Bewegungsstiftung

Süddeutsche Zeitung, 12. April 2012

Entrüstet? Wegen der Atomkraft, des Castor-Transports oder einer neuen Startbahn? Frau Lecomte protestiert hier wie dort. Bezahlt wird sie von jenen, die sagen: keine Zeit

Von Thorsten Schmitz

Es ist so kalt auf dem Vorplatz vom Münsteraner Bahnhof, dass der Kugelschreiber versagt. Die Menschen flüchten in Busse und unter das warme Gebläse am Eingang des DB-Reisezentrums. Eine junge Frau im flaschengrünen Overall fällt auf: Sie steht. An ihrem Rucksack baumeln Kletterkarabiner. In Münster gibt es keine Berge. Die junge Frau arbeitet. Ihr Büro wird an diesem Vormittag der Berliner Platz vor dem Bahnhof von Münster sein. Die Zeiger der Bahnhofsuhr rücken auf elf, als die junge Frau in die Höhe strebt. Niemand nimmt Notiz von ihr, wie sie Klettergurte um einen Laternenmast zurrt, die Beine anwinkelt, die Hände um den Pfosten schmiegt. Sie schiebt sich nach oben.

Die junge Frau heißt Cécile Lecomte. Sie ist 30 Jahre alt und hat noch nie in einem Büro gearbeitet. Vor einem Computer sitzen, Kollegen in der Kaffeeküche treffen, den Sommerurlaub ein halbes Jahr im Voraus planen, das ist nicht ihr Ding. Ihr Ding ist: den Alltag zu erschüttern. An die Gefahren von Atomkraft erinnern, auch wenn gerade kein Atomkraftwerk in Japan explodiert ist. 20 Meter über dem Boden schwebend, winkt Cécile Lecomte nach unten, als sie oben angekommen ist. Dann schaut sie über die vierspurige Straße zum Lichtmast gegenüber, wo ein junger Mann ebenfalls unter einer Laterne hängt. Gleich entrollen sie ein Transparent, auf dem steht: „Keine Urantransporte!“

Zwei Stunden wird Cécile Lecomte am Laternenmast hängen. In ihrem Rucksack hat sie eine Thermoskanne mit warmem Tee und ihren Glücksbringer, ein Eichhörnchen aus Kunstfell. Wenn ihr die Knochen weh tun, schwingt sie sich kopfüber nach unten und lässt sich baumeln, die Beine zum Spagat gespreizt. Sie lächelt dabei, als sähe sie jetzt Strand und Meer. Was sie tatsächlich sieht: drei Dutzend Polizisten und einen Einsatzleiter, der, wenn man ihn fragt, was er jetzt vorhabe, zu Cécile Lecomte nach oben schaut und sagt: „Wir müssen jetzt erst mal die Lage sondieren.“

Ihr Pate sitzt auf einem Krebskongress, während sie am Laternenmasten hängt.

Ein paar Tage zuvor, in Lüneburg, wo sie lebt, hatte Cécile Lecomte gesagt: „Ich bin lieber oben als unten. Ich habe Bodenangst, keine Höhenangst.“ Sie hat es zu ihrem Beruf gemacht zu klettern, sich abzuseilen, sich anzuketten, sich auf Schienen zu legen. Sie kennt das summende Geräusch von herannahenden Zügen. Und sie kennt das Geräusch von Hubschraubern, die über ihr kreisen.

