Bewegungsstiftung

Spiegel/35, 30. August 2010

Eine Protestwelle rollt durch Deutschland. Allerorten kämpfen Bürger gegen die Projekte von Politikern. Die Demokratie wirkt lebendig, aber manchmal prallen auch Allgemeinwohl und Egoismus aufeinander. Die Modernisierung des Landes könnte aufgehalten werden.

Von Matthias Bartsch, Sven Becker, Kim Bode, Jan Friedmann, Wiebke Hollersen, Simone Kaiser, Dirk Kurbjuweit, Peter Müller, Maximilian Popp, Barbara Schmid

[...] So wie es Berufspolitiker gibt, gibt es auch Berufsprotestierer. Bürgerprotest ist nicht immer spontan und amateurhaft. Seit 1988 gibt es den Verein Mehr Demokratie, der Bürger bei ihren Protesten und Begehren berät. Und es gibt einen Mann wie Jochen Stay.

Am Donnerstag war Stay in Lingen, am Atomkraftwerk, obwohl er ziemlich erkältet war. Job ist Job. Die Kanzlerin war in Lingen, um das Werk zu besichtigen, also musste Stay in Lingen sein. Kein einfacher Termin, sagt er, "Diaspora, unter der Woche", aber am Ende haben sie es wieder in die "Tagesschau" geschafft.

Jochen Stay kämpft gegen die Atomkraft, nicht nebenher, sondern Vollzeit. Als Schüler demonstrierte er gegen Apartheid und Krieg, damals noch in seiner Freizeit, nach dem Abitur zog er nach Mutlangen, in das Camp der Leute, die gegen die Stationierung von Pershing-2-Raketen kämpften. Zwei Jahre lebte Stay vor der Raketenbasis, schlief im Zelt, machte bei allen möglichen Aktionen mit, "meine Ausbildung" nennt er diese Zeit.

Nach Mutlangen kam Wackersdorf, der Kampf gegen die Anlage, die Atommüll wiederaufarbeiten sollte. Sein ganzes Leben ist mit der bundesdeutschen Protestbewegung verwoben, in Gorleben hat er sich verliebt, im Wendland lebt er jetzt.

Seit acht Jahren ist er "Bewegungsarbeiter", die Bewegungsstiftung aus Verden hat ihm diese Stelle vermittelt. Stay protestiert, etwa 50 Paten zahlen ihm dafür regelmäßig Geld. Stay ist Freiberufler, um seine Versicherungen muss er sich selbst kümmern, aber er ist auch frei in seiner Arbeit. Die Stiftung berät ihn und seine Kollegen, sechs weitere Männer und zwei Frauen. "Alles Schlüsselpersonen aus der Protestbewegung", sagt Stay.

Die Leute, die sich in einem Protestgebiet am besten auskennen, sollen nicht aufhören, weil sie mit normaler Arbeit Geld verdienen müssen. Das ist die Idee.

Stay fährt vier Tage in der Woche mit dem Zug durch Deutschland, von Demo zu Demo, in wetterfester Kleidung, mit Laptop, zwischendurch sitzt er in den Bahnhöfen in der DB Lounge, schickt E-Mails über seinen großen Verteiler, stößt SMS-Ketten an. Manchmal fragt er sich, wie das früher ging, wie sie Mutlangen gemacht haben, ohne Internet.

Es geht zurzeit allerdings auch besonders gut, die Anti-Atomkraft-Bewegung sei stark wie nie, sagt Stay. 120 000 im April bei der großen Menschenkette, "die Alten aus Brokdorf waren da, ganz viele Junge". In Deutschland gebe es heute in jedem Alter Leute mit Protesterfahrung, sagt er. "Die Leute können das abrufen, die haben das schon mal gemacht." Nur sind sie jetzt bürgerlicher, wohlhabender.

Es ist eine gute Zeit für Stay, die Regierung kann sich seit Monaten nicht über die Atompolitik einigen, "in so einer Lage kann man schön Druck machen", etwa mit einer Großdemo in Berlin im September. Im November ist der nächste Castor-Transport geplant. Jochen Stay glaubt, die Sache wird so groß wie noch nie. [...]

 

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