Bewegungsstiftung

Ich zahle zu wenig Steuern, nehmt mir mehr ab

Der Spiegel, 18.07.2020

Von Matthias Kaufmann

 

„Besteuert uns!“, so der Aufruf von gut 90 Millionären. Auch Christina Hansen hat unterschrieben, die Tochter einer deutschen Unternehmerfamilie. Warum will sie auf Geld verzichten?

Sollen Millionäre mehr in den Steuertopf einzahlen als bisher? In einem offenen Brief fordern inzwischen mehr als 90 Reiche aus sieben Ländern genau das, um den gesellschaftlichen Wiederaufbau nach der Corona Pandemie zu finanzieren. Unter anderem haben die Filmemacherin Abigail Disney und Jerry Greenfield, Mitgründer der Eismarke Ben & Jerry's, den Appell unterschrieben, den die Hilfsorganisation Oxfam unter der Überschrift "Millionaires for Humanity" veröffentlicht hat.

Eine von fünf deutschen Unterzeichnern: Die 30-jährige Christina Hansen, die einer erfolgreichen Maschinenbauerfamilie entstammt. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt sie, warum es nicht ausreicht, dass wohlhabende Menschen freiwillig spenden, und warum nur der Staat eine sinnvolle Verteilung von Geld für soziale Zwecke gewährleisten kann: Trotz aller Fehler sei das besser, als wenn das Geld nur entsprechend "den Hobbys und Interessen eines Gönners" fließt, "der in seiner eigenen Welt lebt und die Bedürfnisse der Empfänger kaum kennt".

Christina Hansen, Jahrgang 1989, studiert Nachhaltigkeitsmanagement und ist durch das Vermögen ihrer Familie finanziell unabhängig. Ihr Großvater gründete einen Maschinenbaubetrieb, der zu einer Firmengruppe mit mehr als 2000 Mitarbeitern angewachsen ist. Im Alter von 18 Jahren brachte sie sich mit einem fünfstelligen Betrag in die deutsche Bewegungsstiftung ein. Studien- und Berufserfahrung sammelte sie bisher unter anderem mit Unternehmensberatung in Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit.

Gerade in der Corona-Pandemie, wo Staaten notgedrungen besonders viele Menschen unterstützen, müsste auch von Vermögenden ein stärkerer Beitrag gefordert werden, sagen Hansen und ihre Mitunterzeichner.

Tatsächlich gilt für Deutschland, dass in der oberen Vermögensklasse mehr Geld gebündelt ist als gedacht, wie vor wenigen Tagen eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vorrechnete: Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 35 Prozent des gesamten Nettovermögens - bislang kalkulierte man mit 22 Prozent.

Lesen Sie das gesamte Interview mit Christina Hansen:

SPIEGEL: Frau Hansen, Sie haben einen Brief von reichen Menschen unterschrieben, der Staatenlenker auffordert: "Besteuert uns!" Welche konkreten Effekte versprechen Sie sich von dem Aufruf?

Hansen: Ich wünsche mir, dass möglichst überall reiche Menschen mehr von ihrem Geld zum Gemeinwesen beitragen. Das geht nicht ohne Zwang, also Steuern. Überall fehlt den Staaten Geld für wichtige Aufgaben wie Armutsbekämpfung oder Klimaschutz. In der Coronakrise wissen viele Länder nicht, wie sie ihren Bürgern helfen können. Dabei ist das Geld ja da, nämlich bei all den Reichen, die immer reicher werden. Die Staaten holen es sich nur nicht.

SPIEGEL: Solche Aufrufe gibt es immer wieder mal, etwa wenn Warren Buffett beklagt, dass seine Sekretärin einen höheren Steuersatz zahlen müsse als er - einer der reichsten Männer der Welt. Irgendwie setzt sich aber meist eine Politik durch, die große Vermögen nicht zu sehr belasten will.

Hansen: Dieser Brief wird wahrscheinlich nicht als direkte Folge haben, dass ich ab dem kommenden Jahr höher besteuert werde. Das ist völlig klar. Aber die Debatte um die Verantwortung und den Beitrag der Wohlhabenden braucht immer wieder neue Anstöße. Mir ist wichtig, dass das Thema diskutiert wird.

SPIEGEL: Viele Reiche bringen sich doch auch schon so ein: mit Spenden, mit wohltätigen Stiftungen. Zum Beispiel gibt es "The Giving Pledge", mit dem sich diverse Superreiche verpflichtet haben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu Lebzeiten für gute Zwecke zu spenden, darunter Bill Gates.

Hansen: Sicher, manche Reiche tun viel Gutes. Aber ein Gemeinwesen kann sich nicht allein auf reiche Gönner verlassen. Das ist nicht berechenbar. Außerdem finanzieren manche Spender zweifelhafte Zwecke. Ein funktionierender Sozialstaat dagegen hilft den Menschen nach klaren Regeln, darauf können die Bürger bauen. Der Staat finanziert außerdem Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur – unerlässlich, aber für Spender oft nicht attraktiv.

SPIEGEL: Bei der Verteilung des Steuergeldes ist der Staat nicht immer treffsicher.