Für Cécile Lecomtes Beruf gibt es keine Ausbildung, man braucht keinen Uni- Abschluss und kein Lehrzertifikat. Man braucht nur: Lust. Lust darauf, den Lauf der Welt zu stören. Lust darauf, in der „Tagesschau“ erwähnt zu werden. „Bewegungsarbeiterin“ heißt Cécile Lecomtes Beruf. Erfunden hat ihren Job eine Stiftung, die vor zehn Jahren von Menschen gegründet wurde, die viel Geld geerbt, aber kein Interesse an schicken Autos und Eigenheimen mit Indoor-Pools hatten. Die Stiftung heißt „Bewegungsstiftung“. Zehn Menschen arbeiten mit Hilfe der Stiftung, einer von ihnen ist Cécile Lecomte. Ihr Leben, ihre Arbeit, wird von anderen Menschen in Deutschland finanziert. Es sind Menschen, die sich nie selbst auf Bahngleise legen würden, es aber toll finden, dass Cécile Lecomte so etwas macht. Sie zahlen, damit sie gegen den neuen Bahnhof in Stuttgart demonstriert, gegen die dritte Startbahn auf dem Frankfurter Flughafen oder gegen die Castor-Transporte. Die Stiftung überweist das Geld an Cécile Lecomte, rund 800 Euro im Monat. Zweimal im Jahr schreibt die Patentochter ihren Paten Briefe, in ihnen steht, was sie so gemacht hat. Der Laptop, auf dem sie die Briefe schreibt, Zeitungsartikel archiviert und über Prozesse gegen sie wegen Ordnungswidrigkeiten bloggt, hat sie von einem Vorschuss der Stiftung gekauft.

Wilhelm Achelpöhler ist einer von Cécile Lecomtes Paten, er lebt in Münster. Hermann Daß ist ein anderer, er lebt in Kassel. Und Barbara Hauck wohnt in Köln. Sie sind drei von dreißig Lecomte-Finanziers. Sie überweisen ihr jeden Monat Geld – und erhalten dafür Dienstleistungen. Die Dienstleistungen sind: Proteste, Blockaden, Demonstrationen, Vorträge. Früher ist man auf Demonstrationen gegangen. Man hatte ein schlechtes Gewissen, wenn man es nicht gemacht hat. Heute kann man andere für sich demonstrieren lassen. Outsourcing im Bürgerbewegungsbereich. Wenn Cécile Lecomte protestiert, ist ihr Markenzeichen immer dabei: das Eichhörnchen. Als Maskottchen am Rucksack oder als Emblem auf ihrem T-Shirt, umrahmt von einem fünfzackigen Stern. Cécile Lecomte personalisiert den Widerstand. Wenn der Castor-Transport gestoppt wird, ist das nicht mehr eine anonyme Masse von Menschen. Sondern: eine Französin, die in Orléans aufwuchs und seit zehn Jahren in Deutschland lebt, eine Hobby-Kletterin, die Betriebswirtschaft in Bayreuth studiert hat und bis vor drei Jahren noch als Französischlehrerin an einer Waldorfschule unterrichtet hat – bis ihr die Schulleitung nahelegte zu gehen, denn eine Lehrerin mit regelmäßigen Polizeikontakten, das passe nicht.

An dem Freitag, während Cécile Lecomte am Laternenmast hängt, studiert Wilhelm Achelpöhler Akten. Sein Büro liegt zehn Minuten zu Fuß vom Münsteraner Bahnhof entfernt. Er wusste von Lecomtes Aktion gegen Urantransporte und hatte sich eigentlich vorgenommen, vorbeizuschauen. „Aber es war dann fürchterlich viel zu tun“, sagt er. Er musste Prozessakten wälzen für einen Termin beim Oberverwaltungsgericht. Achelpöhler ist Rechtsanwalt, Fachgebiet Normenkontrollverfahren, Bebauungspläne, Verwaltungsrecht. Während Cécile Lecomte am Laternenmast ihre Thermoskanne öffnet und Tee trinkt, besucht Hermann Daß einen Krebskongress. Daß ist Allgemeinarzt und hat eine Praxis in der Innenstadt von Kassel. Ein Blick in seinen Terminkalender verrät, dass er an dem Freitag, an dem seine Patentochter 200 Kilometer entfernt von ihm an einem Laternenmast hängt, nicht in seiner Praxis war. „Da war ich auf einer Fortbildung, Tumortherapie mit Mistelzweigextrakten. Um was ging es denn in Münster?“, fragt er. Als Cécile Lecomte einen Schluck Tee trinkt, zwanzig Meter über dem Münsteraner Bahnhofsvorplatz, ist Barbara Hauck auf dem Weg nach Hause. Sie steht jeden Tag um Viertel nach vier Uhr auf, frühstückt, dann fährt sie zu Ford, wo sie im Sekretariat Büroarbeiten erledigt für Presswerk und Karosseriefertigung. Seit 17 Jahren macht sie das. Und mittags um zwölf Uhr? „Saß ich ganz bequem in der U-Bahn in Köln, im Warmen.“

Die Medien kennen sie - die Polizei inzwischen auch: Sie ist jetzt eine eigene Marke.

