Bewegungsstiftung

FAZ am Sonntag, 1. Juli 2012

Ob gegen Atomkraft, Bankenmacht oder Gentechnik - Jutta Sundermann protestiert hauptberuflich. Ihr Job heißt "Bewegungsarbeiterin".

Stefan Locke

Es ist Donnerstagmorgen kurz nach acht Uhr, als Jutta Sundermann mit einem Elektro-Blasebalg vor der Messe-Festhalle in Frankfurt eine Gummipalme aufpumpt. Sie hockt zwischen Aktivisten von Attac, die hier gleich 5000 zur Hauptversammlung der Deutschen Bank strömende Aktionäre mit fragwürdigen Geschäften ihres Instituts konfrontieren wollen. „Werden wir drinnen auch von Ihnen überrascht?“, fragt sichtlich nervös ein herbeigeeilter Bank-Mitarbeiter. „Dann wär’s ja keine Überraschung“, sagt Sundermann. „So richtig beruhigend klingt das nicht“, erwidert er, als sie sich umdreht. „Wir kennen uns doch noch vom letzten Mal!“ - „Stimmt!“, sagt sie und grüßt freundlich.

„Diesmal gehen wir nicht rein“, sagt Sundermann, als der Mann außer Hörweite ist. 2011 war sie, als Joseph Ackermanns Rede begann, aus der ersten Reihe aufgesprungen und trillerpfeifend durch den Saal gerannt. In diesem Jahr wollte sie Ackermann mit einem großen Zapfenstreich verabschieden, aber woher eine Blaskapelle nehmen? Also hat sie sich die Symbolik mit der Palme ausgedacht und dazu ein aufblasbares Maschinengewehr und einen Sack mit Getreide besorgt. „Wollt Ihr Steuerflucht? Waffenhandel? Zocken mit Nahrungsmitteln?“, rufen sie nun im Chor den Aktionären zu und antworten mit „Nein!“ sowie dem Nachsatz: „Jain, lass es sein!“ Anshu Jain ist der neue Bank-Chef. Die Truppe ist ein begehrtes Motiv für Fotografen und Kameraleute.

„Ich glaube, ich arbeite mehr als du“

„Es geht ja vor allem um Aufmerksamkeit“, sagt Sundermann, die sich freut, dass ihre Idee so gut ankommt. Sie verteilt Handzettel mit Fakten zum Protest und gibt viele Interviews. „Haben Sie eigentlich auch ’nen Job?“, erkundigt sich plötzlich ein junger Mann aus einer Gruppe der Bank-Azubis. „Ich lebe von Spenden“, sagt Jutta Sundermann. „Spenden?“, fragt der Mann. „Ich geh lieber arbeiten und verdiene mein Geld selber.“ - „Ich glaube, ich arbeite mehr als du“, entgegnet sie.

Sundermann ist 41 Jahre alt, hat zwei Kinder und ein Haus und ist freiberuflich Aktivistin. Sie hatte noch nie in ihrem Leben einen festen Job, stattdessen engagiert sie sich Vollzeit gegen Gentechnik, Atomkraft oder das Finanzkapital. Ihre Eltern, der Vater Ingenieur, die Mutter Dolmetscherin, hofften lange, dass die älteste Tochter irgendwann „zur Vernunft“ kommt. Stattdessen ist sie rastlos unterwegs, immer im Dienst einer besseren Welt. Es ist nicht so, dass ihr nichts Besseres eingefallen oder nichts anderes übrig geblieben wäre, im Gegenteil: Sie hat ihr Abitur mit 1,2 bestanden, und sie hat dieses Leben bewusst gewählt.

Das imponiert Leuten, die mehr Geld haben, als sie zu einem guten Leben brauchen, so sehr, dass sie Sundermanns Protest-Existenz finanzieren. Rund 900 Euro im Monat erhält sie von 24 Spendern aus der ganzen Republik. Eine von ihnen ist die Berlinerin Marguerite Keck, die es „ziemlich mutig“ findet, so zu leben. „Nur Protest wäre nichts für mich gewesen“, sagt die 63-Jährige. „Ich wollte einen bürgerlichen Beruf.“ Keck studierte Ende der sechziger Jahre BWL, war in der Frauenbewegung aktiv, aber für mehr Rebellion blieb keine Zeit. Sie wurde Handelslehrerin an einer Berufsschule, bekam zwei Kinder, kümmerte sich um den Haushalt. Vor einigen Jahren erbte sie und ging in Rente. „Mir geht es gut“, sagt sie, aber sie findet, dass Banken heute zu mächtig und Vermögen ungerecht verteilt sind.

