Bewegungsstiftung

Weser-Kurier vom 27. Oktober 2009

Cécile Lecomte ist Vollzeitaktivistin und Bewegungsarbeiterin Paten finanzieren ihren politischen Protest.

von Sara Sundermann

Lüneburg-Berlin. »Es steht nirgendwo geschrieben, dass man sich nur horizontal bewegen darf", sagt Cécile Lecomte. Sie besetzt Bäume, erklimmt Frankfurter Wolkenkratzer und bringt Castor-Züge zum Stehen. Die ehemalige französische Meisterin im Sportklettern setzt ihren Gleichgewichtssinn für politischen Protest ein. Die 27-jährige Kletteraktivistin trägt den Spitznamen »Eichhörnchen« und bewohnt einen Bauwagen in Lüneburg.

Rund um ihr Domizil sind Seile zwischen den hohen Bäumen gespannt, und aus dem Wagenschornstein steigt Rauch auf. Trotz des nassen Herbstwetters ist es drinnen angenehm warm. Fast alles im Bauwagen ist aus Holz, und in der Küche baumelt ein Trapez. Das Klettern im Alltag hält die 27-Jährige in Form. Selbst zu ihrem Schreibtisch im »ersten Stock« des Bauwagens gelangt Cécile Lecomte nur über ein Seil, das von der Decke hängt. Das ist eines ihrer leichtesten Kunststücke. »Es zieht mich nach oben«, sagt die Französin, die seit vier Jahren in Lüneburg lebt. Für sie sind ihre Kletteraktionen Freiheit, Vergnügen und Politik zugleich. Dabei setzt die Vollzeitaktivistin ihren ganzen Körper ein. 

Eine Frau stoppt den Atom-Transport

Mit ihrer vielleicht spektakulärsten Kletteraktion hielt sie Anfang vergangenen Jahres sechs Stunden lang einen Castor-Zug auf, der mit radioaktivem Material auf dem Weg nach Rotterdam war. Sie hatte heimlich zwischen zwei Bäumen ein Seil über die Schienen gespannt und sich davon mit einem zweiten Seil auf Höhe der Lok abgeseilt. In Gefahr sei sie nicht gewesen, sagt die Aktivistin. Sie hätte sich mit wenigen Handgriffen am Seil nach oben bewegen können, und der Zug wäre unter ihr durchgerauscht. Doch genau das wollte sie verhindern.

Die Polizei war zunächst ratlos. Der Wärmemonitor des Hubschraubers, der die Zugstrecke vorsorglich abflog, hatte nur einen Menschen geortet, nicht aber dessen Höhe. Umso überraschter waren die Beamten, als sie nicht einen Castorgegner an die Schienen gekettet, sondern im Luftraum über sich sahen - in zwölf Metern Höhe für Menschen ohne Kletterausrüstung unerreichbar. Bis Spezialeinheiten anrückten und Cécile Lecomte aus den Seilen holten, verstrichen Stunden. Sie wurde festgenommen, angeklagt - und freigesprochen. »Sich etwas tiefer über den Schienen abzuseilen, ist maximal eine Ordnungswidrigkeit. Und oberhalb von 4,80 Metern gibt es einfach kein Gesetz«, sagt Lecomte. Dennoch hat sie die Polizei seitdem vor Protesten mehrmals »vorsorglich« in Gewahrsam genommen, um ihre Störversuche zu verhindern.

Das Thema Atomkraft sei zu ihr gekommen, als sie noch Betriebswirtschaftslehre studierte und ihr Erasmus-Jahr in Bayern machte, erzählt Cécile Lecomte. Zuerst habe sie gar nicht verstanden, um was es ging, wenn vom Castor die Rede war - denn »castor« bedeutet auf Französisch Biber. Inzwischen weiß sie mehr und hat es nicht weit bis ins Wendland. Nun setzt sie sich für die Vernetzung der deutschen und französischen Atomkraftgegner ein, blockiert Felder, auf denen Genmais angebaut werden soll und besetzt Bäume mit den Umweltaktivisten von Robin Wood. »Ich bin viel unterwegs und hüpfe in sehr vielen verschiedenen politischen Bewegungen und informellen Gruppen herum«, sagt Lecomte. Es hat ihr auch Spaß gemacht, auf die riesigen Bankgebäude in Frankfurt zu klettern: »Ich wollte dem Kapitalismus auf der Nase herumtanzen«, sagt sie und lacht.

Wovon jemand lebt, der soviel Zeit mit politischem Aktivismus verbringt? Das Geld, das sie braucht, verdient sie zum Teil mit Vorträgen, Artikeln für Zeitschriften und Übersetzungen. Doch Cécile Lecomte ist auch eine von sieben Bewegungsarbeitern der Bewegungsstiftung in Verden. Die Stiftung fördert soziale Bewegungen, die sich für Ökologie, Frieden und Menschenrechte einsetzen und unterstützt zudem einzelne Aktivistinnen wie Lecomte, die sich mit Geschick und Erfahrung mehr als 20 Wochenstunden politisch engagieren. Bewegungsarbeiter erhalten finanzielle Unterstützung von verschiedenen »Paten«: Menschen, die ihre Themen und Strategien wichtig finden, überweisen ihnen monatlich Geld. Cécile Lecomte hat sechs Paten, von denen sie gemeinsam 150 Euro im Monat erhält - ein Betrag, der ihr ermöglicht, mehr Zeit in die politische Arbeit zu investieren.

Sympathisanten fördern Cécile

Auch ihr ehemaliger Pflichtverteidiger, der sie im Prozess wegen des Castor-Stopps vertrat, ist inzwischen einer ihrer Paten. Ein anderer, Bruno Haas, ist promovierter Philosoph und lebt in Berlin. Wie die meisten Stifter hat Haas mehr Geld, als er zum Leben braucht und möchte es sinnvoll anlegen. Die Kletteraktivistin hat er über die Bewegungsstiftung kennengelernt.

»Ich finde es super, was Cécile macht«, sagt Haas. »Das Geld mit dem ich sie unterstütze, ist ein Betrag, der mir nicht wehtut, wenn er auf dem Konto fehlt.« Er fördert verschiedene Projekte. An dem noch jungen Konzept der Bewegungsarbeiter schätzt er den direkten Kontakt und den besonders wirksamen Protest. Haas sieht sich nicht als Sponsor, denn er erwarte keine konkrete Gegenleistung. Er sehe genau, wohin sein Geld fließt, das sei ihm wichtig. Lecomte protestiere nicht stellvertretend für ihn, sondern man ergänze sich gegenseitig. »Ich gehe auch auf Anti-Atom-Demos, doch das Spezielle, was Cécile kann und ich nicht, ist es, sich öffentlichkeitswirksam abzuseilen. Das ist für mich ein starkes Bild: eine einzelne Person, die einen ganzen Castor-Zug stoppt.«

Cécile Lecomte wiederum schätzt es, über die Bewegungsstiftung andere Aktivisten und Stifter kennenzulernen und sich auszutauschen: »Auch wenn ich durch meine Aktionen mit vielen Leuten in Kontakt komme: Mit Menschen, die richtig Geld haben, komme ich nicht so oft ins Gespräch.« Viel im Leben braucht sie selbst nicht: Die Platzmiete für den Bauwagen kostet sie 70 Euro, und statt einzukaufen, geht sie oft zu Containern: Sie hamstert wie ein Eichhörnchen und holt sich Lebensmittel, die Marktstände und Discounter wegwerfen.

 

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