Bewegungsstiftung

Da hinten wird's hell

Süddeutsche Zeitung, 22./23. Oktober 2011

Die Welt taumelt von Krise zu Krise. Mittendrin gibt es ein Land, dem es trotzdem sehr gut geht: Deutschland. Alle wissen das. Nur die Deutschen nicht. Sie hören nicht auf, Angst zu haben. Aber muss das denn sein? Gibt es nicht auch in diesem Land ein paar verwegene Menschen, die an die Zukunft glauben? Eine Reise in die Zuversicht.

Von Alex Rühle

Es ist schon merkwürdig. In einem Land, in dem es den Menschen so gut geht wie nie zuvor; in einem Land, in das mittlerweile Spanier, Israelis, Italiener ziehen, weil es sich hier angeblich um ein Vielfaches besser leben lässt als bei ihnen zu Hause; in diesem Land ist die größte Mangelware mittlerweile: die Zukunft. Und wenn man Nachrichten liest, kann man den Eindruck gewinnen, dass der einzige Rohstoff, der in Deutschland permanent produziert wird, die Angst ist. Nun gibt es gute Gründe, sich zu sorgen: Seit 2008 wirkt es, als sei ein Orkan in das gemütsberuhigte Europa eingebrochen, und die Politiker stehen in diesem Sturm herum, wie graue Statisten, getrieben und gelähmt zugleich. Das ganze Prouekt Europa kommt ins Wanken, zugleich verfällt das Vertrauen in alle Regelungsmechanismen des Kapitalismus [...]

Jetzt reicht's aber. Der Mensch braucht, wenn er leben will, vor allem: Zukunft. Perspektiven. Es muss doch auch in diesem Land  noch Optimisten geben. Menschen, die Zuversicht ausstrahlen. Die nicht esoterisch verstrahlt sind, sondern um den ganzen Schlamassel wissen und trotzdem ihr Ding machen. [...]

Der Spender

Drei Stunden später, im Norden von Berlin. Hier wohnt jemand, der anfangs genauso für verrückt erklärt wurde wie Jörg Junhold. Dieter Lehmkuhl hat als Psychiater und Psychotherapeut gearbeitet und ist sicher einer der wohltemperiertesten Revolutionäre, die je auf diesem Planeten wandelten. Wenn er seinem Gast Wasser heißmacht und währenddessen erzählt und zuhört, bekommt der Akt des Teekochens etwas Hochkomplexes, »Ja, wo war ich, die Vermögensabgabe, Verzeihung, wo sind jetzt die Beutel, ich bin schlecht im Multitasking.«  

Lehmkuhl hat 2009 einen Appell verfasst, bitte als Wohlhabender höher besteuert zu werden, einen Appell, für den er von vielen verlacht und von einigen scharf angegriffen wurde. Wenn heute Warren Buffet dasselbe sagt, wird weltweit mit dem Kopf genickt, »aber damals musste ich den Aufruf mit dem Satz beginnen: Wir sind keine Spinner. Da wurde noch von Westerwelle und Sloterdijk das Hohelied auf die Ungleichheit gesungen. Während wir jetzt endlich eine neue Gerechtigkeitsdebatte erleben, die man nicht mehr mit Sozialneid abtun kann.«

Der »Freitag« nannte Lehmkuhl damals den »Vorzeige-Reichen«, was insofern unglücklich formuliert ist, als Lehmkuhl von sich selbst sagt, er habe sich »immer in der zweiten Reihe wohlgefühlt«. Er musste nach vorne, weil kaum ein anderer unter den 2,2 Millionen Menschen, die hierzulande mehr als 500.000 Euro besitzen, sich als Reicher outen wollte. Lehmkühl selbst hat in den neunziger Jahren eine beträchtliche Summe geerbt. Und dann verwundert festgestellt, wie schnell sich dieses Geld, für das er selbst nie hat arbeiten müssen, vermehrte. Lehmkuhl und seine Mitstreiter fordern, jeder, der mehr als 500 000 Euro besitzt, solle zwei Jahre hintereinander jeweils fünf Prozent seines Vermögens zahlen. Einbringen würde das mindestens 50 Milliarden Euro. Danach solle die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden. Das Geld solle in Bildung, Ökologie und soziale Gerechtigkeit fließen.

