Bewegungsstiftung

Emma, Frühjahr 2011

Sie baumeln an Brücken aus Protest gegen Gentechnik, ketten sich an Schienen, um den Castor zu stoppen oder machen auf Aktionärssitzungen Putz gegen Börsen-Spekulanten. Alles für eine bessere Welt!

Von Nadine Dietrich

Es ist stockfinster,  Regen, Wind. Cécile Lecomte und drei Männer robben, kriechen, keuchen mit schwerer Kletterausrüstung auf dem Rücken über Bahngleise und Schotter über die Fuldatalbrücke. Neben ihnen könnte jederzeit ein ICE vorbeirasen. Unter ihnen, 75 Meter tiefer, soll in dieser Nacht der Castortransport durchrollen. Den wollen sie stoppen. Drei Monate Planung im engsten Kreis und nur eine Chance.

Um 4 Uhr früh steht der Castor. Irgendwo in Nordhessen, mehr als zwei Stunden lang. Cécile Lecomte, 29 Jahre alt, hat es mal wieder geschafft. »Wir haben der Angela Merkel gezeigt, was wir von 'Brückentechnologie' halten«, sagt Cécile Lecomte mit Triumph in der Stimme. Als an diesem Novembertag 2010 genau hundert Mannschaftswagen der Polizei unter ihr und ihrem Kletterkollegen Christian stehen, hört sie auf zu zählen.

Cécile Lecomte: in Frankreich geboren, mehrfache Jugendmeisterin im Sportklettern. Vollzeitumweltaktivistin. Szenename: das Eichhörnchen. Markenzeichen: Spagat kopfüber.

Unzählige Male hat Lecomte sich gegen den Castortransport von Brücken abgeseilt, Bäume besetzt aus Protest gegen Großbauprojekte wie den Frankfurter Flughafen und Stuttgart 21, aus Genmaisfeldern Pflanzen gerissen. Sie hat Außenhandelswirtschaft studiert, »um zu wissen, worüber ich rede«, kommt 2001 erstmals als Austauschstudentin nach Deutschland und ist begeistert von der starken Anti-Atomkraft-Bewegung. 2005 zieht sie nach Lüneburg in Niedersachsen, in die Nähe des geplanten Atommülllagers Gorleben, in einen Bauwagen.

»Ich finde das schön: Ich bin viel draußen und hab ständig Kontakt zu meinen Nachbarn«, sagt die Französin. »Wir holen jeden Liter Wasser aus einem Gebäude nebenan. Da merken wir genau, wie viel wir verbrauchen und gehen sehr bewusst damit um«. Sie hat eine Solaranlage auf ihrem Bauwagendach, denn Atomstrom ist »wie Fliegen ohne Landebahn: Wunder der Technik, aber wohin mit dem Müll?«

Bei den Aktivitäten kaum zu glauben, aber Cécile Lecomte hat seit Jahren schwer Rheuma und kann kaum hundert Meter zu Fuß gehen. »Aber klettern geht immer, das entlastet sogar die Gelenke«, sagt sie grinsend. »Und bei wichtigen Aktionen nehme ich Cortison«.

»Sie ist eine total mutige Frau«, sagt Bettina Bresien aus Bremen. Die gelernte Bäckerin und Ernährungswissenschaftlerin, die heute bei Ver.di arbeitet, kennt Lecomte aus der Anti-Atom-Szene und unterstützt sie mit monatlich 20 Euro. Bresien ist eine von Cécile Lecomtes 23 PatInnen über die »Bewegungsstiftung« – eine Stiftung, die Protestbewegungen, aber auch Einzelpersonen fördert, die sich für Umweltschutz und sozialen Wandel einsetzen. »Durch Céciles Aktionen wird über Waldrodungen und Atommüll gesprochen«, schwärmt ihre Patin Bettina Bresien.

Cécile Lecomte wurde quasi mit Klettergurt geboren. Ihre Mutter ist passionierte Kletterin, »ab dem Frühjahr waren wir jedes Wochenende in den Bergen, und wenn das nicht ging: Kletterhalle!« Die Mutter ist inzwischen pensioniert und »jede freie Minute auf einem Berg. Früher hat sie mich auch oft zu Demos mitgenommen. Als ich ihr einmal erzählte, in Deutschland dürften die Lehrer nicht streiken, meinte sie empört: Da würde ich streiken, um das Streikrecht zu bekommen!« Für ihre Tochter ist Klettern so wenig eine Frage des Geschlechts wie Essen oder Trinken. Sie hat Berge nie »bezwungen«, sie hat sie »beklettert« - und es braucht dazu »vor allem Technik und Erfahrung«. Mit dieser Einstellung hat sie schon viele Freundinnen mit »dem Klettervirus infiziert«. Auch so mancher Mann will ausdrücklich bei ihr klettern lernen und findet es »cool«, eine Aktion mit ihr zu machen.

