Bewegungsstiftung

»Wir bringen den langen Atem mit«

taz nord vom 24.4.2010

Die Bewegungsstiftung fördert linke Projekte und Kampagnen. Geschäftsführer Jörg Rohwedder sieht die Aufmerksamkeit der Stiftung darin, die Wellentäler der Bewegungs-Konjunktur auszugleichen.

Das Interview führte Jan Kahlke.

taz: Herr Rohwedder, sind die Dynamik von Bewegungen und die statische Verfasstheit einer Stiftung nicht Gegensätze?

Jörg Rohwedder: Der Widerspruch löst sich relativ schnell auf, wenn es gelingt, die Dynamik von Bewegungen in die Stiftung zu holen. Das versuchen wir, indem wir alle Projekte, die wir gefördert haben, in einer Versammlung organisieren. Die wählt eine Person in den Stiftungsrat, unser entscheidendes Gremium. Das ist in der deutschen Stiftungslandschaft meines Wissens einmalig, dass die geförderten Projekte mitbestimmen.

taz: Wofür brauchen politische Bewegungen eine Stiftung?


Jörg Rohwedder: Die Bewegungsstiftung hilft das auszugleichen, was Bewegungen fehlt: Das ist, gerade was Geld angeht, der lange Atem. Wir können da fördern, wo es gerade unpopulär ist. Die Anti-AKW-Bewegung zu fördern, wenn sie wie jetzt überall in den Medien ist, ist einfach. Aber in der Phase, wo sie Proteste vorbereiten und selbst nicht wissen, ob die Erfolg haben – da braucht es eine Organisation, die ihr Thema konsequent begleitet; die die Dynamik von Bewegungen kennt und weiß, dass die auch
mal Täler haben. Und die bereit ist, gerade in einem Tal Geld zu geben.

taz: Ist die Bewegungsstiftung Teil eines Marsches durch die Institutionen?

Jörg Rohwedder: Ich würde das eher Professionalisierung nennen. Das heißt nicht, dass uns die Themen ausgingen oder dass die Spontaneität fehlte. Wir kriegen zum Beispiel auch mal einen Antrag über das Thema Intersexualität - da redet in der Gesellschaft kaum jemand drüber.

taz: Stifter treibt häufig das schlechte Gewissen wegen des eigenen Reichtums an. Ihre auch?

Jörg Rohwedder: Unsere Stifter haben ein großes Bewusstsein dafür, dass die Vermögensverteilung in Deutschland nicht gerecht ist. Ganz viele haben das Gefühl, zu Unrecht privilegiert zu sein. Die Leute kommen ja aus einem linken Milieu. Die kommen aber nicht mit einem schlechten Gewissen, sondern eher mit einem instrumentellen Denken. Die sagen: Nehmt das Geld in die Hand und macht was Gutes damit. Ich vertraue darauf, dass ihr das könnt.

taz: Ist das Stiften eine Ersatzhandlung für mangelndes eigenes Engagement?

Jörg Rohwedder: Ich würde sagen: ein komplementäres Handeln. Bestimmt ein Fünftel unserer Stifterinnen und Stiftern geht zum Beispiel heute zur Menschenkette gegen Atomkraft, allein elf von ihnen gehen gemeinsam als Stiftergruppe. Es gibt aber auch welche, die sagen: Ich bin jetzt in einem Alter, da ist das nicht mehr meine Handlungsoption, da stundenlang rumzustehen, und ich unterstütze das jetzt vor allem mit Geld.

taz: Sie finanzieren ja auch Bewegungsprofis wie Jochen Stay, der gerade die Menschenkette mit organisiert hat. Entsteht da eine Bewegungs-Elite?

