Bewegungsstiftung

Robin Wood Magazin, 3/2010

Wie die Bewegungsstiftung ihr Geld anlegt und warum Rendite und ethische Geldanlage sich nicht ausschließen müssen.

Jörg Rohwedder

Als die Bewegungsstiftung 2002 ihre Arbeit aufnahm, war klar, dass wir mit unserer Förderung gesellschaftlichen Wandel anstoßen wollen, indem wir Protestbewegungen mit Geld und Beratung unterstützen. Genauso klar war uns, dass wir auch unser Stiftungskapital gemäß dieser Ziele anlegen wollen. Doch wie legt man Geld an, um damit eine gerechtere, friedlichere und ökologischere Welt zu erreichen?  Die Idee, für die Geldanlage ethische Kriterien anzulegen hat eine lange Tradition. Mit der Genossenschaftsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu ersten Bankgründungen aus sozialer Verantwortung und es waren vor allem kirchliche Einrichtungen, die mit ihren »Sündenfonds« Anlagen wählten, in denen die größten Sünden wie Alkohol, Tabak und Pornographie von der Investition ausgeschlossen waren.

Von »Sündenfonds« spricht glücklicherweise niemand mehr. Doch seit Anfang der neunziger Jahre des vergangen Jahrhunderts differenzieren sich die Geldanlagen, die ethischen Kriterien unterliegen, stark aus. Die Anzahl der Produkte nimmt erfreulicherweise deutlich zu, leider wird der Markt damit stetig unübersichtlicher und ein Prüfsiegel  wie der Blaue Engel für besonders umweltschonende Produkte und Dienstleistungen fehlt im Finanzsektor. Es gibt zwar eine Reihe von unabhängigen Instituten, die Informationen über das ethische Handeln vieler Unternehmen zur Verfügung stellen – allerdings sind diese Informationen kostenpflichtig.

Wir als Stiftung bewegen uns in diesem Umfeld als ein »institutioneller Investor«. Als Stiftung sammeln wir ein Vermögen ein – inzwischen über 4,5 Millionen Euro. Für die Anlage dieses Vermögens haben wir uns die Vorgabe gesetzt, dass unser Stiftungszweck, der Kampf für eine »bessere Welt«, mit der Anlage unterstützt werden soll, zumindest aber darf die Anlage den Zwecken der Stiftung nicht widersprechen. Dazu haben wir  Kriterien einer ethisch-nachhaltigen Geldanlage erstellt, über deren Einhaltung unser siebenköpfiger Anlageausschuss wacht.
Mit der Richtlinie haben wir sechs Grundkriterien definiert: Liquidität, Sicherheit und Rendite sind die drei aus der konventionellen Anlage bekannten Kriterien, dort oft auch als »magisches Dreieck« bezeichnet. Wir haben drei Ebenen hinzugefügt: unsere ethischen Maßstäbe, der »Hebel der Veränderung« und die Frage, inwiefern wir Einfluss auf die Unternehmen haben, bei denen wir investiert sind – im Markt allgemein als »Engagment« bezeichnet.

Die Aufnahme der drei konventionellen Kriterien zeigt, dass wir keinen »marktfreien« Ansatz gewählt haben. Wir bleiben bei der herkömmlichen Annahme, dass wir Geld gegen Zins verleihen, denn wir benötigen eine Rendite, um mit den Erlösen aus dem angelegten Stiftungskapital und zusätzlichen Spenden soziale Bewegungen unterstützen zu können. Dabei haben wir ein über mehrere Jahre gemitteltes Renditeziel von inflationsbereinigt zwei Prozent und verfolgen eine sicherheitsorientierte Anlage. 70 Prozent des Vermögens sollen in sicheren Anlage angelegt werden, maximal 30 Prozent dürfen riskanter angelegt werden. Lediglich 15 Prozent sind in börsengängigen Aktienfonds investiert. Für den Rest bedienen wir uns einiger ethisch orientierter Banken und dem »grauen Anlagemarkt«. Das sind Anlagemöglichkeiten, bei denen eine direkte Beziehung zwischen uns als Geber und den Empfängern besteht und für die es keinen geregelten Markt gibt. Zu diesem grauen Anlagemarkt gehören zum Beispiel Kredite an alternative Wohnprojekte.

Bei den ethischen Kriterien war es vergleichsweise leicht, die festzulegen, die beschreiben, was wir alles nicht wollen – die Negativkriterien: Wir schließen im Prinzip alle bekannten Themen aus, gegen die sich auch soziale Bewegungen wehren. Investitionen in Atomkraft, Agro-Gentechnik, Rüstung, Chlorchemie scheiden genauso aus, wie Geldverleih an Staaten und Unternehmen, die die Menschenrechte verletzen, sich besonders klimaschädlich verhalten und gegen internationale Rechtsnormen verstoßen. Unsere Negativkriterien beruhen dabei auf der Arbeit der kritischen Aktionäre, die entsprechende Kriterien vorgegeben haben.(http://www.kritischeaktionaere.de/264.html)

Eine viel größere Herausforderung war es, Positivkriterien zu definieren, die sich auch umsetzen lassen. In unserer Richtlinie haben wir die Kriterien wie folgt festgelegt: »Wir investieren in Unternehmen und Projekte, die  in einer zukunftsfähigen Branche tätig sind, eine soziale oder technische Innovation erproben, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen,
und die Standards im Hinblick auf Beteiligung, Rechte, Umwelt und Soziales beachten. Unter einer zukunftsfähigen Branche verstehen wir eine Branche, in der prinzipiell nachhaltig im Sinne unserer Richtlinie produziert werden kann und die auch für zukünftige Gesellschaften von Bedeutung sind, wie z.B. die ökologische Landwirtschaft, regenerative Energieerzeugung, Gesundheitstechnologie, ökologische Bauwirtschaft und sozialer Wohnungsmarkt.«

