Bewegungsstiftung

HAZ - Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6. November 2010

Die Bewegungsstiftung in Verden finanziert Widerstand – am Wochenende sind sie im Wendland unterwegs

Von Gunnar Menkens

Am Freitag hat Johannes Kuhn seine Sachen gepackt. Protestsachen. Erst musste der 65-jährige Unternehmer im Ruhestand noch einen lange vereinbarten Termin beim Zahnarzt wahrnehmen, gleich danach aber machte er sich auf den Weg. Ein Zelt im Gepäck, ein warmer Schlafsack, und dann ging es los Richtung Lüchow, ins nasse Wendland, zum Atommüll. Johannes Kuhn reiste aus Hamburg an, der Castor fuhr am Freitagnachmittag in Frankreich ab. Ein paar Tage noch, und man wird sich begegnen.

Der Aktivist ist gekommen, um zu bleiben. Und das kann dauern, je nach Gefechtslage, mindestens jedoch bis zur Ankunft des Atomzuges voraussichtlich am Montag oder Dienstag – je nach Erfolg des Widerstands. Kuhn will die tonnenschweren Container voller Atomabfälle so lange aufhalten wie möglich und erst nach Hause fahren, wenn der Zug das Zwischenlager in Gorleben erreicht hat. Der Hamburger sagt: bis der Zug „durch ist“. Und meint: bis Polizisten Kuhn und gleichgesinnte Blockierer von Gleisen und Straßen getragen haben. Gerechtfertigte Aktionen, findet Kuhn, zumal im Vergleich mit Plänen der mächtigen, der anderen Seite. „Ziviler Ungehorsam ist angemessen gegen unverantwortliche Politiker, die einen völlig ungeeigneten Salzstock zum Endlager machen.“

Der Ruheständler dürfte einer der ungewöhnlichsten unter den erwarteten Zehntausenden Atomgegnern im Wendland sein. Kuhn gehört zu den etwa 100 gut situierten Geldgebern, die den finanziellen Grundstock für die alternative „Bewegungsstiftung“ in Verden gelegt haben. Es sind Schenkungen, um Umwelt- und Sozialbewegungen öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Aktionen zu bezahlen. Der Protest soll professionell organisiert werden.

Seine Spenden zur Schau zu stellen ist dabei für den Hamburger nicht von Belang. Johannes Kuhn zum Beispiel ist nicht sein richtiger Name, der 65-Jährige besteht für das Gespräch auf einem Pseudonym, um nicht bei der Datenkrake Google aufzutauchen. Über seinen Stiftungsbeitrag möchte der Geschäftsmann ebenfalls nicht reden, nur, dass es „eine ordentliche Summe“ war, erzählt er knapp.

Kuhn stellt Persönliches zurück, ihm geht es um die Sache. Schon in den siebziger Jahren demonstrierte der damals junge Mann gegen Atomkraftwerke, in Brokdorf ließ er keine Kundgebung aus, in Krümmel bewegten ihn Fälle von leukämiekranken Kindern im Umfeld des Atommeilers. Später, im Unternehmen und mit einer 60-Stunden-Woche in verantwortlicher Position, ließ sein Engagement nach. Nun, im Ruhestand, wird der Hamburger wieder zum Aktivisten. Auch mit Geld. „Eigentum verpflichtet“, sagt der frühere Geschäftsmann und nimmt davon eigenen Besitz nicht aus.

Die Bewegungsstiftung legt ihr Geld enthnisch korrekt an.
Motive, die sich bei etlichen Sponsoren finden. Es ist acht Jahre her, seit neun ähnlich denkende Männer in Verden die „Bewegungsstiftung“ gründeten. Man fing klein an, eine viertel Million Euro kam zunächst zusammen, um Ursachen von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu bekämpfen, die nach Ansicht der jungen Erben und Begüterten in die falsche Richtung führen. Nur Symptome zu lindern ist ihnen zu wenig, bis heute. „Change“ statt „charity“, Wandel statt Wohltätigkeit, wurde zum geflügelten Wort im Verdener Stiftungsbüro, wo man passend im früheren Ökozentrum untergekommen ist. 5000 Euro muss mindestens aufbringen, wer Stifter werden will. Weit darüber lag jener Erbe, der den Kapitalstock der Stiftung aus einem umfangreichen Betriebsvermögen um eine Million Euro erhöhte. Auch er möchte anonym bleiben. Sein Beitrag ist der bislang nachhaltigste, verfügt die Organisation doch mittlerweile über ein Grundkapital von 4,5 Millionen Euro.

Der Anspruch, nur in ethisch korrekte Geschäftsfelder anzulegen, lässt die Einnahmen allerdings auf niedrigem Niveau stagnieren. Die Stiftung hat Kapital angelegt in Windparks, bei der Umweltbank und alternativen Wohnformen. In diesem Jahr kamen so, weitere Spenden inklusive, 250.000 Euro zusammen, um Projekte zu unterstützen.

