Bewegungsstiftung

Katholische Sozialakademie Österreichs April 2008

Nach welchen ethischen Kriterien legt die Bewegungsstiftung ihr Vermögen an?  Das erklärt Geschäftsführer Jörg Rohwedder in einem Interview mit der Katholischen Sozialakademie Österreichs.

Interview mit Jörg Rohwedder

Was ist die Bewegungsstiftung? Was ist ihre Zielsetzung?

Nach unserer Auffassung gehen von sozialen Bewegungen wichtige Impulse für gesellschaftliche Entwicklung aus. Die Arbeiterbewegung erkämpfte den 8-Stundentag, die Frauenbewegung erst das Wahlrecht, dann die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter und Dank der Umweltbewegung wurde eine Wiederaufarbeitung von Atommüll in Deutschland verhindert. Die Stiftung unterstützt soziale Bewegungen in ihrer Arbeit für Demokratie, Frieden, Ökologie und soziale Gerechtigkeit durch Zuschüsse und Beratung. Dabei fördert die Stiftung da, wo andere aufhören: Bei Protesten und Kampagnen.

Die Bewegungsstiftung ist eine Gemeinschaftsstiftung. Eine wachsende Zahl von Stifterinnen und Stiftern tragen das Vermögen zusammen und wirken am Aufbau der Stiftung mit. Auch die geförderten Projekte sind an Entscheidungsprozessen in der Stiftung beteiligt und stellen eine VertreterIn im Stiftungsrat. Im März 2002 von 9 StifterInnen gegründet, haben mittlerweile 84 StifterInnen sie mit 3,8 Millionen Euro Stiftungskapital ausgestattet. Zustiftungen sind ab 5.000 Euro möglich.

Die Bewegungsstiftung legt ihr Vermögen nach ethisch-nachhaltigen Kriterien an. Ein Anlageausschuss wacht über die Einhaltung dieser Kriterien. Transparenz ist uns wichtig. Auf unserer Website findet sich neben den Bilanzen, der Gewinn- und Verlustrechnung auch unsere Vermögensaufstellung. Mit unserer Vermögensanlage fördert die Stiftung ihre Ziele genauso wie mit der Projektförderung.

Welche Projekte sozialen Wandels hat sie bisher unterstützt und was konnte damit bewirkt werden?

Die Bewegungsstiftung hat über 50 Projekte und Kampagnen gefördert, darunter z.B. die Organisation urgewald, die mit einer bundesweiten Protestkampagne verhindern konnte, dass deutsche Banken den AKW-Neubau im bulgarischen Belene finanzieren.

Die Projekte, die eine Förderung erhalten wollen, müssen ein strategisches Vorgehen nachweisen, in dem sie Ziele definieren, die mit einem Maßnahmenkatalog erreicht werden sollen. Dabei sollen die Projekte gewaltfrei, demokratisch, fair und ökologisch verträglich arbeiten. Wir legen Wert darauf, von den Erfahrungen der Projekte zu lernen und so ist jede Förderung mit einer Begleitung durch unseren Projektberater verbunden.

Als Stiftung verfügt die Bewegungsstiftung mittlerweile über ein Vermögen von 3,8 Mio Euro. Nach welchen Kriterien ist das Geld veranlagt? Wie kamen diese Kriterien zustande bzw. werden diese weiterentwickelt?

Die Stiftung hat sechs Grundkriterien: Liquidität, Sicherheit und Rendite sind die drei aus der konventionellen Anlage bekannten Kriterien. Denen haben wir einen Katalog von Positiv- und Negativkriterien hinzugefügt.
Positivkriterien sind z.B. ökologische Landwirtschaft, alternative Lebens- und Wirtschaftsweise sowie regenerative Energieerzeugung.
Die Negativkriterien umfassen Menschenrechtsverletzungen, Rüstung, Agrochemie, Atomwirtschaft und ähnliche Schrecklichkeiten.
Neben diesen Ein- und Ausschlusslisten prüfen wir, welchen gesellschaftlichen Veränderungshebel eine Anlage aus unserer Sicht erzielt und wir prüfen, welche Mitwirkungsmöglichkeiten wir bei einer Beteiligung ausüben können. Die Kriterien wurden in einem einjährigen Diskussionsprozess von einem siebenköpfigen Anlageausschuss entwickelt. Der Anlageausschuss besteht aus zwei Personen, die über Fachexpertise im Bereich der Ethischen Geldanlage verfügen, aus drei Stiftern und mir, dem Vorstand der Bewegungsstiftung. Der Stiftungsrat hat die Kriterien dann im Mai 2005 einstimmig angenommen.