Die Bewegungsstiftung gibt mit ihren Bewegungsarbeitern dem Widerstand ein Gesicht. Die zehn Berufsaktivisten treten nicht vermummt in Aktion – sondern vor den Augen aller Welt. Cécile Lecomte ist, wenn man so will, eine Marke geworden. Die Medien kennen sie, die Polizei inzwischen auch. Sie wird dort unter den 25 wichtigsten Castor-Gegnern aufgelistet. Organisationen wie Robin Wood wissen, dass es hilft, wenn Lecomte für sie gegen das Bäumefällen klettert und spendieren ihr T-Shirts und Overalls. Fernsehteams filmen ihren Spagat, den sie kopfüber, von Brücken und Bäumen hängend, vollzieht. Lecomte verkauft sich selbst. Das heißt: ihre Idee von einer besseren Welt.

Für einen Verwaltungsrechtler hat Wilhelm Achelpöhler erstaunlich viel Humor. Man lacht viel mit ihm, wenn man ihm in seinem Büro gegenübersitzt,wo er, flankiert von pfefferminzgrünen Aktenbergen, sich in einen Prozess einarbeitet. Er erklärt einem die Herkunft seines Namens („Meine Vorfahren lebten im Sumpf, wo es Blutsauger gab . . .“), und er muss lachen, als man ihn fragt, ob er sich vorstellen könne, auf einem Laternenmast hinaufzuklettern. Von seinem Büro aus sieht man den Dom von Münster, im Wartezimmer der Kanzlei liegen Ausgaben von Spiegel und Emma. Die Frauenzeitschrift hat Leute wie Cécile Lecomte im vergangenen Jahr zu „Germany’s Next Role Models“ erkoren. Achelpöhler ist gerade 50 geworden. Sein Protest beschränkt sich auf dessen Finanzierung. „Nein“, sagt er, „an Bäume habe ich mich noch nie in meinem Leben gekettet. Auch auf Laternenmasten bin ich noch nicht geklettert. Das ist so weit von meinem Leben entfernt.“ Achelpöhler schaut auf die Uhr, er ist zum Mittagessen verabredet. Bewegungsarbeiter wie Lecomte sind für ihn „wie Berufsrevolutionäre, Menschen also, die sagen, ich mache nichts anderes als Politik und ich brauche jemanden, der mich unterstützt“. 50 Euro im Monat überweist Achelpöhler auf Lecomtes Konto. „Mir tut’s nicht weh, ihr hilft’s, warum nicht?“ Für die Urananreicherungslage in Gronau habe sich „noch nie jemand interessiert“. Seit Céciles Protestaktionen „hat sich das geändert“, sagt Achelpöhler.

Im Wohnwagen von Cécile Lecomte ist es angenehm warm. Holz brennt in einem Ofen, auf dem Herd steht ein Kessel Wasser. Das Holz kann sie nicht selbst hacken, das machen die Nachbarn für sie, die wie sie auf einem Feld vor den Toren von Lüneburg wohnen. Lecomte hat Rheuma. Es wird immer schlimmer. Manchmal vergisst sie, dass sie Rheuma hat, wenn sie sich von Brücken abseilt und in Baumkronen übernachtet. Und wenn sie Tee einschenken möchte, die Kanne aber viel zu schwer ist. Vor Schmerzen verzieht sie ihr Gesicht. Ihr Freund, der in Darmstadt lebt, hat ihr eine Teetasse konstruiert, die zwei Henkel hat. Manchmal hilft kein Rheumamittel mehr, dann schluckt sie Cortison. In der Wohnküche hängen Fotos von ihr, wie sie in Felswänden klettert, wie sie Schienen blockiert. Das Klettern hat sie von ihrer Mutter, einer Hobby-Bergsteigerin. In Frankreich war Cécile Lecomte Meisterin im Sportklettern. Dass ihre Tochter jetzt auf Strommasten steigt, dafür, sagt Cécile Lecomte, „hat meine Mutter nicht nur Verständnis“.

