Bewegungsstiftung

Bitte enterbt mich!

Die Zeit, Nr. 43, 13. Oktober 2016

Unsere Autorin könnte sich von ihrem Erbe eine Jacht kaufen, ein Haus bauen oder mit ihrer Familie auf Weltreise gehen. Doch sie sagt: Das habe ich nicht verdient.

Erben ist ungerecht, sagen die, die nicht geerbt haben. Erben zementiere Ungleichheit, es befördere die Spaltung der Gesellschaft und widerspreche der Idee der Leistungsgesellschaft, schimpfen die, die nichts abbekommen vom großen Erbschaftskuchen, der gerade verteilt wird. Unvorstellbare drei Billionen Euro, etwa das Zehnfache des Bundeshaushalts, sollen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren an die nächste Generation weiter gereicht werden. An Leute, die dafür nichts weiter zu tun brauchen, als die Hände aufzuhalten. An Leute wie mich.

Meine Eltern sind keine Superreichen, keine Fabrikbesitzer oder Topmanager. Sie waren Beamte, die immer fleißig ihrer Arbeit nachgegangen sind und sparsam gelebt haben. Das Geld, das sie übrig hatten, haben sie in festverzinslichen Wertpapieren und Aktien angelegt. Ich spreche hier also nicht im Namen der milliardenschweren Unternehmerfamilien, die mit ihrer Lobbyarbeit gerade die Debatte um die Erbschaftssteuer so erfolgreich beeinflussen. Ich spreche für den gut verdienenden Mittelstand der alten Bundesrepublik, der in den 70er und 80er Jahren noch beträchtliche Summen anhäufen konnte. Für Bundesschatzbriefe gab es damals satte 8 Prozent Zinsen. Davon haben meine Eltern profitiert; ihr Vermögen ist über die Jahre beträchtlich gewachsen. Sie leben beide noch, aber einen Teil ihres Geldes haben sie meinem Bruder und mir bereits vor langer Zeit als Schenkung vermacht: rund eine halbe Million D-Mark. Angelegt in Aktien, deren Wert über die Jahre weiter gewachsen ist.

Von dem Geld kann ich mir kein Schloss kaufen, aber ich könnte mir ein schönes Haus leisten. Oder eine kleine Yacht und in den Ferien mit meiner Familie im Mittelmeer herum fahren. Wir könnten ein Jahr lang auf Weltreise gehen und müssten uns keine Gedanken um die Finanzierung machen. Wir hätten genug Geld, um anschließend noch ein paar Sabbatjahre dranzuhängen. Oder um unseren Kindern den Besuch eines Eliteinternats oder ein Studium in Harvard zu bezahlen.

Es sind so viele Möglichkeiten, die mir das Erbe bietet. Aber für keine davon gebe ich das Geld aus. Denn ich finde Erben ungerecht. Ich bekomme etwas, für das ich nichts tun musste, außer die richtigen Eltern zu haben. Dabei hatte ich bereits bessere Startbedingungen als die meisten: Meine Eltern haben mich schon als Kind liebevoll unterstützt. Ich habe eine gute Ausbildung genossen und musste mein Studium nicht durch eigene Arbeit finanzieren. Jetzt stehe ich mitten im Beruf und bin stolz darauf, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich wundere mich nur: Auf mein Einkommen erhebt der Staat Steuern. Mein Vermögen aber lässt er unangetastet. Warum?

Warum diskutieren wir die Ungleichheit von Einkommen, Stichwort Managergehälter – aber nicht die von Vermögen, häufig gespeist durch große Erbschaften? Warum soll ich etwas behalten dürfen, für das ich nichts geleistet habe?