Klingt sehr schlüssig. Und? Wie viele haben seinen Aufruf unterzeichnet? 56. Hmm. 56 von 2,2 Millionen. Was ist denn mit den anderen 2 199 944? Hatten die bisher keine Zeit? Lehmkuhl lacht. Er hat sich mit vielen Reichen unterhalten, »man triftt da oft auf beeindruckend starken Verarmungswahn. Wahrscheinlich weil für viele die Statussymbole und ihr Reichtum Teil ihrer Identität sind. Davon gibt man ungern ab.«
Was Lehmkuhl nicht verstehen kann, ist die Kurzsichtigkeit solchen Denkens. »Ich habe ein großes Interesse an einem funktionierenden Staat. Höhere Einkommensungleichheit führt immer und überall zu steigenden Kriminalitätsraten, weniger Vertrauen, schlechterer Bildung.«

Lehmkuhl sagt das nicht in einem klassenkämpferischen Duktus. Er klingt perplex, fast belustigt, dass all das passieren konnte, ohne dass es zu großer Empörung geführt habe: Dass in kaum einem anderen Land die Zahl der Millionäre so rasant gestiegen ist wie bei uns.  Dass Deutschland mittlerweile zu den zehn größten Steueroasen gehöre, wie Liechtenstein. »Es gibt diese Uhr der Steuerzahler, die den Zuwachs unserer Schulden zählt. Man müsste daneben eine Uhr installieren, die zeigt, wie schnell das private Vermögen zunimmt. Die Privatvermögen übersteigen die Schulden um das Fünffache. Aber das Gute ist, dass all das durch die Krise so offen zutage tritt.«

Da er trotz seiner Bitten immer noch nicht höher besteuert wird, stiftet und spendet Lehmkuhl seine Kapitalgewinne an Umweltorganisationen und NGOs. Er erlebe das als »wohltuende Befreiung - es ist sinnvoll, ich bin mit mir im Reinen und ich muss mich nicht sorgen, wie ich das Geld anlege. Wer spendet, lebt länger. Kluge Egoisten wissen das.« [...]

Die Hellsichtige

Die Begegnung mit Brigitte Knopf in einem Café am Berliner Hauptbahnhof ist vielleicht überhaupt das Kräftigendste an der ganzen Reise. Ausgerechnet eine Klimaforscherin! Tragen die nicht den ganzen Tag nur neue Beweise für den Weltuntergang zusammen? Knopf hat promoviert in theoretischer Physik und arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in der Abteilung für nachhaltige Lösungsstrategien, eine Abteilung, die ja eigentlich jeder Mensch für sein Leben bräuchte. Knopf arbeitet an Langfristszenarien für das deutsche Energiesystem, ist also gewiss nicht in Gefahr, metaphysisch verspult zu sein oder irgendwelchen Blümchenträumen nachzuhängen. Aber sie funkelt einen im Gespräch fortwährend an, als gebe es da inwendig irgendein geheimes Kraftwerk: »Ich dachte früher, igitt, Ökonomie, so was Böses. Jetzt denke ich, man muss sie halt selbst gestalten.« die Krise gefällt ihr insofern, »als endlich fundamental gerüttelt wird: Seit Jahren ist bewiesen, wie grottig das Finanzsystem ist, jetzt ist endlich zu spüren, dass die Leute wirklich keinen Bock mehr haben auf den alten Stiefel.«

Knopf, so stellt sich en passant heraus, ist bei der Bewegungsstiftung, in der Wohlhabende mit Teilen ihres Vermögens Kampagnen von NGOs fördern. »Oh, dann sind Sie ja eine von den 2,2 Millionen, die Dieter Lehmkuhls Aufruf nicht unterschrieben haben?« »Stimmt. Aber das heißt doch nicht, dass ich den nicht gut finde. Ich mache ja viel mit meinem Geld. Muss bloß nicht jeder wissen.« [...]

www.sueddeutsche.de

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00