Jörg Rohwedder: Wer 50, 60 Wochenstunden in eine Sache reinsteckt  und dabei großes Wissen ansammelt, der bildet eine Elite. Solche Leute braucht's einfach. Wir fördern die aber nicht direkt. Diese BewegungsarbeiterInnen gehen los und suchen sich Paten, die ihre Arbeit unterstützen. Wir sind nur das Instrument. 20 bis 40 Personen spenden das Geld für einen Bewegungsarbeiter
und wir leiten es weiter. Uns war  wichtig, das wir die nicht allein auswählen. Der Stiftungsrat sagt: Ja, wir finden eure
Arbeit gut, aber ihr müsst euch noch weitere Leute suchen, die das auch unterstützen wollen. Das ist also keine abgeschottete Elite, die alles besser weiß, sondern eine positive im Sinne von: Es braucht einfach Leute, die sich 'nen Kopf machen und die auch mal mehr als zehn Wochenstunden ehrenamtlich aktiv sind.

taz: Wie wird man Bewegungsarbeiter?

Jörg Rohwedder: Es sollte eine Schlüsselperson ihrer Bewegung sein, die sich mindestens 20 Wochenstunden engagiert. Und, damit das ganze gemeinnützig ablaufen kann, muss eine wirtschaftliche Bedürftigkeit vorliegen. Dann dürfen sie bis zu 1.750 Euro im Monat bekommen, wovon sie ihre Sozialversicherung selbst zahlen müssen. Die aktuellen Bewegungsarbeiter bekommen zwischen 500 und 1.200 Euro.

taz: Was finanziert die Stiftung aus ihren eigenen Erträgen?

Jörg Rohwedder: Wir machen einerseits Kampagnenförderung - zum Beispiel für den Abzug der letzten Atomwaffen aus Deutschland, die Kampagne der Frauenhäuser in NRW für ihre Weiter-Finanzierung oder die Frontex-Kampagene gegen die Abschottung der EU Außengrenzen. Die bekommen zwischen 5.000 und 8.000 Euro pro Kampagne. Und dann gibt es längerfristige Förderung, wir nennen das Basisförderung, etwa für Lobby Control, die Clean Clothes Campaign oder den Verein zur Förderung des bewegten und unbewegten Datenverkehrs, FoeBud, der die Big-Brother-Awards vergibt.

taz: Sie sitzen im beschaulichen Verden, weit ab vom Berliner Politikbetrieb - ein Nachteil?

Jörg Rohwedder: Wir sitzen da, weil die ursprünglichen Ideengeber dort leben. Attac war lange hier im Ökozentrum. Jetzt ist Campact hier; die Bewegungsakademie - das ist ein Umfeld, das zu uns passt. Und tatsächlich kommen auch Berlinerinnen und Berliner immer wieder gern her, um sich zu beraten. Unsere Arbeit findet ohnehin bundesweit statt und wir treffen uns an zentralen Orten. Da spielt der Ort, an dem wir das Büro haben nicht die ganz große Rolle.

taz: Sie sind gelernter Sparkassen-Kaufmann. Braucht man so einen Hintergrund, um die nötige Seriosität auszustrahlen?

Jörg Rohwedder: Es hilft. Wir haben viereinhalb Millionen Euro, die wir - ethisch vertretbar - anlegen müssen. Da ist es schon gut, wenn man  die Angebote überprüfen kann. Viele unserer Geldanlagen sind in einer Sparkasse auch nicht zu haben. Unsere Anlage ist übrigens transparent und kann vollständig auf der Website nachgelesen werden.

taz: Wie sind Sie durch die Finanzkrise gekommen?

Jörg Rohwedder: Wir sind daraus relativ unbeschadet hervorgegangen, weil wir sehr marktfern angelegt haben. Wir haben nur 15 Prozent Aktien. Viel von unserem Geld steckt in Wohnprojekten oder regenerativer Energie. Die Windturbinen laufen weiter, egal was der Aktienmarkt macht. Andere Stiftungen haben im Boom zwölf Prozent Rendite gemacht, wir waren immer mit vier Prozent zufrieden. Und wenn wir nach der Krise mal dreieinhalb haben, kommen wir auch klar.

 

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