Wenn man sich mit Hermann Daß verabreden möchte, muss man viel Zeit aufbringen. „Ich kann Sie in drei Wochen treffen, frühestens“, sagt er am Telefon. Er findet dann aber doch noch ein Zeitfenster von einer Dreiviertelstunde an einem Sonntag. Er sitzt in einem Café in Kassel, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Daß ist Arzt, Naturheilverfahren interessieren ihn, alternative Methoden, Krebs zu behandeln auch. Er hat viel von der Welt gesehen, hat einmal in Westafrika gelebt, weil er es sinnvoll fand, in Afrika als Arzt zu arbeiten. Den Weltenlauf in bessere Bahnen zu lenken, daran liegt ihm viel. Nur Zeit hat er eben nicht genug. Mit einem Blick auf seine Uhr bestellt er einen vietnamesischen Tee. Cécile Lecomte hat er auf einer Tagung der Bewegungsstiftung kennengelernt. „Sie ist mir gleich aufgefallen. Sie war klar, zielstrebig, selbstbewusst. Die Kombination aus klaren Vorstellungen und ihrem Kletteraktionismus, das hat mir gefallen.“ Hermann Daß unterstützt Lecomte und einen anderen Bewegungsarbeiter mit monatlich je 50 Euro. Er sagt: „Ich bin nicht richtig reich, auch nicht bitterarm, aber am Ende eines Jahres bleibt immer noch etwas übrig. Ein neues Auto reizt mich nicht, ich fahre gerne Fahrrad. Also setze ich mein Geld ein für Dinge, die ich sinnvoll finde.“ Er spendet auch Geld für den Widerstand in Syrien und finanziert zwei Frauenkooperativen in Burkina Faso mit.

Ob er sich vorstellen könnte, sich selbst von einer Brücke abzuseilen? „Ich bin noch nie in meinem Leben geklettert, mir wird schwindelig in Höhen.“ Sein Geld verteilt er gerne: „Wenn es Ansätze gibt, wo man helfen kann, ist das ein lohnendes Ziel.“ Er wolle nicht die ganze Welt retten, „das war mit 18“. Inzwischen „sehe ich das gelassener. Die Welt geht ihren Gang, mit und ohne Cécile.“ Ob er sich so ein Leben vorstellen könne? „Ich kenne so ein Leben. Ich bin durch die Welt getrampt und habe davon gelebt, was andere Leute weggeworfen haben. Jetzt bin ich verheiratet, habe zwei Kinder und einen bürgerlichen Beruf. Céciles Lebensstil ist nicht mehr meiner.“

Angst kennt Cécile Lecomte nicht. Sie hat sich schon 80 Meter von der Fuldatalbrücke in die schwarze Nacht abgeseilt und so, zusammen mit einem Kletterfreund, den Castortransport um drei Stunden verzögert. Die ganze Nacht hing sie in Baumwipfeln, eingewickelt in einen Schlafsack. Manchmal sagen ihr andere: „Cécile, du bist verrückt.“ Cécile Lecomte kann mit solchen Sätzen nichts anfangen. Sie sagt dann, was wichtig sei. Zum Beispiel: „Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.“ Die meisten Menschen seien das nicht. Als die dritte Startbahn am Frankfurter Flughafen gebaut wurde, hing sie in den Bäumen des Kelsterbacher Waldes. Jetzt demonstrieren die Anwohner von Flörsheim, weil die Jets über ihre Eigenheime donnern. „Das ist das Problem: Dass viele Leute erst demonstrieren, wenn sie es am eigenen Leib spüren. Als wir am Frankfurter Flughafen in den Bäumen hingen, waren da nicht die Leute, die jetzt gegen Fluglärm demonstrieren.“

