Bewegungsstiftung

Publik-Forum, 5. November 2010

Anders leben: Cécile Lecomte blockiert mit spektakulären Kletteraktionen Atomtransporte, klettert auf Brücken und besetzt Bäume. Aus dem Alltag einer Vollzeitaktivistin

Von Sabine Henning

Lüneburg, September 2010. Die Straße, von der aus sieben junge Männer und Frauen rechts in den Wald abbiegen, glänzt regennass. In der Nähe führen Bahngleise bis ins Wendland. Bald werden beide Wege gesperrt sein. Bald rollt der Castortransport mit hochradioaktivem Atommüll von der Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague ins Zwischenlager nach Gorleben. Bald wird ein Teil des gemütlichen Universitätsstädtchens einer Polizeifestung gleichen.
Doch jetzt können Aktivisten im Wald noch klettern üben. Cécile Lecomte lässt ihr Klapprad aufs Laub fallen. In Allwetterjacke und Latzhose stapft sie über Äste und Blätter und schaut sich um. Zwei hohe Buchen stehen in zwanzig Metern Abstand voneinander, daneben eine schräg gewachsene Eiche. Cécile, von allen nur »Eichhörnchen« genannt, prüft, ob die Wurzeln den Baum noch halten. Dann geht es los. Die Aktivisten von Robin Wood packen ihre Gurte aus und befestigen Seile und Karabiner daran. Lebensrettung beim Abseilen steht auf dem Programm. Das Eichhörnchen wird ihnen auch zeigen, wie sie ein Seil in zehn Metern Höhe so spannen, dass sich jemand gefahrlos daranhängen kann. Die 28-jährige Französin ist ein Star der Aktivistenszene in Deutschland. Ihre atemberaubenden Kletteraktionen lenken die Aufmerksamkeit der Medien auf die Ziele der Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung. Sie hängt sich an ein Seil und baumelt kopfüber über Gleisen – so blockierte sie sieben Stunden lang einen Atomtransport. Sie klettert gemeinsam mit anderen auf Brücken und Abrissbagger, läuft Bankentürme hinauf und nennt das: »Im Einklang mit meinen Zielen leben.«
Sie handelt gern allein – das macht sie unberechenbar. Fährt sie zu einem Gerichtstermin ins benachbarte Dannenberg, passen drei Polizeibeamte auf sie auf. Der Lüneburger Polizeipräsident Friedrich Niehörster erklärte sie vor laufender Kamera zu seiner »Intimfeindin«. Dass er sie ungestraft in der Öffentlichkeit als »absolut nervig« und ihre Aktionen als »absolut krank« bezeichnen darf, ärgert sie und ihre Unterstützer. Cécile hat ihn jetzt wegen Beleidigung und Verleumdung angezeigt. Die Staatsanwaltschaft in Hannover ermittelt. Dass ein Polizeipräsident angezeigt wird, kommt nicht häufig vor in Deutschland.
Politisch aktiv war Cécile schon als Schülerin. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und Französisch für das Lehramt. 2005 kommt sie als Lehrerin nach Lüneburg und engagiert sich in ihrer Freizeit in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Als sie merkt, dass sie ihren Schülern nicht mehr gerecht werden kann, die Behörde ihr politisches Engagement nicht duldet, gibt sie ihre Stelle auf. In dieser Zeit hat sie beim Klettern zum ersten Mal Schmerzen. Zwei Jahre dauert es bis zur Diagnose: Rheuma. Hat sie einen Schub, fällt sie tagelang aus.
Rückblende: Eine Bauwagensiedlung in Lüneburg im Juni 2010. Auf dem Tisch hinter der kleinen Küche dampft Kräutertee. Cécile ist noch nicht lange wach. Auf ihrem Kapuzenpulli steht »Zahme Vögel sprechen von Freiheit, wilde Vögel fliegen«. Über dem Essplatz ist eine zweite Ebene eingezogen: ihr Büro, mit Internetanschluss und zahlreichen Aktenordnern. Hier schreibt Cécile Aufsätze und Mails, Beiträge, Plädoyers und Anträge, wenn sie sich in zahlreichen Prozessen selbst verteidigt. Um in ihr Büro zu gelangen, stellt sie sich mit einem Fuß auf die Küchenplatte und zieht sich dann über kleine Holzvorsprünge nach oben. Zurück geht es mit einem Seil – wie Tarzan. Bereits als Schülerin in Orléans klettert Cécile vier Stunden am Tag und wird französische Meisterin. Sie sagt, sie habe »Bodenangst« und fühle sich erst Meter über der Erde wirklich wohl. Ihr erstes Seil, rosa-blau gemustert, hängt noch an einem Nagel.
Cécile will unabhängig sein, auch finanziell. Geld verdient sie mit ihren Artikeln, manchmal erhält sie hundert Euro für einen Vortrag. Für den Bauwagen, in dem sie lebt, zahlt sie eine geringe Miete, Essen holt sie sich auch aus den Restecontainern der Supermärkte. Sie wäscht sich im benachbarten Studentenwohnheim. Paten der »Bewegungsstiftung« unterstützen sie. Das meiste Geld braucht sie für Bahnfahrkarten quer durch die Republik: Nach Kassel, wo sie sich gegen den Bau der A44 engagiert. Nach Stuttgart, um Bäume zu besetzen, die für den neuen Bahnhof weichen sollen. Nach Würzburg und Frankfurt am Main zu Gerichtsterminen. Ihren Freund – ein Franzose, der in Süddeutschland lebt – hält sie aus ihrem Aktivistinnen-Leben heraus. Denn Cécile steht unter Beobachtung. Das weiß sie nicht erst, seit sie Akten zur Einsicht angefordert hat. 2008 wurde sie bei dem Castortransport als Einzige »vorsorglich« in Gewahrsam genommen.
Sie hat Schatten unter den Augen, wirkt müde. Die Hoffnungen auf einen stressfreien Sommer haben sich nicht erfüllt. Vor allem die Verhandlungen mit der Stadt um einen neuen Bauwagenplatz haben sie gefordert. 50 000 Euro müssen die Bewohner für die Erschließung zusammenbringen, sonst wird der Platz geräumt. Noch haben sie die Summe nicht zusammen. Die begonnene Rheuma-Therapie hat Cécile abgebrochen. Die Nebenwirkungen waren zu stark. Sie hat jetzt einen Schwerbehindertenausweis und die Bestätigung vom Amtsarzt, dass sie unter einem Erschöpfungssyndrom leidet.
Bevor der Castortransport rollt, wird sie untertauchen. Sie will nicht wieder vorbeugend in Gewahrsam genommen werden. Aber sie will auch nicht klein beigeben. »Ich will den Staat vorführen«, sagt sie. Sollte ihr Körper einmal nicht mehr so wollen wie sie, wird sie schreiben und Vorträge halten. »Große Träume, kleine Schritte«, lautet ihr Motto. Sie will wach bleiben, um zu träumen – von dem, was in ihren Augen vernünftig ist.

 

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