Bewegungsstiftung

Sonntag Aktuell vom 31. Mai 2009

Stiftungsboom in Deutschland – Großer Unterschied zwischen Ost und West

von Wilfried Voigt

Mehr als 16.000 Stiftungen fördern in Deutschland humanitäre Projekte, unterstützen Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung. Nach Schätzungen von Experten verfügen sie über ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro. Die Spanne reicht von der Mini-Stiftung bis zur Mega-Organisation mit mehreren hundert Angestellten.

Die untergehakten Demonstranten auf den Bahngleisen im niedersächsischen Wendland singen und skandieren Antiatomparolen. Sie blockieren einen Castor Transport mit Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague auf dem Weg ins Zwischenlager Gorleben. Umzingelt von Polizeibeamten. So läuft es seit Jahren ab: Der harte Kern der Atomkraftgegner wird am Ende geräumt. Dann verschwindet die radioaktive Fracht im Hochsicherheitstrakt.

Einer der Gorleben-Aktivisten ist Gerald Neubauer. Der Politologe unterstützt seit vielen Jahren die Umwelt- und Friedensbewegung. Reiner Protest genügt ihm und vielen seiner Mitstreiter jedoch nicht mehr. Sie engagieren sich inzwischen auch finanziell für ihre Überzeugungen. Als Neubauer erbte, entschloss er sich, einen Teil des Geldes für seine politischen Ideale einzusetzen. Gemeinsam mit Freunden gründete er die Bewegungsstiftung. Neubauer: »Ich wollte etwas Sinnvolles anstellen, es nicht einfach für Konsum ausgeben.«

Gemeinsam mit anderen Initiativen und alternativen Betrieben bauten die Stifter eine ehemalige englische Kaserne im niedersächsischen Verden zu einem Ökozentrum aus. Wo einst militärischer Drill herrschte, werden heute Kampagnen für Bürgerrechte und Umweltschutz entwickelt. Zehn bis fünfzehn Prozent ihres Kapitals investiert die Bewegungsstiftung (Vermögen: rund vier Millionen Euro) in direkte Beteiligungen, etwa in Windkraftanlagen, alternative Wohnprojekte oder in die Stromtochter von Greenpeace. Anders als etwa bei der Hertiestiftung, deren Gesamterträge im letzten Jahr um angeblich rund 32 auf elf Millionen schrumpften, ist die kleine Bewegungsstiftung glimpflich davongekommen. Die rund hundert Geldgeber (Mindesteinlage: 5000 Euro) setzen auf nachhaltige Finanzanlagen. Atom- und Rüstungsfirmen sind tabu.

Immer mehr reiche Erben machen es ähnlich wie Gerald Neubauer. Neben Kunst, Kultur und Wissenschaft fördern sie ökologische und soziale Vorhaben. Trotz Finanzkrise wurden im vergangenen Jahr 1020 neue Stiftungen gegründet, 179 in Baden-Württemberg. Auffällig ist: Das Stiftungsland Deutschland bleibt zweigeteilt. In den fünf ostdeutschen Bundesländern entstanden im selben Zeitraum nur 78 gemeinnützige Einrichtungen. Immerhin 16.406 Stiftungen bürgerlichen Rechts gibt es bundesweit (Baden-Württemberg: 2452). Ihr Gesamtvermögen wird auf enorme 100 Milliarden Euro geschätzt. Laut Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen in Berlin, werden daraus jährlich Erlöse von vier bis sechs Milliarden Euro erwirtschaftet. Dazu kommen Spenden und Mittel der Europäischen Union. Fleisch: »Insgesamt bewegen die Stiftungen im Jahr etwa fünfzehn Milliarden Euro, die sie in Gemeinwohlprojekten unterbringen.«

So wie die Tübinger Künstlerin und Autorin Susanne Bächer. Aus Mitteln eines Nachlasses förderte sie nicht nur die Bewegungsstiftung. Gemeinsam mit acht weiteren Erbinnen gründete sie die Frauenstiftung Filia (Stiftungsvermögen: rund 15 Millionen Euro). Die Organisation unterstützt Frauen in einer bosnischen Stadt, die während des Balkankriegs völlig zerstört wurde. Filia versucht, den traumatisierten Frauen dabei zu helfen, die ethnischen Grenzen zu überwinden und wieder ein halbwegs friedliches Leben zu führen. Außerdem finanziert die Stiftung Mädchenschulen in indischen Slums und organisiert internationale Frauenkongresse. Der Ansatz lautet »Veränderung statt Linderung«. Die Filia-Gründerin: »Wir wollen keine Almosen verteilen, sondern Strukturen verändern, so dass die Gesellschaft im Idealfall gerechter wird.«

