Bewegungsstiftung

Links, reich und radikal

Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2008

Geld für sozialen Wandel

Unternehmer-Kinder stecken ihr Erbe in politische Stiftungen

von Kristina Läsker

Im Jahr 1986 hatte Ulf Mann auf einmal Luxussorgen. Er war auf einen Schlag reich – und fand das wenig erfreulich. Etliche Millionen Mark hatte der West-Berliner geerbt, nachdem die Anteile einer Pharmafirma verkauft worden waren, die seine Familie einst aufgebaut hatte. Doch Ulf Mann erschreckte das fremde Geld, »das mir in den Schoß gefallen ist« und für das »viele Menschen lange geschuftet haben«. Statt es zu verprassen, gründete er lieber eine Stiftung. »Es hat bestimmt etwas mit Leichtsinn oder Anmaßung zu tun, wenn ich das Geld nicht auf dem kürzesten Weg an die Bedürftigen und Unterdrückten weiter- oder zurückgebe«, sagt Mann.

 

Umverteilen! heißt seine mit 18 Millionen Euro ausgestattete Einrichtung in Berlin Kreuzberg. Anders als viele deutsche Stiftungen kämpft sie mit linker Gesinnung für politischen und sozialen Wandel. Umverteilen! fördert Projekte, die systematisch gesellschaftliche Verhältnisse verändern und war eine der ersten politischen Stiftungen in Deutschland, die keiner Partei nahe standen.

Damit hat Mann seit den achtziger Jahren ein Umdenken in der gemeinnützigen Szene eingeleitet. Bis dahin war es üblich, mit privatem Vermögen entweder Kunst und Kultur zu fördern oder etwa Not zu lindern, bei Kinderarmut vielleicht oder Elbhochwasser – mit wenig politischer Ambition. Das Leitbild dieses klassischen Mäzenatentums war konservativ und gutbürgerlich – und auf keinen Fall revolutionär. »Die meisten deutschen Stiftungen stabilisieren ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse«, sagt Felix Kolb von der Bewegungsstiftung. Die Organisation aus Verden bringt seit sechs Jahren reiche Stifter und soziale Bewegungen zusammen.

Politische Stiftungen wollen gesellschaftliche Strukturen hinterfragen und ihre Ursachen bekämpfen. So fördern die Arbeitsgruppen der Stiftung Umverteilen! Projekte, die »radikal darauf hinarbeiten, bestehende Unterdrückungsverhältnisse« in der Dritten Welt zu ändern.

Sei es, dass sie Apartheidsgegner in Südafrika unterstützten oder später dafür sorgten, dass Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika bekannt wurden. Solche Projekte haben Nachahmer gefunden: So fördert die Bewegungsstiftung die globalisierungsfeindliche Organisation Attac ebenso wie eine kleine Gruppe namens LobbyControl, die sich gegen die Einflussnahme von Konzernen auf Politiker wehrt. Die Frauenstiftung Filia aus Hamburg vermittelt Frauen in Krisengebieten wie Georgien Rechtsberatung und psychologische Unterstützung und ermächtigt sie damit, das eigene Leben und das Land wieder aufzubauen.

Trotz aller Sprengkraft haben solche Bewegungen nur wenige Nachahmer gefunden. »Seit Mitte der achtziger Jahre sind knapp 70 politische, selbständige Stiftungen entstanden«, sagt der Politologe Kolb. Zum Vergleich: Seit der Reform des Stiftungsrechts im Jahr 2000 werden pro Jahr mehr als 800 Stiftungen gegründet. Deutschlandweit gibt es knapp 15.500 selbständige Stiftungen, die ihr Geld in Umweltschutz, Bildung und Co stecken – kaum eine agiert revolutionär.

Die Unlust zur politischen Agitation hat Gründe: Auffällig viele Stifter investieren ihr Kapital in populäre, gut verständliche oder imageträchtige Projekte. Sie bevorzugen Projekte, deren Ursache und Wirkung leicht zu begreifen sind. Ein Beispiel: Es ist gut verständlich, 100 beinamputierten Kindern in Kambodscha eine Prothese zu schenken. Es ist schwieriger zu vermitteln, dass man Geld für ein Projekt gegen Landminen braucht, damit eine unbekannte Anzahl Kinder vor Leid beschützt werden.

