Bewegungsstiftung

taz, 8. Januar 2011

Er trägt Rüschenröcke und streitet mit Versammlungsbehörden. Holger Isabelle Jänicke wird für Protest bezahlt. Seine Schule war das Gefängnis.

Von Kirsten Küppers

Ein kleiner Mann in einem schwarzen Frauenkleid steht am Kleiderschrank. Man kann sagen: Der 48 Jahre alte Holger Isabell Jänicke ist nicht gerade das, was man sich unter einem typischen Juristen vorstellt. Die lila Rüschenbluse, der rosa Pettycoat, die fliederfarbenen Pantoffeln deuten das schon an. Eine Blume aus Tüll steckt in Jänickes grauer Löckchenfrisur. Dass das Leben nicht immer einfach ist, wenn man sich auf die Seite der Exzentriker geschlagen hat - das kann man an Jänicke sehen: Die getönte Nickelbrille hat einen Sprung. Und wenn Jänicke grinst, erscheinen eine Menge schwarzer Zähne. Aber Holger Isabell Jänicke ist auch kein Jurist im eigentlichen Sinne. Er hat nie an einer Hochschule studiert. Einmal nur, als er im Gefängnis saß, hat er sich an einer Fern-Uni als Gasthörer eingeschrieben. Das meiste hat sich Jänicke selbst beigebracht, »Ich bin ein Zweifler«, sagt er. »Ich wills immer genau wissen.«

Nur acht Kollegen


Wie Recht in diesem Land funktioniert, hat Jänicke auf der Straße gelernt, auf Polizeiwachen, in Gerichtssälen und im Gefängnis. Jänicke ist Bewegungsarbeiter. Das ist ein seltener Beruf in Deutschland, nur neun Menschen üben ihn aus. Jänicke kann sich als Vollzeitaktivist ganz dem politischen Widerstand hingeben: der Rechtsberatung von Atomkraftgegnern, Gentechnik-Verhinderern, anderen Demonstranten. Unterstützt wird er von der Bewegungsstiftung. Linke Millionäre haben sie 2002 gegründet. 180 Euro überweist die Stiftung jeden Monat an Jänicke, das Geld kommt über Patenschaften zusammen. Dazu bezieht er noch 356 Euro Grundsicherung vom Staat. Jänicke steht da in seinem seltsamen Aufzug, die Blume im Haar ist verrutscht. Er hat sich das Widerständige als Lebensform ausgesucht, reich wird er damit nicht. »Ich komm sowieso nicht mit Geld zurecht«, krächzt er heiter. Jänicke hat eine näselnde, manchmal scheppernde Stimme. Sein Sprachzentrum hat eine Störung, ein Teil der Feinmotorik funktioniert nicht richtig. Mit Logopädie und Training hat er diese Schwächen als Kind bekämpft, bis nur das Näseln und eine unleserliche Handschrift geblieben sind. Jänicke ist immer gegen Gegebenheiten angegangen, die ihn störten.

In der Wohnung riecht es nach kaltem Rauch. »Hab 'n bisschen aufgeräumt«, hatte Jänicke vorhin zur Begrüßung gerufen. Weil die Lage auf dem Hamburger Wohnungsmarkt nicht so ist, wie man sie sich wünscht, hat er zuletzt fast zwei Jahre bei Freunden im Keller gehaust, bis er in diesem schmucklosen Mietshaus in Hamburg-Altona gelandet ist. Jetzt hängen Socken über der Heizung, neben dem Kleiderschrank stehen eine Trockenhaube, Haarspray und ein Korb Lockenwickler. Im Regal liegen Aktenordner und ein Buch über SM-Fantasien. Jänicke hat Dringenderes zu tun, als seinen Haushalt tadellos zu führen. Irgendwo wartet immer eine Menschenkette, eine Großdemonstration auf ihn. Ein G-8-Gipfel, ein Atommüll-Transport, ein Bahnhofs-Neubau. Die Anmeldung des Castor-Protest-Camps bei den Versammlungsbehörden etwa hat Jänicke besorgt. Im Aktionsbüro in Dannenberg saß er bis tief in die Nacht inmitten von Stapeln juristischer Fachliteratur, eilte an die blockierte Straße, erklärte Demonstranten die rechtliche Situation, telefonierte mit Polizeichefs, beschwerte sich bei der Versammlungsbehörde, reichte Klagen ein. Solche Sachen.