»Sie ist ein Störfaktor«, sagt der Polizeipräsident von Lüneburg, Friedrich Niehöster sichtlich genervt. Wenn »das Eichhörnchen« den Castor stoppt, sind Kletterspezialkräfte, Sondereinsatzkommando und Feuerwehr stundenlang im Einsatz, das kostet den Staat viel Geld.

»Dabei sind ihre Aktionen klassischer ziviler Ungehorsam«, argumentiert ihr Anwalt Tronje Döhmer, »das Recht dazu ist im Grundgesetz verankert«. Das bedeute zwar nicht automatisch Straffreiheit, legitimiere aber keinesfalls die Überreaktionen von Polizei und Justiz.

»Gentech weg! Gentech weg! Ätsch!«, schreibt Cécile Lecomte im Sommer 2009 mit Kreide an die Fassade des Gießener Landgerichts, weil ein Freund drinnen wegen einer »Feldbefreiung« angeklagt ist. Dann klettert sie wieder runter. Was folgt, hat die Gießener Polizei selbst gefilmt: Cécile Lecomte wird über Nacht in Gewahrsam genommen. In einer weiß gekachelten, schummrigen Zelle halten drei Polizistinnen sie fest im Griff. Die Arretierte schreit und weint. Sie biegen ihr jeden Finger einzeln auf und ziehen ihr den ledernen Handgelenkschoner ab, den sie wegen der Rheumaschmerzen permanent tragen muss. Die Videoaufnahme bricht ab und Cécile Lecomte wird zwangsentkleidet.

Alles rechtwidrig, entscheidet 2010 ein Gericht, »aber der einsatzleitende Beamte ist längst befördert: zum Leiter der Polizeidirektion Wetzlar«, klagt Rechtsanwalt Döhmer. Im November 2010 ist das »Eichhörnchen« trotzdem wieder in Hessen, seilt sich 75 Meter tief von der Fulda-Talbrücke und hängt sich vor den Castor: »Auf extreme Situationen reagiere ich mit extrem viel Wut: Jetzt erst recht!«

[...]

April 2011. Musik dröhnt aus den Lautsprechern im Uni-Café, junge Leute stehen bei Bier und Bionade zusammen. An den Tischen sitzen die »älteren Semester« und reden über die Musik hinweg. Eine Frau steigt auf die Minibühne und ruft: »Klasse, dass ihr da seid! Lasst uns übers Geld reden, denn wir wollen eure Kröten wandern sehen!« Lachen, kurzer Applaus, dann neugierige Stille im Café: Die Gäste sind gekommen, weil sie die Nase voll haben von Großbanken, die sich erst vom Steuerzahler retten lassen und jetzt unverschämt weiterzocken, in Rüstungs- und Atomkraftprojekte investieren – doch wohin mit dem Girokonto und dem Ersparten? Sind nicht alle Banken gleich schlimm? Mal hören, was die Globalisierungskritiker von attac dazu sagen?

So stellt sich Jutta Sundermann die erste »Bankwechselparty« Deutschlands vor. Im April soll es losgehen, in Köln, Heidelberg und wo immer »Menschen Lust haben, bei Musik und guter Laune die Bank zu wechseln«.

Jutta Sundermann, 40 Jahre alt, zwei Kinder, alleinerziehend, lebt in Wolfenbüttel, im Jahr 2000 Mitbegründerin des globalisierungskritischen Netzwerks attac, und bis heute für die bundesweiten Aktionen zuständig, aktiv gegen Gentechnik in der Landwirtschaft, Biopiraterie und weltweite Nahrungsmittelspekulationen. Sie begann beim Jugendnaturschutzbund in Hessen als Grundschülerin, Kröten über die Straße zu tragen – bis zu den Finanzkröten war es »ein großer Sprung«.

Sie hat sich lange bei attac aus den Finanzthemen rausgehalten, aber das Herzstück der attac-Forderungen, die Finanztransaktionssteuer, »die konnte sie immer erklären«. Kurz gefasst: Bei jeder Finanzmarkttransaktion, bei Aktien- oder Fondsverkäufen, wird eine Steuer fällig, die dann »für das Bessere in der Welt verwendet werden könnte«, so Sundermann.