Hansen: Natürlich werden dabei Fehler gemacht. Trotzdem ist es besser, wenn die Verteilung in einem politischen Prozess ausgehandelt wird und nicht den Hobbys und Interessen eines Gönners folgt, der in seiner eigenen Welt lebt und die Bedürfnisse der Empfänger kaum kennt. Die Verteilung von Steuergeld ist demokratisch legitimiert, Fehler können mit Wahlen korrigiert werden. Und es begibt sich niemand in die Abhängigkeit vom „reichen Onkel“.

SPIEGEL: Trotz der prominenten Beispiele hört man Vermögende eher selten sagen: Ich zahle zu wenig Steuern, nehmt mir mehr ab. Warum wollen Sie sich ins eigene Fleisch schneiden lassen?

Hansen: Da muss ich gleich korrigieren: ich schade mir damit ja gar nicht. Es gibt Studien, die zeigen, dass man ab einer bestimmten Einkommenshöhe die eigene Zufriedenheit nicht mehr nennenswert steigern kann. Wer finanziell schon gut abgesichert ist, wird also durch zusätzlichen Reichtum nicht mehr glücklicher. Es sei denn, man lässt das überschüssige Geld der Gesellschaft zukommen. Wenn es Menschen zukommt, die es nötiger haben, macht das glücklich.

SPIEGEL: So erklären viele Philanthropen ihr Engagement.

Hansen: Ich kann mein Verhalten aber auch ganz egoistisch begründen.

SPIEGEL: Nämlich?

Hansen: Es ist überhaupt nicht sicher, dass ich immer reich sein werde. Würde ich auf finanzielles Normalmaß fallen oder arbeitslos werden, wäre ich auch aus Eigeninteresse froh, wenn es noch einen funktionierenden Sozialstaat gibt. Angesichts der Lasten aus der Coronakrise ist das durchaus nicht sicher.

SPIEGEL: Wie sind Sie zu Reichtum gekommen?

Hansen: wie viele Wohlhabende aus meiner Generation: Ich stamme aus einer reichen Familie. Mein Großvater hat erfolgreich einen Maschinenbaubetrieb auf der Schwäbischen Alb aufgebaut. Ich habe also zu diesem Reichtum nichts beigetragen, ich hatte nur das Glück, in die richtige Familie geboren zu werden. Wie könnte ich da auf dem Geld sitzen und so tun, als hätte ich da den alleinigen Anspruch drauf?

SPIEGEL: Sehen das alle in Ihrer Familie so?

Hansen: Teils, teils. Dieses Thema sorgt im Verwandtenkreis immer wieder für mitunter hitzige Diskussionen. Auch sonst sind Vermögende, die mehr Steuern zahlen wollen, eher selten. Die Anfrage, ob ich unterzeichnen möchte, kam über die Bewegungsstiftung, die ich seit über 10 jahren unterstütze. Insgesamt drei der deutschen Unterzeichner sind dort dabei.

SPIEGEL: Welche Steuer halten Sie für sinnvoll, um an das Geld der reichen zu gelangen?

Hansen: Da könnte man in vielen Bereichen die Schwerpunkte anders legen. Würde man zum Beispiel eine hohe Steuer auf Inlandsflüge erheben, wäre das einerseits klimafreundlich und träfe andererseits oft keine armen Leute. Vermögensabgaben wären auch eine Möglichkeit, außerdem müsste man bei der Erbschaftssteuer stärker hinlangen. Auch eine Finanztransaktionssteuer wird ja in diesem Zusammenhang schon länger diskutiert.

SPIEGEL: Da würde Ihre Verwandtschaft sicher auch um den Erhalt des Unternehmens fürchten, dass ja auch viele Menschen ernährt.

Hansen: So wird immer argumentiert, aber stimmt das? Für das Problem gibt es ja Lösungen: Schonvermögen, Freibeträge, Wertabschläge, Behaltensfristen – all das lässt sich ja anpassen. Heute wird viel Geld vererbt, das allein den Erben nützt, nicht einem Unternehmen. Da ist viel Luft nach oben.

SPIEGEL: Wollen Sie mal im Familienunternehmen arbeiten?

Hansen: Ich schließe das nicht aus, habe aber im Moment andere Interessen. Ich bin Betriebswirtin und absolviere einen Masterstudiengang im Nachhaltigkeitsmanagement. Meinen Studentenjob habe ich ganz woanders.

SPIEGEL: Wo jobben Sie?

Hansen: Beim Metzger hier im Dorf.

SPIEGEL: Brauchen Sie das Geld?

Hansen: Ich könnte auch so studieren. Aber der Job ist gut für mich. So halte ich Kontakt zum Arbeitsmarkt, habe nette Kollegen und treffe viele Menschen im Ort. Außerdem mache ich den Master im Fernstudium und mache fast alles von Zuhause aus. Die Arbeit im laden gibt meinem Tag Struktur.



www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/millionaere-und-steuern-ich-habe-zu-diesem-reichtum-nichts-beigetragen-a-a7a214a4-d742-44df-b527-e0afd75aa374

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter Anmeldung

Newsletter
Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel

Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00