Barbara Hauck hat mit dem Mittagessen gewartet. In ihrer Kölner Wohnung stellt sie eine Schüssel Couscous auf den Tisch. Draußen regnet und schneit es. „Ich bin nicht Céciles Arbeitgeberin“, sagt sie. „Ich bin nur ein Mensch, der ihr hilft, selbstbestimmt zu leben.“ Viele Berufe hatte Hauck im Sinn, als sie jung war. Sie wollte Schriftstellerin werden, „aber die Einsamkeit, das wäre mir zu hart“. Bäckerin oder Dolmetscherin, auch das hat sie gereizt. In Heidelberg hat sie erst Englisch und Spanisch studiert, dann hat sie eine Ausbildung zur Werkzeugmechanikerin gemacht. Ein Jahr lang arbeitete sie in diesem Beruf bei Ford, dann wechselte sie in das Produktionsbüro. 40 Euro überweist sie Cécile Lecomte im Monat. „Ich wollte etwas Vernünftiges machen mit meinem Geld“, sagt sie. Das Geld hat sie von ihren Eltern. Sie finanziert noch zwei andere Bewegungsarbeiter. Ob das auch ein Beruf für sie wäre? „Nein, das wär nicht mein Ding. Ich würde mich nicht von einer Brücke abseilen, das ist mir zu extrem, geschweige denn, ob ich körperlich überhaupt dazu in der Lage wäre. Ich finde es aber ziemlich beeindruckend.“ Anfangs war sie skeptisch, Menschen zu unterstützen, die in ihrem Sinne demonstrieren: „Da entsteht ja ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis, das hat mich entfernt an Leibeigenschaft im Mittelalter erinnert. Andererseits ist es aber auch so: Ich gebe jemandem Geld, der es braucht. Die machen ja keine Urlaubsreise damit.“

Nach zwei Stunden rollen Cécile Lecomte und ihr Klettercompagnon das Transparent ein. Am Boden wartet ein Polizist. Cécile Lecomte hat es nicht eilig, sie bindet sich noch den Schuh. Als sie unten angekommen ist und sich die Beine reibt, sagt der Polizist: „So, jetzt, wo Sie hier unten sind, hätte ich gerne Ihren Namen.“ Cécile Lecomte reißt die Augen auf: „Hat man Ihnen nicht gesagt, wer ich bin?“ – „Doch“, sagt der Polizist, „aber ich muss wissen, ob Sie es wirklich sind.“

Weit oben, in den Bäumen, geht es ihr besser - am Boden quälen sie die Rheumaschmerzen.

Das Adrenalin in ihrem Körper lässt jetzt nach. Adrenalin hilft Cécile Lecomte, dass sie ihre Rheumaschmerzen während ihrer Proteste vergisst. Es betäubt das Stechen in den Handgelenken und in den Beinen. Jetzt humpelt sie, reibt sich die Finger. Sie hat Hunger. Manche Leute sagen ihr: „Geh doch arbeiten!“ Sie schultert ihren Rucksack und wartet, dass die Fußgängerampel auf Grün springt. „Ich bin der Meinung, das, was ich mache, ist Arbeit.“ Es verkürze auch die Realität zu sagen: „Meine Paten haben keine Zeit und lassen deshalb demonstrieren. Ich entscheide selber, was ich mache. Die Paten sagen mir nicht, was ich tun soll.“ Dann verschwindet Cécile Lecomte in der Menschenmenge.

Ein paar Tage später schickt sie eine E-Mail aus Bad Eilsen. Sie macht dort eine Kur, lässt ihr Rheuma behandeln. Bad Eilsen ist kein Ort, in den sie freiwillig fahren würde, lieber klettert sie in den Savoyen. Aber Bad Eilsen hat eine Überraschung für sie parat. „Ich bin hier auf einem anderen Planeten gelandet. Aber das ist ja auch was, andere Menschen kennenzulernen. Mit einem Menschen, der viel in AKWs gearbeitet hat, verstehe ich mich interessanterweise ganz gut.“

 

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Robin Wood Magazin, Nr. 110/3.2011

Anlässlich des 30. Geburtstags von Robin Wood berichten die beiden BewegungsstifterInnen Barbara Hauck und Hermann Daß und berichten über den Aufbau einer neuen Organisationsstruktur bei der Naturschutzorganisation.