Ich habe viele Freunde, die am Ende des Monats auf Plus Minus Null sind. Obwohl sie genauso viel arbeiten wie ich, wissen sie noch nicht, wie sie ihren Kindern einmal die Ausbildung finanzieren sollen. Wenn ihr Auto vor der Zeit den Geist aufgibt, haben sie ein Problem. Selbst Menschen, die gut verdienen, zahlen in der Regel 30 Jahre lang ihr Haus ab. Und sie stehen manchmal vor der Frage, ob sie in den Sommerurlaub fahren oder der Tochter ein Auslandsjahr finanzieren sollen. Für Leute, die noch nicht mal wissen, wie lange sie ihre Innenstadtmiete noch zahlen können, sind das natürlich Luxussorgen. Aber: Mit eigener Arbeit wird heute fast keiner mehr reich. Dass die Lebenswelten der Wohlhabenden und des großen anderen Teiles immer weiter auseinanderdriften, hat kaum mehr mit Einkommensunterschieden zu tun, aber immer häufiger damit, in welches Land, welche Schicht und welche Familie hinein wir geboren wurden.
Die Analysen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty zeigen, dass es ständig wachsende Kapitaleinkommen sind, vor allem Einnahmen aus Grundbesitz, die die Spaltung der Gesellschaft weiter betonieren. In Deutschland, wo die Einkommensunterschiede noch im europäischen Durchschnitt liegen, sind die Vermögen heute schon stärker konzentriert als in unseren Nachbarländern. Laut Sozialbericht der OECD besitzen die reichsten zehn Prozent der Deutschen 60 Prozent des Vermögens – und das vererben sie ihren Kindern.

Ich schreibe diesen Artikel unter einem Pseudonym. Ich möchte nicht erkannt werden. Ich möchte nicht diejenige sein, die geerbt hat. Erben findet im Verborgenen statt. Vor allem, weil es in einem so eklatanten Widerspruch zur Idee der Leistungsgesellschaft steht, die allen die gleichen Chancen eröffnet. Mein Chef soll bei der nächsten Gehaltsverhandlung nicht denken, ach die Erbin, die hat das doch gar nicht nötig. Ich möchte, dass meine Leistung honoriert wird, und verhandele deshalb um Geld, das ich gar nicht brauche. Das ist grotesk.

Noch komplizierter ist es im Privaten. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, habe ich ihm frisch verliebt recht bald von meinem Vermögen erzählt. Zuerst hat er gar nicht verstanden, warum ich damit so verkrampft bin. Für ihn bedeutete das Geld Freiheit. Doch als wir später mal darüber nachdachten, wie es wäre, wenn wir uns davon ein Haus kauften, begann er zu zögern. Er wollte sich nicht indirekt von meinen Eltern aushalten, sein Heim finanzieren lassen. Das sollten wir schon selber schaffen!
Ich stamme aus dem Westen, mein Mann aus dem Osten. Wir kommen aus einer ähnlichen sozialen Schicht. Aber das Erbe stand plötzlich zwischen uns. Sicher hätten seine Eltern, wenn sie denn im Westen gelebt hätten, auch ein Erbe angespart. Haben sie aber nicht, weil das die Ostgehälter nicht hergegeben haben. Was wir im Privaten merken, spiegelt das, was auf der großen Ost-West-Bühne noch eine längere Tragödie werden wird: Im Westen vererben die Eltern ihren Kindern Häuser, Firmen, Geld. Im Osten nicht. Man braucht keine Glaskugel, um zu vorherzusehen, dass hier eine weitere Spaltung der Gesellschaft in Ost und West zementiert wird.

Ich habe die Schenkung meiner Eltern im Alter von 18 Jahren angenommen, ohne mir Gedanken zu darüber zu machen, was da alles dranhängt. Mir war nicht klar, dass wir den Staat um die viel zu geringe Erbschaftssteuer brachten. Und ich wusste auch nicht, dass das Geld, trotz allen theoretischen Möglichkeiten, die es bietet, auch immer eine Bürde sein würde. Denn ich hatte nie das Gefühl, damit Tun und Lassen zu können, was ich will. Fänden meine eher konservativen Eltern es wirklich gut, wenn ich es für Kampagnen gegen das Freihandelsabkommen TTIP oder für den Kohleausstieg spende? Oder wenn ich mich für ein paar Jahre auf die  faule Haut lege und nur von ihrem Ersparten lebe? Das Erbe ist ja meist kein selbstloses Vermächtnis, sondern es ist verbunden mit einem impliziten Auftrag, es im Sinne des Gebers zu verwalten.