Da aber politische und soziale Bewegungen meist schwer messbare Ziele haben, gibt es tendenziell weniger Stifter, die sich dafür engagieren. »Alle wollen Geld für Bildung geben, aber nicht für politischen Protest«, sagt Jörg Rohwedder von der Bewegungsstiftung. Diese Erfahrung machen auch Hilfsorganisationen: »Politische Kampagnen zu unternehmen, wird öffentlich nicht so sehr geschätzt«, sagt Thomas Gebauer, Geschäftsführer von Medico International.

Das hat sich erst mit den neuen linken Erben geändert. Etwa 50 Milliarden Euro werden Jahr für Jahr in Deutschland vererbt oder verschenkt. Doch nicht alle Erben wollen das Geld der Eltern in Häuser, Aktien oder neue Geschäfte stecken. Viele tun sich sogar schwer mit dem Reichtum, insbesondere Erbinnen. »Viele Frauen können sich mit der Herkunft des Geldes nicht identifizieren«, sagt Marita Haibach, Mitgründerin von Filia. Die Frauen hätten häufig ein Problem damit, dass sie das Geld nicht selbst erarbeitet hätten und nun ausgeben dürften, so Haibach. Politische Bewegungen zu unterstützen wirke für sie wie eine Befreiung: »Über das Stiften kann ich die Welt zusammen mit anderen verändern.«

Das gilt auch für Männer: Auf klassische Wohltätigkeit, also Charity, haben viele junge Neureiche wenig Lust. Insbesondere links angehauchte Erben können sich nicht mit dem traditionellen Mäzenatentum identifizieren. Viel lieber wollen sie »stiften gehen« mit ihrem Geld und die Welt ändern. Damit sich soziale Verhältnisse verbessern oder gleich die Wurzeln für Ungerechtigkeit beseitigt werden.

Ein solche Erbin ist Barbara Krebs. Die Tochter eines konservativen Stahlunternehmers zählt sich zur linken 68er-Generation. Nur, dass sie – anders als ihre Kommilitonen – leider reich war. Viele Jahre hat es gedauert, bis Krebs Verantwortung für ihr Erbe übernahm – und es mit ihrer politischen Gesinnung in Einklang brachte. Heute steckt sie einen Teil des Vermögens in Stiftungen, die politische Protestbewegungen fördern.

Doch welche Vorteile bietet nun eine gemeinnützige Stiftung als rechtliches Vehikel für soziale Bewegungen? Stiftungen eigneten sich hervorragend für politische Arbeit, weil sie kaum angreifbar seien, sagt Heike Brandt, Vorstandsmitglied von Umverteilen!. »Man kann eine Stiftung nicht okkupieren – oder einen politischen Putsch organisieren.«

Viele Aktivisten dürfte es auch reizen, dass Stiftungen auf Ewigkeit angelegt sind. »Es ist ein faszinierender Gedanke, dass mein Geld auch in 50, 100 oder 200 Jahren noch für eine bessere Welt verwendet werden wird; in Kämpfen, von denen wir heute noch gar nichts ahnen«, sagt Gerald Neubauer, Gründer der Bewegungsstiftung und Atomkraftgegner.

Auch Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder Medico International haben die politisch motivierten Stifter als attraktive Zielgruppe entdeckt – und haben eigene Stiftungen errichtet. Ursprünglich gegründet, um Medikamente zu sammeln, setzt sich Medico seit Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika für eine verbesserte medizinische Versorgung ein. »Unter den Spendern gab es viele Reiche, die einen Teil ihres Vermögens gerne langfristig stiften wollten«, sagt Geschäftsführer Gebauer.

Diese Zustiftungen helfen – anders als zeitlich gebundene Spenden – bei der dauerhaften Sicherung und Unterstützung von politischer Arbeit, so Gebauer. Mit ihnen würden Kampagnen finanziert, die sich gegen die Ursachen der teils katastrophalen Gesundheitverhältnisse wendeten. »Der Zustand der Welt ist nicht allein über Hilfe zu ändern.«

 

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