Von Ursula Rüssmann und Hermann Daß

Im nächsten Jahr wird ROBIN WOOD 30 Jahre alt. Ein guter Zeitpunkt, um Rückschau zu halten und nach neuen Wegen zu suchen. Deshalb hat ROBIN WOOD im Mai 2010 eine Organisationsentwicklung gestartet, an der sich alle, denen der Verein wichtig ist, mit ihren Ideen und ihrer Kritik einbringen können und sollen. Die Bewegungsstiftung unterstützt uns finanziell dabei, unsere Strukturen zu überdenken und zu verbessern und hat uns für den Entwicklungsprozess 18 Monate Zeit gegeben. Wir möchten die Dinge bewahren, die ROBIN WOOD auszeichnen und die sich über die Jahre bewährt haben. Wir möchten aber auch neue Ideen entwickeln und das, was nicht mehr funktioniert, gemeinsam über Bord werfen. Professionelle Unterstützung bei dem Prozess bieten uns die Organisationsberater und Mediatoren Silke Freitag, Tim Pechtold und Rainer Duhm. Wir rufen alle ROBIN WOOD-Aktive und -UnterstützerInnen auf, mitzumachen – denn nur wenn sich viele beteiligen, kann dieser Prozess gelingen. Im Mai und Juni fanden als Auftakt in Rüsselsheim, Hamburg und Berlin drei regionale Werkstätten statt, bei denen Aktive und Hauptamtliche erste Visionen für ROBIN WOOD in vier bis fünf Jahren entwickelten. Ende August und Anfang Oktober werden bei einer Struktur- und einer Agendawerkstatt diese Visionen zusammengebracht, überprüft und weiterentwickelt. Bei der Strukturwerkstatt wird die Frage im Vordergrund stehen, was eigentlich Basisdemokratie für uns bedeutet und wie wir sie bei ROBIN WOOD leben. Ziel soll sein, die Organisations- und Entscheidungsstrukturen neu zu gestalten.

Barbara Hauck und Hermann Daß sind begleitende Stifter der Bewegungsstiftung und haben die Organisationsentwicklung für ROBIN WOOD mit auf den Weg gebracht.

Um nicht stehen zu bleiben, muss man auch mal innehalten

Das erste Mal las ich von der Bewegungsstiftung im Zusammenhang mit Bewegungsarbeiter_innen. Das Modell: Privatpersonen unterstützen Menschen, die sehr viel Zeit in sozialen Bewegungen verbringen, durch monatliche Beiträge ab 10 Euro, sprach mich spontan an, die unmittelbare Abhängigkeit der Empfänger_innen von ihren Pat_innen und das Fehlen jeglicher sozialer Absicherung fand ich jedoch bedenklich.

2006 stieß ich wieder auf die Stiftung, gerade zu einem Zeitpunkt, als ich nach einer sinnvollen Anlagemöglichkeit für geschenktes Geld suchte. „Bewegung“ schien mir ein gutes Motto zu sein, die auf der Website aufgeführten Förderprojekte fand ich interessant, die politische Ausrichtung sympathisch, also wagte ich es und „stieg ein“. Bei der Bewegungsstiftung gibt man nämlich nicht einfach Geld ab, sondern hat die Möglichkeit, aktiv am Stiftungsgeschehen teilzunehmen. Das tue ich im Beirat und seit 2009 bei der Begleitung von Projekten. Meistens bedeutet das ein Gespräch zu Beginn der Förderung und eins am Ende der Kampagne – die hauptamtlichen Projektbegleiter_innen, Annett Gnass und Jens Meier, kümmern sich zwischendrin natürlich intensiver um die Kampagnen und Organisationen.

Seit letztem Jahr mache ich auch bei der AG Anträge mit, in der die eingehenden Anträge nach formalen und inhaltlichen Kriterien überprüft werden, und erfahre dadurch schon in einem frühen Stadium von möglichen neuen Projekten. Das ist ziemlich spannend.

Und im Fall von Basisförderprojekten bleibt die Spannung lange erhalten, wie ich in den letzten Monaten gemerkt habe, in denen ich – als Teil der Projektbegleitgruppe – an der Erstellung des Antrags für Organisationsentwicklung mitgewirkt habe. Mein Gefühl, dass ROBIN WOOD eine lebendige und zukunftsträchtige Organisation ist, ist in dieser Zeit noch gewachsen. Jetzt ist der Antrag durch und es geht auf breiterer Basis weiter bzw. erst so richtig los. Ein sorgfältig geplanter, aber bestimmt nicht immer nach Plan verlaufender Kommunikationsprozess wird sich in vielerlei Gestalt anderthalb Jahre lang durch das Gesamtprojekt ROBIN WOOD und all seine Teile ziehen.

