Bewegungsstiftung

Berliner Zeitung, 18./19. September 2010

Jochen Stay ist Veteran der Anti-Atom-Bewegung. Über das Internet mobilisiert er einen Widerstand, der längst als eingeschlafen galt. Nun wird er zum Cheflogistiker für die Großdemonstration in Berlin

Von Frank Nordhausen

BERLIN. Es nieselt. Die Feuchtigkeit kriecht in die Knochen. Da bleibt, wer nicht muss, nicht zu lange im Freien. "Ich glaube, es reicht, Leute", sagt Jochen Stay. "Wir packen ein." Es ist Donnerstag letzter Woche, Stay steht auf der Wiese am Reichstag, vor einer Wand aus gelben Fässern mit dem Radioaktivitäts-Zeichen. Im Hintergrund verschwimmt das Parlamentsgebäude im Regen. Zehn Frauen und Männer in weißen Overalls rollen die Transparente ein. Auf einem steht: "Atomkraftwerke abschalten!" Daneben ein Zeichen, das Erinnerungen weckt: Eine rote Sonne auf gelbem Grund mit dem Spruch "Atomkraft? Nein Danke". Ein paar Autofahrer blicken irritiert.

So unerfreulich der Tag ist, Jochen Stay ist hoch zufrieden. "Drei Fernsehteams und zehn Fotografen waren da", sagt er, "wunderbar." Kleiner Aufwand, große Wirkung: Hundert giftgelb bemalte alte Ölfässer, herangekarrt aus einem Lager in Schwaben. Zehn Berliner, über das Internet aktiviert. Das ist modernes Protestmarketing. Es geht um Bilder für die Zeitungen und die Tagesschau. Atomfässer und Plakate vor dem Reichstag - so macht sich die Anti-Atom-Bewegung warm für die Großdemonstration eines breiten Bündnisses von Bürgerinitiativen und Organisationen, die am heutigen Sonnabend um 13 Uhr am Hauptbahnhof startet und dann das Regierungsviertel umzingeln soll.

Wie ein Funke, der eine Explosion auslöst, sei es gewesen, als die schwarz-gelbe Regierung am 5. September den rot-grünen Atomkonsens kippte und den Energiekonzernen längere Laufzeiten "auch für die ältesten Schrottmeiler" gewährte, sagt Jochen Stay. "Vorher haben täglich 30 Leute bei uns Anti-Atom-Material bestellt. Am Tag danach waren es 99, drei Tage später 300."

Twitter und Protestpakete

Es ist unübersehbar: Die Anti-Atom-Bewegung ist zurück. Und Jochen Stay ist für sie eine Art Marketingmann. Der 45-Jährige leitet die Kleininitiative "ausgestrahlt" in Hamburg, die eigentlich nur im Internet agiert und der Bewegung die Logistik liefert. "Offiziell rechnen wir mit 30 000 Teilnehmern", sagt er. Inoffiziell ist längst vom größten Event der Atomgegner seit 30 Jahren die Rede - 1979 kamen 150 000 Menschen zur Demonstration im Bonner Hofgarten. Diesmal sind Hunderte Busse aus 140 Städten gebucht worden. Dazu drei Sonderzüge der Bahn. Auf Twitter und Facebook wirbt die rote Sonne für das Großereignis. "Da ist eine ungeheure Dynamik drin", sagt Jochen Stay.

Zusätzlichen Schub hat den Aktivisten der Atom-Geheimvertrag der Regierung mit den Energieversorgern verliehen, von dem nicht einmal der Umweltminister wusste. Das habe gewirkt, als schliefe Norbert Röttgen, während die Stromkonzerne der Regierung die Laufzeitverlängerungen diktieren, sagt Stay. Er glaubt, dass Angela Merkel damit den größten Fehler ihrer Laufbahn begangen hat. Sie könne wohl nicht ermessen, was es im Westen bedeute, wenn "man das Atomfass jetzt wieder aufmacht". Hunderttausende fühlten sich betrogen, die geglaubt hätten, dass Kernkraftwerke noch eine Zeit lang am Netz blieben, ihr Ende aber besiegelt sei. Seit Jahren lehnt eine stabile 60-Prozent-Mehrheit der Bundesbürger die weitere Nutzung der Atomenergie ab. "Die Kanzlerin hat kein Gespür für Emotionen", sagt Stay.