Aktiv, erfahren, kreativ

Weil Jutta Sundermann „sehr aktiv, erfahren und kreativ“ etwas dagegen tut, zahlt Keck ihr seit drei Jahren 80 Euro monatlich. Zudem überwies sie einen guten Teil ihres Erbes an die „Bewegungsstiftung“. Die gründeten vor zehn Jahren neun Leute, die ihr Vermögen statt in Villen, Luxusautos oder Aktien in gesellschaftlichen Wandel invetieren wollten und in Menschen, die diesen Wandel vorantreiben. Bis heute haben 130 Stifter gut fünf Millionen Euro eingezahlt, mit denen sie Projekte von Initiativen wie Attac, Robin Wood oder Lobby Control fördern.

Die Stiftung erfand auch die „Bewegungsarbeiter“, um Vollzeitaktivisten wie Jutta Sundermann über Patenschaften zu unterstützen. Individuelles Engagement erfordere einen langen Atem, der nicht da sei, wenn Aktivisten einen Job zum Leben brauchten. Zurzeit hat die Stiftung neun Bewegungsarbeiter; sie berichten ihren Paten dreimal im Jahr per Brief von ihren Aktionen. „Ich finde es schwer, für mich um Geld zu bitten“, sagt Sundermann. Lieber macht sie über Projekte auf sich aufmerksam. Im vergangenen Jahr demonstrierte sie etwa vor dem Kanzleramt für „Banken in die Schranken!“, kämpfte gegen den Kauf des Ökotextil-Anbieters „Hess Natur“ durch einen Privat-Fonds, initiierte die Bankwechsel-Kampagne „Krötenwanderung“ und erläuterte bei „Maybrit Illner“ ihre Motivation.

Auch Matthias Breuer findet Sundermanns Engagement unterstützenswert. Der 40-Jährige ist Facharzt für Innere Medizin in einer Düsseldorfer Klinik und ständig im Stress; zwischen zwei Terminen kann er kurz ans Telefon. „Juttas Beruf würde ich auch gern machen“, sagt er. Leider könne er nicht halbtags arbeiten. „Ich wäre ja dumm, wenn ich meine Stelle aufgeben würde. Und Jutta hat schon 25 Jahre Protesterfahrung.“ Breuer war früher selbst mal bei Attac, lernte dort Sundermann kennen. Heute demonstriert er gelegentlich am Wochenende, engagiert sich bei „Ärzte ohne Grenzen“, spendet für mehrere Initiativen und zehn Euro monatlich an Jutta Sundermann. „Ich kann’s mir leisten, und ihr hilft’s, was also spricht dagegen?“

In letzter Zeit aber gab es Kritik, dass hier Vermögende Protest bezahlen und Demonstranten quasi mieten - gesellschaftliches Engagement als ultimativer Service in der Dienstleistungsgesellschaft. Breuer weist das zurück. Arbeitsteilung gebe es überall. Er zum Beispiel würde sich nie wie Sundermann in eine Talkshow setzen, im Übrigen entscheide sie völlig frei, wofür oder wogegen sie sich engagiert. Seine einzige Bedingung ist: Es muss gewaltfrei sein.

„Meine Mutter ist Politikerin, mein Vater Terrorist“

Jutta Sundermann stammt aus dem Odenwald, sie protestierte bereits in der Schule gegen Milch in Einwegflaschen, engagierte sich nach dem Abi beim Naturschutzbund, lernte dort ihren Freund kennen, bekam mit zwanzig eine Tochter und bald einen Sohn. Ein bisschen Geld zahlten die Eltern, etwas verdiente sie mit Rundfunkbeiträgen dazu. Vor allem aber blockierte sie Castor-Transporte und protestierte gegen Gentechnik. Ihr Freund wurde mit der Zeit radikaler, verbitterter, sie blieb pragmatisch, kompromissbereit. „Ich lasse mich im Ernstfall wegtragen, er aber hat es immer geschafft, sich auch noch schlagen zu lassen.“ Als die Polizei zu Hausdurchsuchungen kam, zog sie mit den Kindern aus. Ihr Sohn, heute 16, beantwortet Fragen nach den Berufen der Eltern schon mal so: „Meine Mutter ist Politikerin, mein Vater Terrorist.“