Susanne Bächer macht kein Hehl daraus, dass sie über mehr finanzielle Mittel verfügt, als ihre Familie benötigt: »Aber sie können mit dem Hintern nur auf einem Stuhl sitzen und sie können nur ein Paar Schuhe anziehen. Ich habe mehrere Stühle und mehrere Paar Schuhe. Da stellt sich die Frage: Was mache ich mit dem Überschuss.«

Über die Antwort freut sich Wilhelm Krull, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen: »Deutschland wird immer mehr zum Stifterland.« Und sein Generalsekretär Hans Fleisch jubelt: »Bei der Gründungsdynamik sind wir europaweit die Nummer eins.« Zu den bekanntesten Stiftungseinrichtungen der letzten Jahrzehnte gehören die Notrufnummer 112, die Stiftung Warentest und die Stiftung zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Bereits seit 1521 besteht die Fuggerei in Augsburg, die älteste Sozialsiedlung der Welt. Trotz der wachsenden Zahl kleinerer Stiftungen (Mindestkapital: 50.000 Euro) prägen noch immer die Mega-Organisationen die Szene. Ihr Einfluss reicht bis weit in Politik und Wirtschaft. In der Kritik steht etwa die von dem Medienunternehmer Reinhard Mohn gegründete Bertelsmann-Stiftung, die rund 77 Prozent des Aktienkapitals der Bertelsmann AG hält und rund 300 Mitarbeiter beschäftigt, die ausschließlich eigene Projekte betreuen.

Nach dem Motto »So wenig Staat wie möglich« will sie »die Grundsätze unternehmerischer, leistungsgerechter Gestaltung in allen Lebensbereichen« anwenden. Die Stiftung sorgte immer wieder für kontroverse Debatten. Etwa nach dem Antritt der rot-grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Forderungen lauteten damals unter anderem: Die Sozialhilfe müsse weiter eingeschränkt, die Löhne sollten gesenkt und der Kündigungsschutz reduziert werden.

Drei der reichsten Stiftungen haben ihre Heimat in Baden-Württemberg. Spitzenreiter ist die gemeinnützige Robert Bosch Stiftung GmbH (Vermögen: rund 5,2 Milliarden Euro), die sich unter anderem für Wissenschaft, Kultur, humanitäre Hilfe und Völkerverständigung engagiert. Sie hält 92 Prozent des Stammkapitals der Robert Bosch GmbH. Auf Rang zwei liegt die gemeinnützige Dietmar-Hopp-Stiftung GmbH (Vermögen rund 4,4 Milliarden Euro), die unter anderem Lehrstühle und technikinteressierte Kinder fördert. Den dritten Platz belegt die Landesstiftung Baden-Württemberg GmbH (Vermögen: etwa 2,8 Milliarden Euro). Sie kümmert sich regional um Wissenschaft und Forschung.

Anders als die klassische Stiftung bürgerlichen Rechts, die einen einmal vom Gründer festgelegten Zweck verfolgt, der nicht geändert werden darf, ist eine gemeinnützige Stiftungs-GmbH wesentlich flexibler. Sie kann prinzipiell Satzungsänderungen oder sogar die Aufhebung der Gesellschaft beschließen – und sie unterliegt nicht der staatlichen Aufsicht. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen hält diese Form »als Instrument zur dauerhaften Erfüllung eines unveränderlich vorgegebenen Zwecks« deshalb für »nicht geeignet«.

Wie wichtig Kontrolle ist, zeigte sich im letzten Jahr. Damals erschütterte ein Spendenskandal beim Kinderhilfswerk Unicef die Stiftungsszene. Die Organisation hatte in ihrem Jahresbericht verschwiegen, dass sie externen Beratern hohe Provisionen für das Spendensammeln bezahlt hatte. Der Vorstand musste zurücktreten. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), der »Spenden-Tüv«, erkannte Unicef das Spendensiegel ab. Das Kinderhilfswerk verlor vorübergehend rund 20 Prozent seiner regelmäßigen Geldgeber. Welche langfristigen Auswirkungen solche Affären haben, ist ebenso offen wie die Folgen der Finanzkrise. Experte Fleisch ist Optimist: »Stiftungen bleiben eine solide Säule, die nicht wackelt, wenn es stürmt.«

 

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