Kommende Woche wird er nach Aschersleben fahren. Gentechnik-Gegner sind dort angeklagt, weil sie einen Feldversuch mit gentechnisch verändertem Weizen zerstört haben. Jänicke wird ihr Rechtsbeistand sein, er wird die Sprache der Aktivisten in die Sprache der Juristen übersetzen. Er wird morgens Pullover und Hose anziehen. »Wie immer wenn ich in der Aktion bin. Damit mein Aussehen die Leute nicht ablenkt«, erklärt er. Holger Isabell Jänicke sieht sich selbst irgendwo zwischen Transgender und Transvestit. Er mag jetzt mit Pettycoat am Kleiderschrank lehnen wie eine ziemlich durchgeknallte Type. Aber er weiß sehr genau, wovon er redet. »Ich will die Angeklagten in die Lage versetzen, ihren eigenen Prozess zu führen. Es geht darum, Menschen zu befähigen, sich im juristischen Bereich frei zu bewegen.«

Immer wieder Gefängnis

Er hat es ja selbst erlebt, wie es gehen kann. Damals während der Friedensbewegung, zu Zeiten der Ostermärsche, als sich in jeder westdeutschen Kleinstadt eine Friedensgruppe traf, als Friedensbüros und Dritte-Welt-Läden eröffneten, damals hat Jänicke seine erste Sitzblockade in Mutlangen mitgemacht. Im Januar 1985 folgte sein erster Prozess. »Ich bin da ein bisschen naiv rangegangen. Ich dachte mir: Ich habe gute Gründe, warum ich gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen bin, die trag ich einfach vor«, erzählt Jänicke. »Aber der Richter hat nur gesagt: Nötigung. Und erklärt, warum das eine strafbare Handlung ist.«

Es war eine Ohnmacht, die Jänicke loswerden wollte. Er hat sich vergleichbare Präzedenzfälle angeguckt, Rechtskommentare gelesen, über neue Blockadeformen nachgedacht. In den Jahren, die folgten, hat Jänicke unzählige Tage auf der Straße gesessen, er ist über dreißig Mal festgenommen worden. Prozesse hat er durch alle Instanzen geführt, zum Schluss hat er seine Revisionen selber geschrieben, eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Er verbrachte etliche Tage in Gerichtssälen. »Die Gerichtsgebäude von Schwäbisch Gmünd und Ellwangen waren mein zweites Zuhause«, kräht Jänicke. Fünfmal ist er wegen seines Aktionismus im Gefängnis gesessen. Wahrscheinlich ist irgendwann der Zeitpunkt überschritten, an dem man sich aus der Welt des Protests zurückziehen kann. 1987 ist Jänicke nach Mutlangen gezogen. Mit sechs Aktivisten hat er ein Haus umgebaut, ein ökologisches Lebens- und Wohnprojekt gegründet. Sie haben von Spenden gelebt und den Widerstand in Mutlangen organisiert, die täglichen Blockadeaktionen, die Gerichtsverfahren. »Wir haben nicht schlecht gelebt«, sagt er.

Als nach Ende des Kalten Krieges die Raketen, gegen die sie so lange protestiert hatten, aus Mutlangen verschwanden, löste sich die WG langsam auf. Jänicke engagierte sich gegen Waffenexporte in die Türkei. Es kann sein, dass der Vater der Erste war, an dem Jänicke sich abgearbeitet hat. Die Eltern hatten es nicht leicht: erst ein behinderter Sohn. Dann weigerte sich der Junge zur Musterung zu gehen. Später das Gefängnis. Dann nennt er sich Isabell. »Aber da konnte ich meine Eltern nicht mehr schocken.« Jänicke lacht ein lautes, schepperndes Lachen.

Sein Vater war Maschinenbauingenieur in einer Rüstungsfirma. Die Sache mit der Musterung hat ihn getroffen. Jänicke durfte zwei Jahre nicht nach Hause. »Inzwischen verstehen wir uns wirklich gut. Mein Vater war immer ein wichtiger Unterstützer«, sagt Jänicke. »Er hat mich den Respekt gelehrt vor dem Gegner.« Dann muss Jänicke los, zum Bus. Er wirft sich einen Anorak über. Er hat schon wieder irgendeinen Termin.

Die Finanziers

Die Idee: Im Frühjahr 2002 beschlossen neun wohlhabende Erben, Protest zu finanzieren. Sie gründeten die Bewegungsstiftung. Dazu gehört mittlerweile auch ein Programm für "BewegungsarbeiterInnen". Neun Vollzeitaktivisten werden mit 180 bis 900 Euro im Monat unterstützt. Der monatliche Betrag für die einzelnen Aktivisten wird über Patenschaften finanziert, die Stiftung übernimmt die Koordination des Programmes.

Die Organisation: Die Bewegungsstiftung wird zurzeit von 90 Stiftern und Stifterinnen getragen und sitzt in Verden in Niedersachsen. 

 

 

 

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