Der 45-Jährigen mit dem grauen Lockenkopf, dem Vollbart und dem unverstellten Habitus eines Naturburschen versteht offenbar mehr von Emotionen. Deshalb hat er vor zwei Jahren das berühmte Anti-Atom-Logo mit der roten Sonne reaktiviert. "Wir fanden, dass es zu unseren Kampagnen passt", sagt er. Er klärte die Rechte mit den dänischen Copyright-Inhabern, jetzt gibt es sechs verschiedene "Atomkraft? Nein Danke!"-Fahnen im Online-Shop von "ausgestrahlt". Und den klassischen Aufkleber fürs Auto. Das Logo spricht Gefühle an, die eine ganze Ära heraufbeschwören: Teestube, Levi's-Jeans, Parka. Und trotzdem wirkt es frisch.

Schon vor vier Jahren, als es aussah, als sei der Widerstand komplett eingeschlafen, hatte Stay die Idee zu einer neuen Initiative, die ganz anders sein sollte als früher. Zeitgemäßer. Moderner. "Unsere Analyse war: Es gibt genug interessierte Leute, aber sie bewegen sich nicht. Das ist die Internet- und Handy-Generation. Unsere Lösung hieß: Wir müssen ihnen Angebote machen. Im Internet und auf der Straße." Mit einer Handvoll Mitstreiter gründete Stay den gemeinnützigen Verein "ausgestrahlt", der mit Spenden finanziert wird und fünf festangestellte Mitglieder hat.

40 000 E-Mail-Adressen stehen in Jochen Stays Kartei, sekundenschnell aktivierbar. Er liefert Broschüren, Plakate, Aufkleber, Flugblätter - aber auch Know-how für den gewaltfreien Widerstand: Wie organisiere ich eine Demonstration? Wie eine Straßenblockade? Welcher Rechtsanwalt kann helfen? Man kann mit einem Click Komplett-Protestpakete ordern. Es gibt Vorlagen für Großplakatwände, mit Hinweisen für gute Standorte in Stadtzentren. Und Schützenhilfe für andere Protestler: etwa gegen Stuttgart-21. Umgekehrt machen Stay die anhaltenden Proteste in Stuttgart Mut, dass auch in punkto Atom noch nicht alles verloren sei. "Die Leute schreiben uns: Wir wollen das nicht akzeptieren. Wir wollen, dass Schwarz-Gelb die Laufzeitverlängerung wieder kippt", sagt Stay.

Er selbst sieht nicht nur so aus, er ist auch ein Veteran der deutschen Protestbewegung. Einer, der von sich sagt, er habe "ein Leben im Widerstand" geführt, als "Berufsdemonstrant", bis heute, Vollzeit. Jetzt hat ihn das Nachrichtenmagazin Spiegel in die Reihe der "neuen Politiker" gestellt, die sich nicht so nennen, die andere Berufe haben, aber das tun, was Aufgabe der Politiker sei: Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Lebensverhältnisse - allerdings gegen die Ministerpräsidenten, Bürgermeister und Parlamentarier, deren Beschlüsse sie infrage stellen. Jochen Stay ist so ein "neuer Politiker", wie der Schauspieler Walter Sittler bei den Protesten gegen den Stuttgarter Bahnhof oder Sebastian Frankenberger, der in Bayern ein schärferes Nichtrauchergesetz durchsetzte.

Während Sittler in Talkshows geht und Frankenberger in Bierzelten diskutiert, arbeitet Stay am liebsten immer noch in der vordersten Demonstrationsreihe, wie schon als Schüler. "Damals habe ich gegen die Apartheid in Südafrika und mit der Friedensbewegung demonstriert", sagt er. Nach dem Abitur protestierte er in Mutlangen gegen die Pershing-2-Stationierung. "Zwei Jahre habe ich dort vor dem Raketendepot gezeltet." Später war der gebürtige Mannheimer im bayerischen Wackersdorf dabei, wo es gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll ging. Er hat die grün-anarchistische Zeitschrift Graswurzelrevolution herausgegeben. Vor allem aber hat er gegen Atomkraftwerke und Atommülltransporte gekämpft. Stets basisbewegt, wie er sagt.

