Bewegungsstiftung

Contraste, Januar 2011

Jutta Sundermann möchte mit niemandem tauschen. »Ich tue nur das, was ich für richtig halte, genieße die Freiheit und freue mich über die Vielzahl an Erfahrungen, die ich mache und gerne auch weitergebe«, sagt sie zufrieden über ihren Job. Die Vollzeitaktivistin ist Bewegungsarbeiterin der Bewegungsstiftung und setzt sich mit ihrer Arbeit für eine ökologischere und gerechtere Welt ein.

Von Andreas Göller

In erster Linie fördert die Bewegungsstiftung Protestkampagnen. Seit ihrer Gründung 2002 unterstützt sie aber auch AktivistInnen, die sich Vollzeit und unbezahlt in sozialen Bewegungen engagieren mit dem BewegungsarbeiterInnen-Programm. Ihr Geld erhalten die derzeit neun BewegungsarbeiterInnen dabei nicht von der Bewegungsstiftung selbst, sondern von einem Kreis von PatInnen, die sich dem Engagement der BewegungsarbeiterInnen verbunden fühlen. Die Stiftung sorgt für die Weiterleitung der Gelder, berät, vernetzt und unterstützt bei der Öffentlichkeitsarbeit.

Jutta Sundermann ist seit drei Jahren Bewegungsarbeiterin. Schon als Schülerin hat sie sich in Jugendumweltprojekten engagiert. »Zu erleben, was Menschen gemeinsam auf die Beine stellen können, hat mich total fasziniert.« Deswegen verzichtete Jutta bewusst auf eine berufliche Karriere, um sich ganz der politischen Arbeit zu widmen. Der 39-Jährigen war damals schon klar: »Ein normales Berufsleben mit kleinen Zeitfenstern für ein bisschen Engagement kommt nicht in Frage.« Zum Studieren ist Jutta auch gar nicht gekommen. »Es gab immer lebendigere und dringendere Projekte. Dafür lerne ich bis heute bei dieser Arbeit sehr viel«, sagt Jutta. Derzeit engagiert sie sich vor allem in Kampagnen für eine gerechtere Weltwirtschaft, für eine Regulierung der Finanzmärkte und mit der Organisation »Gendreck weg« gegen Agro-Gentechnik. Außerdem arbeitet Jutta bei der Attac-Initiative »Power to the People« mit, die das Ziel hat, den vier großen Stromkonzernen den Stecker zu ziehen. Im Jahr 2000 gründete sie Attac in Deutschland mit und ist dort zurzeit Mitglied des Koordinierungskreises. Für den Bankenaktionstag von Attac Ende September 2010 eröffnete Jutta mit einigen MitstreiterInnen eine Fälscher-Werkstatt. Es erschien die Zeitung »Financial Crimes«: auf lachsrosa Papier wie das nachgeahmte Original. Am Bankenaktionstag wurden bundesweit 120.000 Exemplare der Aktionszeitung verteilt, die über die Ursachen und Hintergründe der Finanzkrise aufklärte.

Aber wie wird eine VollzeitaktivistIn eigentlich zur BewegungsarbeiterIn? Um BewegungsarbeiterIn bei der Bewegungsstiftung zu werden, sollten Interessierte bestimmte Kriterien erfüllen. Sie sollten eine tragende Rolle in sozialen Bewegungen einnehmen, aber trotzdem ungebunden und unabhängig agieren. Zudem sollten das Engagement durch ein deutliches Profil gekennzeichnet sein, das nach außen klar vermittelbar ist. Wenn Menschen diese Eigenschaften besitzen, können sie sich bei der Bewegungsstiftung bewerben. Erfüllt eine Bewerberin oder ein Bewerber die festgelegten Kriterien, wird sie oder er zu einem Gespräch mit zwei Personen aus der Stiftung eingeladen. Auf deren Empfehlung hin entscheidet der Stiftungsrat, wer in den Kreis der BewegungsarbeiterInnen aufgenommen wird.