Ihr Protest sei grundsätzlich gewaltfrei, sagt Sundermann. Das Radikalste, woran sie sich je beteiligte, war die „Befreiung“ eines Feldes von genmanipulierten Maispflanzen. Protest um des Protests willen lehnt sie ab, Alternativen sind ihr wichtig. „Regelübertretungen müssen gut kommunizierbar sein. Meine Mutter muss verstehen können, worum es bei der Aktion geht.“ Mit ihrer Leidenschaft und Erfahrung hätte sie längst eine Vollzeitstelle im Aktions-Büro annehmen oder in die Politik gehen können; ihr einstiger Mitstreiter Sven Giegold etwa ist heute Europa-Abgeordneter der Grünen. Doch Parteien sind nichts für Sundermann. Deshalb findet sie auch die Kritik, Erfüllungsgehilfin der Veränderungswünsche vermögender Bürger zu sein, völlig unangebracht. „Ich bin frei in dem, was ich tue, niemand kontrolliert mich.“

Das sieht auch Cécile Lecomte so, die seit vier Jahren Bewegungsarbeiterin ist und mit spektakulärem Protest-Klettern auf Bäume und Lichtmasten bekannt wurde. „Ich bin nicht gegen alles“, sagt die 30-Jährige. „Man kann mich auch nicht für Aktionen buchen“ - obwohl das von Organisationen schon versucht wurde. Rund 800 Euro spenden ihr dreißig Menschen im Monat; viele von ihnen waren oder sind selbst politisch aktiv. „Aber sie haben einen anderen Lebensstil gewählt, gehen weniger Risiken ein als ich“, sagt Lecomte.

Auch die Münchnerin Sue Dürr weiß, wie viel Zeit und Energie politische Arbeit kostet. Sie war Lehrerin, zog vier Kinder groß und engagierte sich nebenbei - in der „Munich American Peace Company“, der „Aktion Humane Schule“ und für Ökoläden. Bis heute leitet sie die Treffen für Münchner Attac-Neulinge, und sie spendet fünfzig Euro monatlich an Jutta Sundermann. „Jutta macht, was ich machen würde, wenn ich jünger wäre“, sagt Dürr. Sie ist 77 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, dem Physiker Hans-Peter Dürr, in einem Reihenhaus im Münchner Norden. Sie sind nicht reich, haben kein Auto, fahren viel Rad und kaufen nur ein, wenn sie wirklich etwas brauchen. „Dass Jutta so völlig frei ist, gefällt mir total gut“, sagt sie - und dass ihr ihre fünfzig Euro für diese Arbeit ein bisschen mickrig vorkommen.

Am Monatsende bleibt was übrig

Sundermann lebt heute in Wolfenbüttel, in einem kleinen, windschiefen, 300 Jahre alten Fachwerkreihenhaus im Zentrum. Sie hat es vor fünf Jahren für 30 000 Euro gekauft und baut es seitdem selbst aus. Fertigstellung? Ist nicht abzusehen, nur Fenster und Ofen sind neu, gerade verlegt sie Dielen im dritten Stock, je nachdem, wie sie Zeit hat und Geld da ist. Die Zimmer sind klein, die Decke ist keine zwei Meter hoch, aber es ist ihr Refugium und ihre Protest-Zentrale. Unterm Dach hat sie sich ihr Arbeitszimmer eingerichtet, hier organisiert sie Aktionen und auch Vorträge, darauf legt sie Wert. Ihr Repertoire reicht von Workshops zur Pressearbeit über Zukunftswerkstätten bis hin zu Referaten über die Tobinsteuer. Damit verdient sie gut 300 Euro im Monat. Früher war es mehr, doch da war sie ständig unterwegs und hat ihre Kinder kaum gesehen. Deshalb hat sie sich vor fünf Jahren als Bewegungsarbeiterin beworben; das Geld ihrer Paten hilft, und sie empfindet es auch als Anerkennung. „Ich habe sogar jeden Monat noch ein bisschen übrig.“ Freilich, ihre Kleidung stammt überwiegend von Freunden und vom Flohmarkt, auch ihre Möbel sind gebraucht, und eine Zeitlang „containerte“ sie Lebensmittel, nahm sich also, was Supermärkte wegen abgelaufener Mindesthaltbarkeit wegwarfen. Heute versorgt sie sich im Biomarkt und ab und an beim Discounter. Sohn und Tochter haben Handys, meistens Vorjahresmodelle von Freunden und auch Computer, die sie sich selbst organisiert haben.

Sie ist sehr stolz auf ihre Kinder, obwohl die für politischen Protest nicht unbedingt zu haben sind. Ihre Tochter, die gerade Abitur macht, rebellierte mal, als sie eine Couch vom Sperrmüll mit nach Hause tragen sollte. Ihr Satz „Mann, ist das peinlich“ klingt der Mutter noch in den Ohren, mehr aber noch die Frage: „Mama, hast du mich noch lieb, wenn ich einen normalen Beruf will?“ - „Na klar doch“, hat Jutta Sundermann da gesagt.

 

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00