Mehr Einnahmen wären möglich, aber natürlich kann eine Organisation nicht auf Aktien eines Konzerns setzen, dessen Geschäftspraktiken sie gleichzeitig an den Pranger stellt. „Es geht nicht um hohe Erträge“, sagt für die Stiftung Wiebke Johanning. „Wesentlich ist, dass wir in ethisch nachhaltige Projekte investieren.“ Es ist dieser Mangel an Geld, der die Zahl unterstützter Initiativen überschaubar hält. Johanning hat beschrieben, wie Moral Geld kostet.

Es können nicht alle Projekte gefördert werden
Der Stiftungsrat muss daher scharf auswählen. Von zehn Anträgen bleiben neun auf der Strecke. Normale Bürgerinitiativen haben kaum eine Chance. Klientelpolitik, die nicht das große Ganze im Auge hat und lediglich die Müllverbrennungsanlage vor der Haustür verhindern will, unterstützt der Stiftungsrat nicht. Wenn aber die Kampagne „ausgestrahlt“ hilft, die Anti-Atom-Bewegung erneut in Massen auf die Straße zu bringen, ist das der Stiftung 13.000 Euro wert. Selbst ernannte „FeldarbeiterInnen“ wurden unterstützt, die als ungebetene Gäste auf fremdem Besitz gentechnisch angebaute Pflanzen herausrupfen. Einkalkulierte Strafverfahren waren die Folge, Berichte darüber brachten weitere Öffentlichkeit. Zwar müssen unterstützte Initiativen gewaltfrei handeln, aber mit Gleisblockaden wie bald in Gorleben kann die Stiftung gut leben.

In diesem Jahr bekommt das Roma-Center in Göttingen 5600 Euro für seine Kampagne „alle bleiben!“. Geld wurde überwiesen an die Aktivisten von „Schule ohne Bundeswehr“, die Umweltorganisation „urgewald“, die sich um Opfer globaler Umweltzerstörung kümmern und von Banken die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards bei Auslandsfinanzierungen fordert. Die Organisation „LobbyControl“ versucht, den Einfluss von Unternehmen und PR-Strategen auf politische Entscheidungen aufzudecken. Eine Arbeit, die die Stiftung mit 64 000 Euro unterstützt. Eine inhaltliche Ähnlichkeit mit etablierten Organisationen wie den Globalisierungskritikern von „attac“ und Umweltschützern wie „Robin Hood“ ist beabsichtigt: In Verden fühlt man sich diesen Gruppen nicht nur verbunden, die Stiftung hilft auch mit Geld. An diesem Wochenende trifft sich der organisierte Atom-Widerstand im Wendland, da, wo auch Johannes Kuhn seinen Schlafsack ausrollt.

Auch BewegungsarbeiterInnen sind vor Ort
Womöglich stößt der Hamburger dort auf jene von der Stiftung ausgewählten Menschen, die sich „Bewegungsarbeiter“ nennen. Es sind „Vollzeitaktivisten“, deren Job darin besteht, soziale Bewegungen zu unterstützen. Ihr Beruf ist es, die Verhältnisse zu ändern. Zeit für einen gewöhnlichen Job bleibt da nicht, die Stiftung sucht deshalb Paten, die solchen hauptberuflichen Protest finanziell möglich machen. Jutta Sundermann ist eine dieser neun „Bewegungsarbeiter“. Irgendwann war die 39 Jahre alte alleinerziehende Mutter von zwei Kindern so sehr mit Vorträgen, Recherchen, Aktionen und Kampagnen beschäftigt, dass für ein bürgerliches Arbeitsleben keine Zeit mehr blieb. Auf 50 bis 60 Stunden in der Woche schätzt sie heute ihren Aufwand für ihr persönliches Widerstandsportfolio. Natürlich ist sie dieses Wochenende im Wendland, Jutta Sundermann organisiert Pressearbeit für Atomgegner. Auch dafür unterstützen sie ihre Paten. 600 Euro bringt ihr das jeden Monat, dazu kommen Einnahmen aus Vorträgen und gelegentlichen Artikeln, Reisen muss sie nicht bezahlen.

Viel Geld ist das nicht. Aber Jutta Sundermann wundert sich ein wenig über solche Einschätzungen. „Gar nicht schlecht“, meint sie selbst, denn viel sei es nicht, was sie zum Leben brauche. Die Familie lebt in einem kleinen Fachwerkhaus, „schrottig“ sagt sie, aber immerhin, es gehört ihr. Ein Prinzip der Aktivistin ist es, ein Leben zu führen, das so nachhaltig wie möglich ist. Klamotten kauft sie auf dem Flohmarkt, sie besitzt keinen Führerschein, keinen Fernseher, und Urlaubsreisen mit dem Flugzeug sind tabu. „Konsum ist mir nicht wichtig.“ Und wenn die Aktivistin sieht, wie Proteste gelingen, zum Beispiel die Fälschung der Zeitung „Die Zeit“ und die Produktion der „Financial Crimes“, dann hat sich für sie der ganze Einsatz gelohnt. Und für Johannes Kuhn auch.

 

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