Bewegungsstiftung

Widerständiges Eichhörnchen

Publik-Forum Januar 2010

Die Klettermeisterin Cécile Lecomte besetzt Bäume und protestiert so gegen Atom- und Kohlekraft

von Anke Schwarzer

Klingeling! Eine Glocke hängt an einem langen Seil. Kurz nachdem es unten am Baum geklingelt hat, raschelt die braune Plane zehn Meter weiter oben auf der Holzplatte. Ein Kopf ragt heraus. »Ich komme herunter!« sagt die junge Frau und hangelt sich vom Baum herab. Ein Stück Pappe lehnt unten am Stamm. Es ist die Wunschliste. Dort steht: »Warmes Essen (vegan), Batterien, Taschentücher, Feuerholz, Süßes.« Anwohner legen ihre Spenden in die bunte Stofftasche, die sich an einem Seil nach oben auf die Plattform ziehen lässt. Cécile Lecomte steht mit ihren robusten Stiefeln auf den Boden. Zu sehen ist nur ihr Gesicht und ihre rote Nase, alles andere ist warm eingepackt. An ihrer Hüfte baumelt, wie ein Baströckchen, ein Saum von orangefarbenen und blauen Seilen, Haken und ein Mobiltelefon. In ihrer Hand hält sie eine Thermoskanne. »Ich habe Tee. Das ist das einzige was man trinken kann. Wasserflaschen frieren schnell ein.« erklärt die 28-jährige Aktivistin. Es ist minus neun Grad im Hamburger Gählerpark.

An den kahlen Bäumen hängen Transparente: »Kohlekraft - Nein Danke!« und »Trassenstopp heißt Moorburgstopp«. Es klemmen auch noch weitere Holzplatten in den Astgabeln. Insgesamt halten seit Dezember etwa 15 Menschen die Bäume besetzt. Das Energieunternehmen Vattenfall baut in Hamburg Moorburg ein gigantisches Kohlekraftwerk und eine zwölf Kilometer lange Fernwärmeleitung. Zahlreiche Anwohner und Initiativen wehren sich dagegen. Zum einem müssten für die Trasse über 400 alte Bäume gefällt, Grünanlagen verkleinert und würden für viele Jahre unbenutzbar werden. Cécile Lecomte kämpft zudem mit anderen dafür, dass der Bau des Kohlekraftwerkes Moorburg gestoppt wird. Sie fordert einen grundlegenden Wechsel in der Energiepolitik: weg von klimaschädlichen Großkraftwerken in der Hand der Konzerne, hin zu dezentralen Strukturen auf der Basis erneuerbarer Energien.

Sie wirft ein paar Holzscheite in die Feuertonne, setzt sich und legt eine Wärmflasche auf ihre graue Schneehose. Die in Frankreich aufgewachsene Profi-Kletterin ist Vollzeitaktivistin. Die Bewegungsstiftung nennt sie Bewegungsarbeiterin und wirbt um Geld-Patenschaften für sie. Wenn sie nicht gerade in Bäumen hängt und Atom- und Militärtransporte blockiert, wohnt sie bei Lüneburg in einem Bauwagen. »Ich versuche von dem zu leben, was weggeworfen wird, damit ich nicht den Konsum anheize.« erklärt sie. »Machbare Utopien«, das sei ihr Leben, ihre Leidenschaft. Sie schreibt, übersetzt und hält Vorträge. Studiert hat sie Wirtschaft und Französisch als Fremdsprache. Ihre Arbeit als Lehrerin hat sie aufgegeben, als sich die Schule an den Nachforschungen der Polizei störte, die sie wochenlang überwachte. Auch von ihrem Rheuma lässt sich das Eichhörnchen, wie sie genannt wird, nicht vom Klettern abhalten. »Klettern ist sehr effektiv«, erklärt sie. Die Polizei stört sich so sehr an dem gewaltfreien Klettern, dass sie mitunter zu rechtswidrigen Maßnahmen greift. Noch bevor der Castortransport 2008 durch das Wendland rollte, sperrte man sie mehrere Tage lang ein. Wie ein Tier sei sie behandelt worden. Zwei Tage habe sie in der Zelle geweint, danach habe sie sich professionelle Hilfe geholt. Vor Kurzem hat sie vor dem Bundesverfassungsgericht Beschwerde eingelegt - und klettert weiter.

 

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