Auch Hagen Kopp ist schon lange politisch aktiv und seit 2009 Bewegungsarbeiter. »Ich bin in den 80er Jahren politisch sozialisiert worden«, sagt der 50-Jährige. »Damals war es noch üblicher, sich der Lohnarbeit und beruflichen Karrieren zu verweigern.« Sein Schwerpunkt liegt heute auf Antirassismus und Migration. Bewusst hat sich Hagen für die politische Arbeit entschieden:»Dem Akademischen stehe ich schon immer etwas misstrauisch gegenüber. Zu oft habe ich erlebt, wie Leute nach wenigen Jahren politischer Arbeit dann doch die goldene Brücke zurück gesucht haben.« In einem Beratungscafé in Hanau bietet Hagen für Flüchtlinge juristische Hilfe und Begleitung an und unterstützt sie dadurch beim täglichen Kampf für ein Bleiberecht und ihre sozialen Rechte. Zudem hat Hagen in den vergangenen Jahren zahlreiche »No Border Camps« mit organisiert. Im Sommer 2009 fand zum Beispiel eine Protestwoche auf der griechischen Insel Lesbos statt. Denn hier operiert Frontex, die europäische Grenzschutzagentur und Symbol der militarisierten und oft tödlichen Vorverlagerung der Migrationskontrolle. Auf Lesbos protestierten AktivistInnen zusammen mit betroffenen Flüchtlingen für die Auflösung des Internierungslagers Pagani. Im Oktober 2009 gab die griechische Regierung dann bekannt, dass Pagani zumindest vorübergehend geschlossen wird. Ein wichtiger Etappensieg für die antirassistische Bewegung, den Hagen vor Ort intensiv mitverfolgt hat.

Anti-Atom-Bewegung, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Migration oder Globalisierungskritik: In vielen politischen Kampagnen sind die BewegungsarbeiterInnen aktiv. Durch ihre Unterstützung ermöglichen die PatInnen den BewegungsarbeiterInnen langfristig in und für soziale Bewegungen zu arbeiten. In der Regel suchen sich die AktivistInnen ihre UnterstützerInnen in ihrem eigenen Umfeld. Reich werden sie dadurch aber nicht. Durchschnittlich wird eine BewegungsarbeiterIn von je 15 PatInnen unterstützt, die zusammen monatlich ungefähr 500 Euro überweisen. Im Gegenzug berichten die BewegungsarbeiterInnen ihren PatInnen regelmäßig über ihre Arbeit. In einem zweijährigen Rhythmus überprüft der Stiftungsrat, ob die BewegungsarbeiterInnen und ihr Engagement weiterhin den Kriterien der Stiftung entsprechen. Dabei nimmt sie keinen Einfluss auf die Arbeitsinhalte der VollzeitaktivistInnen. Die Bewegungsstiftung hat ihnen gegenüber keinerlei Weisungsbefugnisse, zahlt aber auch keine Sozialversicherung. Es handelt sich also rechtlich nicht um ein Beschäftigungsverhältnis, sondern um eine mildtätige Zuwendung an wirtschaftlich Bedürftige. Monatlich 500 Euro sind nicht viel. Deswegen haben einige BewegungsarbeiterInnen zusätzlich einen Teilzeitjob, erhalten Honorareinkünfte für Vorträge und Presseartikel oder haben einen Lebenspartner, der sie unterstützt. Die Förderung der Bewegungsstiftung erlaubt ihnen aber sich zum größten Teil auf die politische Arbeit zu konzentrieren.

Aber ist es nicht ein Widerspruch, Menschen für politische Arbeit zu bezahlen? »Idealerweise sollte politische Arbeit gänzlich unbezahlt bleiben«, sagt der Bewegungsarbeiter Hagen Kopp, »auch um Tendenzen zu Hierarchisierung oder Institutionalisierung, die ja bei allen Bewegungen bestehen, nicht zu verstärken«. Letztendlich sei es auch schwierig zu entscheiden, ab wann wer bei wie viel Bewegungsarbeit bezahlt wird oder nicht. »Insofern sehe ich einige Widersprüche im Konzept der BewegungsarbeiterInnen«, sagt Hagen. Dennoch überwiegen in seinen Augen die Vorteile: »Eigentlich will ich nicht für meine politische Arbeit bezahlt werden, aber ohne die Unterstützung hätte ich viel weniger Zeit dafür«, sagt Hagen.