Dieser Prozess braucht neben der notwendigen Zeit auch Vertrauen und Verlässlichkeit. Letzteres liefern die Leute, die ROBIN WOOD ausmachen, sowie die Strukturen, auf die sie heute bauen können und die im Laufe der kommenden Monate entstehen bzw. transformiert werden.

Für das Vertrauen braucht es professionelle Prozessbegleiter_innen, die zudem mit den besonderen Chancen und Anforderungen einer basisdemokratischen Organisation umzugehen verstehen. Davon gibt es in der Bundesrepublik – noch – wenige, aber ich glaube, mit Silke Freitag und Tim Pechtold wurde ein gutes Team gefunden.

Zeit ist bekanntermaßen Geld. Da leisten alle Beteiligten ihren Anteil. Die Bewegungsstiftung fördert nicht wie üblich Aktion, sondern Reflexion. Eine Organisation darf sich mal ganz um sich selbstdrehen. Die Werte, um die es dabei geht, haben allerdings auch für Menschen in anderen Projekten und Bewegungen große Bedeutung, insofern ist das Engagement der Stiftung nicht uneigennützig. Dass es ROBIN WOOD gelingt, so viel Eigenmittel einzubringen, finde ich toll. Die Bereitschaft dazu werte ich als weiteres Erfolg versprechendes Zeichen.

Ich schaue also optimistisch in die Zukunft und wünsche ROBIN WOOD als tatkräftige, attraktive Organisation und den dort wirkenden Menschen auch als Einzelnen vielfältige Entwicklungen – natürlich nicht nur für die nächsten anderthalb Jahre. Und dem Wissen um Organisationsentwicklung wünsche ich eine Bereicherung durch exemplarische Erfahrungen mit einem System, das „bottom up“, also von unten nach oben funktioniert oder zum Funktionieren gebracht werden könnte, und gerade daraus eine seiner wesentlichen Stärken bezieht.

Barbara Hauck aus Köln ist seit 2006 bei der Bewegungsstiftung. Als begleitende Stifterin hat sie an Beratungen zum geplanten Organisationsprozess von ROBIN WOOD teilgenommen
Kontakt: hauck@bewegungsstiftung.de


Ein mächtiger Wald werden

In diesem Frühjahr hat die Bewegungsstiftung beschlossen, ROBIN WOOD mit einer Basis-Förderung in 2011 und 2012 zu unterstützen. ROWO plant, sich neu aufzustellen und die Strukturen angemessen zu gestalten. Ich kenne ROBIN WOOD seit 30 Jahren und bin immer wieder überrascht und begeistert von den kreativen, fantasievollen und spektakulären Aktionen, mit denen ROWO-Gruppen auf gesellschaftliche Missstände und ökologische Katastrophen hinweisen und mahnen.

Aus meiner Sicht ist das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Zivilgesellschaft.

Wir, die Zivilgesellschaft, lassen uns nicht mehr von großen Energiefirmen verschaukeln, von wendehalsigen PolitikerInnen hinters Licht führen und von Groß-Kapitalisten die Umwelt zerstören. Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand und ROWO zeigt uns, wie es geht, wie die Umwelt und der Wald geschützt werden, die Energie regenerativ erzeugt wird und wie man ohne wirtschaftliches Wachstum gut leben kann.

Deshalb brauchen wir ROBIN WOOD weiterhin: als schlagkräftige Organisation, mit vielen und vielfältigen unabhängigen Gruppen, gutem Gespür für die aktuell brisanten Themen und als eine basisdemokratische Organisation, die die jeweils agierende Gruppe gut unterstützt. In diesem Sinn ist die Förderung für ROWO eine Saat, die aufgehen wird, einen mächtigen Wald wachsen lassen wird und reichlich Früchte trägt. Ich wünsche ROBIN WOOD bei dem Organisation-Prozess gutes Gelingen und viel Erfolg!

Hermann Daß Vertreter der StifterInnen im Stiftungsrat der Bewegungsstiftung

 

www.robinwood.de

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