Diese Erfahrung habe ich selber gemacht, als ich einmal eine größere Summe an eine Freundin verschenkt habe. Sie hat sich davon ein Auto gekauft, ein sehr altes Auto, das nach kaum einem Jahr schon wieder kaputt war. Mich hat das sehr geärgert. Hätte sie nicht mehr Sorgfalt bei der Auswahl des Autos an den Tag legen  – oder hätte sie nicht gleich etwas Sinnvolleres davon kaufen können?
Auch mir ist es nicht egal, was die Leute mit meinem Geld machen. Und ich reagiere allergisch, sobald Erwartungen an mich herangetragen werden. Eine Freundin, die von meinem Vermögen wusste, erwartete plötzlich, dass ich ihr das Bier in der Kneipe bezahle. Doch muss ich immer großzügig sein? Ist meine Weigerung, jede Kneipenrechnung zu bezahlen, knauserig? Wäre es nicht auch ziemlich großkotzig, wenn ich immer für Bier, Pizza und Kino-Besuche aufkäme?
Damit solche Fragen gar nicht mehr aufkommen, ist meine Erbschaft inzwischen mein Geheimnis. So kann ich mir aussuchen, ob und wen ich einlade. Manchmal leihe ich Freunden Geld, das diese über Monate und Jahre ohne Zinsen zurückzahlen. Es ist mir dann egal, ob sie es in kaputte Autos oder die Ausbildung ihrer Kinder stecken.

Doch auf Dauer ist das kein Zustand. Was hat die Gesellschaft davon, wenn ich nach Gutdünken Geld verleihe, das mir gar nicht zu steht? Der Graben zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzende wird dadurch nicht geringer. Deshalb habe ich einen, zugegeben geringen, Teil meines Vermögens der Bewegungsstiftung gespendet. In der Bewegungsstiftung finden sich Leute zusammen, denen es ähnlich geht wie mir. Viele haben geerbt, viele profitieren vom bundesdeutschen Wohlstandserbe und empfinden das als Ungerechtigkeit. Mit unserem Geld fördern wir zivilgesellschaftliche Initiativen, zum Beispiel für fair produzierte Kleidung oder die Rechte von Flüchtlingen. Darüber hinaus haben einige der Stifter mit der Initiative „Vermögende für eine Vermögensabgabe“ eine Debatte über eine faire Vermögens- und Erbschaftssteuer angestoßen.

Mein persönlicher Beitrag in dieser Debatte lautet: Lieber Staat, bitte mach es mir doch nicht so schwer – enterbe mich einfach!  Ich möchte in einer Welt leben, in der jeder Mensch ähnliche Startbedingungen und Chancen hat. Da das unmöglich ist – der eine sieht schöner aus als der andere, die eine ist intelligenter als die andere – sollten wenigstens die finanziellen Voraussetzungen vergleichbar sein. Warum also nicht jedes Neugeborene mit einem Gutschein für ein Grundkapital ausstatten, das in Bildung und Ausbildung investiert werden kann?

Geld genug wäre da, wenn sich der Staat endlich trauern würde, Vermögen stärker zu besteuern als Arbeit. Und wenn die Erbschaftssteuer nicht meist unterhalb des Mehrwertsteuersatzes läge.
Ich fände eine Erbschaftssteuer fair, deren Satz mit dem Alter ansteigt. Als 40-jährige würde ich beispielsweise 40 Prozent abführen; bei einer 80-jährigen betrüge der Steuersatz dann 80 Prozent. Und: Natürlich soll es immer einen ordentlichen Freibetrag geben für die Goldkette von Tante Käthe und das Gemälde von Onkel Erwin. Das ist nicht das Entscheidende. Es geht darum, das Prinzip der Familiendynastien auszuhebeln. Es geht darum, dass Leute wie ich ihren Kindern nicht ein fettes Vermögen in den Schoss legen können, während andere gar nichts haben.

 

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