Praktisch bedeutet das aber auch: Mit Steuern, die durch Rüstungsaktienverkäufe eingenommen werden, könnte dann ein Entwicklungshilfeprojekt zur Entminung von Bürgerkriegsgebieten finanziert werden. Jutta Sundermann gibt zu, das sei auch Teil ihres Unbehagens. Gutes tun mit dem Geld von »Bösen«? So richtig findet die attac-Frau darauf keine Antwort.

Neben Rüstungsgeschäften gebe es auf dem Finanzmarkt ja auch die Nahrungsmittelspekulationen, »das ist auch richtig gruselig«. Weltweit wird seit einigen Jahren auf die Weltmarktpreise zum Beispiel von Weizen und Mais gewettet. Das Getreide ist auf dem Weltmarkt mal derart billig, dass sich der Anbau für Kleinstbauern in Afrika nicht mehr lohnt, dann wieder steigt der Getreidepreis derart rasant, dass es wie 2008 zu einer weltweiten Hungerkrise kommt. »Das ist so ungerecht«, findet Sundermann. Die Mutter von zwei Kindern: »Wenn ein kleines Kind nur wenige Wochen hungern muss, ist es fürs ganze Leben gezeichnet.«

Auch die deutschen Großbanken spekulieren mit, die Deutsche Bank allen voran. Die hat Jutta Sundermann ganz besonders auf dem Kieker. Im Frühjahr vergangenen Jahres organisierte sie ein mehrtägiges Bankentribunal an der Berliner Volksbühne, um die Finanzkrise aufzubereiten. Via Medien erklärte Sundermann öffentlich: »Die Finanzkrisenverursacher stehen längst wieder auf der Gewinnerseite – ein Beleg dafür ist das Millionengehalt von Josef Ackermann.«

Anruf bei der Deutschen Bank in Frankfurt, Dr. Claus Winker, Teamleiter Corporate Social Responsibility: Der Name Jutta Sundermann sage ihm nichts. Das Bankentribunal? »Möchten wir nicht kommentieren.« Die Milliardengewinne direkt nach der Krise? »Kommentieren wir nicht.«

»Viele wissen gar nicht, was ihre Bank so treibt und dass es gute Alternativen gibt. Nach Anprangern und Aufrütteln müssen jetzt Taten folgen«, findet die Aktivistin. Seit Jahresanfang bereitet sie deshalb mit MitstreiterInnen die »bundesweiten Bankwechselpartys« vor.

»Ich finde es toll, wie sie Leute zusammenführen und begeistern kann. Sie kennt nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, sondern ihr fallen dazu auch immer gute Aktionen ein«, sagt die 76-jährige Sue Dürr. Die Frau des Physikers und Alternativen Nobelpreisträgers Hans-Peter Dürr hat im Jahr 2000 attac mitgegründet und ist Jutta Sundermanns Patin via Bewegungsstiftung. Seit Jahrzehnten ist sie in der Anti-Atom- und in der Friedensbewegung aktiv. Als Jutta Sundermann in Maybrit Illners Talkshow Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Unternehmenschef Lothar Späth gegenübersaß und »denen ordentlich contra gab, da war ich unglaublich stolz auf sie«.

700 Euro erhält Jutta Sundermann monatlich durch die Patenschaften der Bewegungsstiftung. »Zusammen mit dem Kindergeld reicht das. Die Klamotten habe ich schon immer auf dem Flohmarkt gekauft. Auch für die Kinder«, sagt sie lachend.

Ihre 18-jährige Tochter ist gerade ausgezogen. Stolz schwingt mit über deren Selbstständigkeit und Wehmut, dass die gemeinsame Zeit vorbei ist. Von einem politischen Wohnprojekt zum nächsten, zu Umweltcamps und politischen Sommeruniversitäten. »Ich habe meine Kinder immer mitgeschleppt, die fanden das sehr lange toll«, sagt die Aktivistin, die viele Mitstreiterinnen verloren hat, als die Mütter wurden.

Als Sundermann 21 war, kam die Tochter zur Welt, mit 23 der Sohn. Sie sei dann »echt unleidlich geworden, als alleinerziehende Mutter, die jede Minute bei attac quasi ihren Kindern weggenommen hat.« »Mit dem Frauenanteil von 30 Prozent bin ich natürlich nicht zufrieden. Und dann müssen die Männer sich auch noch stundenlang profilieren mit ihrem Finanzwissen und theoretisieren über den alten Karl Marx. Das hilft uns doch überhaupt nichts in der konkreten Vorbereitung!« Konsequenz: Je konkreter und lokaler eine Aktion ist, desto mehr Frauen sind dabei.

Dann muss sie los: Eine zweistündige Telefonkonferenz mit dem attac-Koordinierungskreis steht an wegen der Bankwechsel-Kampagne. Echt gute Partys machen eben Arbeit.

 

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