Einen besonderen »Hebel der Veränderung« erreichen wir immer dann, wenn wir mit unserer Anlage zu den wenigen gehören, die sich zu einem solchen Schritt entscheiden können, wir also da Geld verleihen, wo andere zurückschrecken. Entweder weil ihnen das Risiko zu hoch oder der Arbeitsaufwand zu groß ist. Unser Hebel erscheint uns also dann besonders groß, wenn wir mit unserer Anlage ein Unternehmen erst möglich machen. Wir ziehen auch deshalb direkte Anlagen dem Handel an einer Börse vor. Beim Börsenhandel wechseln Wertpapier und Geld den Besitzer, dem Unternehmen fließt aber kein neues Geld zu. Bei einer Direktanlage landet das Geld bei dem, der es für sein ökonomisches Vorhaben auch nutzen will.

Unser drittes Kriterium ist das »Engagement« – wir sprechen in Abgrenzung zum Markt allerdings eher von »Mitwirkung«. Der Engagement-Ansatz beschreibt, was die kritischen Aktionäre und andere Gruppen seit einigen Jahrzehnten betreiben: Ich werde mit meiner Aktie Miteigentümer an einem Unternehmen und mache von meinen Rede- und Stimmrechten Gebrauch. Während die kritischen Aktionäre Stimmrechte bei Konzernen bündeln, die mit schlechten Geschäftspraktiken Profite erzielen, nutzen wir unsere Mitwirkungsrechte bei Unternehmen, die unseren Positivkriterien entsprechen. Der Umgang miteinander ist daher solidarisch kritischer oder gar  kooperativer – beschränkt sich bisher aber auch auf die wenigen Gelegenheiten, wo wir als Miteigner überhaupt gefordert sind, wie z.B. dem vorzeitigen Verkauf einer Windkraftanlage, die durch eine geplante Vergrößerung ökonomisch (und ökologisch) sinnvoll wurde.

Wir stellen unsere Kriterien, unsere gesamte Geldanlage inklusive aller Bereiche, in die wir jemals investiert waren, auf unserer Internetseite vor. Neben einer tabellarischen Auflistung finden sich dort auch kurze Begründungen für eine Anlageentscheidung. Wir wollen vor allem die zur Nachahmung anregen, die in einer ähnlichen Situation sind, also gemeinnützige Organisationen, die sich für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Als gemeinnützige Organisationen unterliegen wir anderen steuerlichen Bedingungen als Privatpersonen oder Wirtschaftsunternehmen. Auch haben wir als Stiftung ein Interesse daran, dass uns die Zinsen jährlich zufließen, damit wir liquide Mittel haben, aus denen wir fördern können. Unsere Anlagestrategie ist also nur bedingt übertragbar.

Bei unserer Geldanlage verfolgen wir folgende Grundsätze:  Wir wählen nur Anlagen, die wir verstehen, wir suchen den direkten Weg und stehen in persönlichem Kontakt. Die meisten unserer Anlagen sind von der Finanzmarktkrise bisher nicht berührt und auch die folgende Wirtschaftskrise geht bisher ohne besondere Wirkung an unserem Vermögen vorbei. Eine Ausnahme bildet unser Anteil in Aktienfonds, der derMarktentwicklung unterworfen ist. Wenn Wohnprojekte in Schwierigkeiten geraten, denen wir Geld geliehen haben, konnten wir unbürokratisch neue Zahlungsziele vereinbaren – Verzugszinsen, Ausfallgebühren und andere Kosten berechnen wir nicht.

Eine ethisch nachhaltige Geldanlage fordert im ersten Schritt vor allem die Zeit, die eigenen Kriterien zu definieren. Ist der inhaltliche Rahmen gesteckt, so ist es zumindest in unserem Fall, wird ganz viel Zeit wieder gespart: 99 Prozent der am Markt angebotenen Produkte kommen einfach nicht in Frage, mit denen brauchen wir uns also auch nicht zu beschäftigen. Den von uns gesuchten Nischen-Produkten können wir dann unsere Aufmerksamkeit widmen. Das ist ein Weg, der sich auch für das private Sparguthaben lohnen kann.

Die Bewegungsstiftung ist eine Gemeinschaftsstiftung mit Sitz in Verden, in der bisher 110 Stifterinnen und Stifter ein Vermögen von insgesamt 4,5 Millionen Euro zusammengelegt haben.  Die Stiftung unterstützt soziale Bewegungen in ihrer Arbeit für Demokratie, Frieden, Ökologie und soziale Gerechtigkeit durch Zuschüsse und Beratung. Dabei fördert die Stiftung da, wo andere aufhören: Bei Protesten und öffentlichen Aktionen.

Jörg Rohwedder, Jahrgang 1968, ist Sparkassen-Kaufmann, Diplom-Sozialökonom und seit 2002 Geschäftsführer der Bewegungsstiftung. Zuvor war er Berater für Kriegsdienstverweigerer, Trainer für gewaltfreies Handeln und hat zwei Jahre Friedensarbeit in der Türkei geleistet. Seit dem Sommer 2009 ist er Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Nord-Süd-Brücken und im Aufsichtsrat der Greenpeace Energy eG.

 

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