 2016 kommissarisch im Amt bleiben.


Hermann Daß, seit 2011 im Stiftungsrat und außerdem langjähriges Mitglied im Anlageausschuss, bedankte sich bei seinen „Miträten“ für ihre Wärme, ihr Wissen und die Courage, mit einer Entscheidung im Stiftungsrat auch mal alleine zu stehen.

Ein Geschenk für den Fördertopf

Zum Abschied übergab er der Bewegungsstiftung ein Geschenk – einen Goldbarren, den er selbst von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. „Ich habe meinen Vater damals gefragt: Was bedeutet dir das Gold?“, berichtete Hermann Daß. „Er sagte: Ein Stück Freiheit.“ Er habe damals lange über diesen Freiheitsbegriff nachgedacht, der nicht der seine sei. Außerdem habe er überlegt, woher das Gold komme und welche Arbeit darin stecke. Dabei spielte auch die Kampagne gegen ein zerstörerisches Goldabbau-Projekt im rumänischen Rosia Montana eine Rolle, welche die Bewegungsstiftung 2013 unterstützt hatte. Vor einigen Jahren sei sein Vater gestorben, sagte Hermann Daß. Nun fühle er sich frei, mit dem Gold, das etwa 15.000 bis 20.000 Euro wert ist, zu machen, was er für richtig halte. „Ich gebe es der Bewegungsstiftung in den Fördertopf, damit sie damit gute Kampagnen unterstützen kann.“

Ulrike Bock und Stefan Diefenbach-Trommer wurden auf der Strategiewerkstatt in den Stiftungsrat gewählt.


Am Sonntag wählten der Beirat der StifterInnen und die Versammlung der geförderten Projekte dann ihre neuen VertreterInnen in den Stiftungsrat. Ulrike Bock ist neue Vertreterin der StifterInnen. Sie ist Lateinamerikahistorikerin (Jahrgang 1976) und seit Gründung der Bewegungsstiftung Stifterin. Sie lebt in Münster, unterrichtet an der dortigen Fachhochschule und forscht unter anderem zur mexikanischen Geschichte. Seit 2009 ist sie in der Projektbegleitung der Bewegungsstiftung aktiv, seit 2014 auch in der AG Evaluation. Besonders wichtig sind ihr zwei Fragen, die sie als neue Stiftungsrätin angehen möchte: Erstens: Soll die Bewegungsstiftung nicht nur auf Antrag, sondern auch proaktiv fördern,das heißt zum Beispiel in bestimmten Bereichen selbst nach Akteuren suchen? Und zweitens: Braucht es neue Förderinstrumente? Hier müsste laut Ulrike die Bestandsaufnahme am Anfang stehen. Wo sind Lücken? Was wird in Bewegungen gebraucht? Erst dann kann eine passende Reaktion folgen.

Neue Impulse für die Stiftung
Neuer Vertreter der geförderten Projekte ist Stefan Diefenbach-Trommer. Der gelernte Redakteur und Campaigner (Jahrgang 1971) ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Familie in Marburg. Zurzeit ist er Koordinator der Allianz für ein neues Gemeinnützigkeitsrecht, die von der Bewegungsstiftung mit initiiert wurde. Zuvor war er Mitarbeiter bei der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt und der Kampagne „Bahn für alle“, beides ehemalige Förderprojekte der Bewegungsstiftung. Seit 2009 arbeitet Stefan bei der AG Evaluation mit. Aus dieser Arbeit will er neue Impulse zur Wirkungsorientierung in den Stiftungsrat einbringen.

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