Und Zeit ist kostbar für viele BewegungsarbeiterInnen. Gerade das Vernetzen, das Austauschen von Informationen und das Kommunizieren mit anderen Menschen der Bewegung nimmt sehr viel Raum beim täglichen Engagement ein. Häufig ist Bewegungsarbeit auch Büroarbeit. Neben Telefonieren und E-Mails Schreiben, verfassen die BewegungsarbeiterInnen Presseartikel oder bereiten Vorträge vor. »Die BewegungsarbeiterInnen arbeiten nicht nur in einer Nische der Bewegung, sondern bringen Menschen, Themen und Ansichten zusammen«, erklärt Jutta. »Sie hecken eigene Projekte aus, setzen sie um und helfen anderen bei deren Plänen«. Die BewegungsarbeiterInnen sind also keine EinzelkämpferInnen. Organisationen, Protestbündnisse, Bürgerinitiativen und Aktionsgruppen sind für sie wichtige Orte. »Es ist toll mit anderen etwas zu bewegen«, sagt Jutta. »Mir gibt diese Arbeit total viel.«

Leider können nicht alle Menschen, die sich Vollzeit und ehrenamtlich engagieren, von der Bewegungsstiftung gefördert werden. Die Organisationsstruktur der Bewegungsstiftung ist begrenzt. Deswegen hat die Stiftung das BewegungsarbeiterInnen-Programm auf zehn Personen beschränkt. Der letzte freie Platz soll vorrangig an eine Frau vergeben werden. Das Modell Bewegungsarbeit ist aber nicht auf die Stiftung beschränkt. Die Bewegungsstiftung empfiehlt es allen gemeinnützigen Organisationen zur Nachahmung und gibt die eigenen Erfahrungen gerne weiter.

Für den Erfolg von sozialen Bewegungen ist das politische Engagement von vielen Millionen Menschen von unschätzbarem Wert, auch von jenen, die dabei nicht finanziell unterstützt werden können. Das weiß auch Jutta. Ihr Wunsch: »Dass noch mehr Leute in Bewegung geraten und merken, dass wir gemeinsam die Welt verändern können.«

www.bewegungsarbeiter.de

www.bewegungsstiftung.de

 

WEITERE BEWEGUNGSARBEITERiNNEN DER STIFTUNG

 

Jan Becker

Seit vielen Jahren engagiert sich Jan im Kampf gegen die weitere Nutzung der Atomenergie und für eine Energiewende. Mit kreativen Protestaktionen bringt er die Forderungen der Atomkraftgegner auf die Straßen, Schienen oder an Häuserfassaden.

 

Jürgen Heiser

Seit mehr als 20 Jahren kämpft Jürgen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe, die derzeit noch in einem Drittel der Länder dieser Erde vollstreckt wird. Sein besonderer Einsatz gilt dem seit 1982 zu Unrecht in der Todeszelle sitzenden Afro-Amerikaner Mumia Abu-Jamal.

 

Holger Isabelle Jänicke

Holger Isabelle beschäftigt sich vor allem mit den Themen Castor und genetisch veränderte Pflanzen. In Hamburg leitet er ein Rechtshilfebüro, das sich seit Jahren um die rechtliche Vor- und Nachbereitung von Aktionen des zivilen Ungehorsams und anderer Protestformen sozialer Bewegungen kümmert.

 

Cécile Lecomte

Cécile ist in verschiedenen Bewegungen aktiv. Von Anti-Atom-Protesten über die Besetzung von Genmais-Feldern bis hin zu Blockaden von Nazi-Aufmärschen und Baumbesetzungen gegen Großbauprojekte reicht das Engagement der Kletteraktivistin.

 

Emanuel Matondo

Emanuel kämpft in verschiedenen Friedens- und Menschenrechtsorganisationen gegen Krieg, Korruption, Hunger und Armut in Afrika. Dabei setzt er auf gewaltfreien Widerstand und eine zivile Konfliktlösung.

 

Edgar Schu

Edgar kämpft seit 2004 beim bundesweiten Aktionsbündnis Sozialproteste, das aus den Montagsdemonstrationen entstanden ist, gegen die weitere Verschärfung von Gesetzen gegen Erwerbslose und gegen Lohndumping.

 

Bruno Watara

Bruno engagiert sich gegen die verfehlte Migrationspolitik und die menschenunwürdigen Verhältnisse in Flüchtlingslagern, die er selbst jahrelang als politischer Flüchtling miterleben musste.

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www.contraste.org/

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