Jochen Stay hat auch versucht, ein bürgerliches Leben zu beginnen, aber er hat das schnell wieder gelassen. Nach zwei Semestern brach er sein Germanistikstudium ab, weil das Leben draußen spannender war. Um unabhängig zu sein, hat er jahrelang ohne Konsumgüter und von Gelegenheitsjobs gelebt. "Ich habe trotzdem viel gelernt. Ich verstehe es, Menschen zu mobilisiere. Ich kann politische Chancen erkennen. ich kann Netzwerke knüpfen." Er weiß, was geht in der Szene. Welche Begriffe ziehen, welche tabu sind. Und wie man sich den Medien verkauft. Seit acht Jahren ist er jetzt auch "Bewegungsarbeiter". Er wird, wie acht andere Aktivisten, von der "Bewegungsstiftung" im niedersächsischen Verden finanziert, die von linken Millionären gegründet wurde - mit dem Ziel, Protest zu finanzieren, um "eine sozial und ökologisch gerechtere Gesellschaft" zu schaffen. Professionalisierter Protest, der es auch wagt, Geld für Experten, Layouter, Zulieferer auszugeben. 400 000 Euro im Jahr hat "ausgestrahlt" dafür zur Verfügung. Rund 50 Paten finanzieren Jochen Stay mit monatlichen Beiträgen. Von Demo zu Demo reist er dafür nicht. "Meistens sitze ich am Schreibtisch", sagt er. Oder unterwegs am Laptop.

Seit 1992 lebt Jochen Stay dort, wo man mit seiner Biografie wohl leben muss: im Wendland, wo die Anti-Atom-Bewegung gegen das geplante Endlager ihre spezifische Mischung aus bäuerlichem und radikalem Widerstand seit nunmehr 30 Jahren probt. 1992 verliebte er sich und zog nach Gorleben. Mit seiner Frau, einer Hebamme, hat er zwei Töchter. Im Wendland wurde er zur Galionsfigur der Anti-Atom-Bewegung, er ist Sprecher der Aktion "X-tausendmal quer". Jahr für Jahr rechtfertigte er gewaltfreie Sitzblockaden auf Straßen und Schienen gegen die Castor-Transporte ins Zwischenlager Gorleben. Mehr als einmal wurde er festgenommen. Für die Polizei war er das Mastermind hinter den Protesten. Der zuständige Polizeidirektor aus Lüneburg mag sich nicht dazu äußern. Zu nah rückt wohl der nächste Einsatz - in sieben Wochen rollt der Castor wieder. Und Jochen Stay erwartet auch dabei eine Rekordbeteiligung von Demonstranten. "Die Anti-Atom-Bewegung war noch nie so stark wie heute", sagt er im norddeutschen Tonfall. "Die schwierigen Jahre sind vorbei."

Von Krümmel bis Brunsbüttel

Die schwierigen Jahre, das war die Zeit nach dem Atomkonsens der rot-grünen Regierung, der den schrittweisen Ausstieg aus der Kernkraft mit den Stromkonzernen festlegte. Es war die Zeit, als sich die Bewegung spaltete. Stay hat oft mit Jürgen Trittin und anderen Grünen über das Thema gestritten. Dem einstigen grünen Umweltminister nimmt er noch immer übel, dass er seine Partei 2001 dazu aufrief, sich nicht mehr an den Castor-Protesten zu beteiligen.

Tatsächlich herrschte nach dem rot-grünen Atomkompromiss von 2001 jahrelang Flaute bei den Protestierern. 2004 kamen gerade noch 4 000 Demonstranten ins Wendland, um die Castor-Transporte zu behindern. Doch 2008 machten sich wie aus dem Nichts plötzlich wieder 16 000 Menschen dazu auf. "In diesem Jahr werden es noch viel, viel mehr werden", glaubt Jochen Stay. Drei Protestgenerationen erwartet er bei den nächsten Transporten im November - die Veteranen aus den Siebzigern, die Unentwegten aus den Neunzigern und die ganz Jungen. Auch Stays Töchter, 14 und 19 Jahre alt, werden wieder dabei sein.

"Die Lethargie ist vorbei", sagt er. "Aber die Leute haben gelernt: Auf die Parteien kann man sich nicht verlassen." Deshalb wird auf der Berliner Demonstration kein Grünen-Politiker sprechen, wie früher. Trotzdem glaubt Stay, dass viele Grüne die Proteste mittragen werden, vor allem einfache Mitglieder. Er sagt: "Wir müssen die Kräfte bündeln." Er hat die neue bürgerliche Bereitschaft zum gewaltfreien Aufstand bereits erfolgreich zur Mobilisierung genutzt. Im April hat Stay eine Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel an der Elbe organisiert. "Wir waren erst unsicher, ob eine Menschenkette nicht zu sehr Achtziger ist." Aber dann beteiligten sich 120 000 Menschen, darunter viele, die früher nicht im Traum daran gedacht hätten, gegen Atomenergie auf die Straße zu gehen. "Es gibt jetzt auch atomkritische Mitglieder bei CDU und FDP", sagt Jochen Stay. "Der Widerstand kommt heute aus der Mitte der Gesellschaft. Das ist der entscheidende Unterschied zu früher."

 

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