Auffällig ist, dass Sie eine breite Streuung der Instrumente gewählt haben: Sparbücher, Direktbeteiligungen, Kredite an Projekte bis hin zu Aktion und Investmentfonds. Warum diese Streuung?

Die Gründe liegen vor allem in dem Bemühen, die oben genannten sechs Kriterien in eine Gleichgewicht zu bringen. So ist der Markt für Geldanlagen, die eine aus unserer Sicht große gesellschaftliche Wirkung entfalten, relativ eng. Wir glauben, dass die Wirkung dann groß ist, wenn ein innovatives Projekt einen relativ schweren Zugang zum Kapitalmarkt hat. Dann machen wir mit unserem Beitrag einen größeren Unterschied, als wenn wir uns nur an einem Fonds beteiligen.

Ein Risikoausgleich erfordert aber gleichwohl auch, dass wir uns in verschiedenen Branchen und mit verschiedenen Finanzierungsinstrumenten beteiligen. Daher sind wir, trotz der vergleichsweise geringen gesellschaftlichen Wirkung, an verschiedenen Investmentfonds beteiligt. Die Fonds sind sich - auch aufgrund unserer strengen Ausschlusskriterien - relativ ähnlich. Wir haben uns aber für verschiedene Fonds entschieden, um zum einen das Managementrisiko zu streuen und um zu zeigen, dass es eine, wenn auch begrenzte, Zahl von akzeptablen Fonds gibt.

Die sicheren, festverzinslichen Anlagen, die mindestens 40% unseres Vermögens ausmachen, bilden unsere "sichere Bank", die aufgrund des niedrigen Risikos entsprechend niedrig verzinst ist. Im Gegensatz zu den besser verzinsten Beteiligungen und den Krediten machen sie uns aber auch deutlich weniger Arbeit. Es ist also, neben Rendite, Sicherheit und Ethik auch eine Frage, wie viel Arbeit mit einer einzelnen Anlage verbunden ist. So ist schrittweise unser Mindestanlagevolumen von 10.000 auf 30.000 Euro gestiegen und steigt entsprechend dem Wachstum der Stiftung weiter an.

Könnten Sie drei konkrete Beispiele aus Ihrem Portfolio vorstellen und begründen, warum Sie sich dafür entschieden haben?

Als ein Beispiel für einen Kredit: Das Wohnprojekt "Fritze" in Frankfurt ist ein ehemals besetztes Haus, das mittels solidarischer Finanzierung und in Kooperation mit dem "Mietshäuser Syndikat" erworben wurde. Es wird als gemeinschaftlicher Wohnraum genutzt. Schon seit 1991 engagieren sich Menschen in dem Wohnprojekt und kämpfen für den Erhalt der "Fritze 18". Es dauerte allerdings 11 Jahre, bis ein Kauf des Hauses möglich wurde.

In der "Fritze" wohnen mittlerweile 15 Erwachsene und sechs Kinder unter einem Dach. Das Haus wird von den BewohnerInnen als ein Gemeinschaftshaushalt geführt, ist also nicht in verschiedene Haushalte aufgeteilt. Die unterschiedlichen Aufgaben der Haushaltsführung werden nach dem Rotationsprinzip unter den BewohnerInnen verteilt. So muss jede BewohnerIn ein Mal in der Woche Haushaltsdienst leisten und troztdem "steht jeden Abend das Essen auf dem Tisch und der Kühlschrank ist immer voll". Auch die Kinderbetreuung ist selbst bei unvorhergesehenen Terminen kein Problem, da stets jemand zu Hause ist.

Das Gesamtvolumen der Finanzierung für dieses Projekt beträgt 500.000 Euro. Die Bewegungsstiftung beteiligt sich an der Finanzierung mit einem Darlehen in Höhe von 60.000 Euro zu einem Zinssatz von 4,95%. Dieser Kredit ist einer von mehreren Kredite an Wohnprojekte aus dem Mietshäuser-Syndikat , die meisten Projekte haben eine Mischfinanzierung aus Hausbank und Privatkrediten von Freunden und Verwandten, die zwischen 0 und 3% kosten. Als Stiftung decken wir oft den fehlenden Rest ab.

Als ein Beispiel für einen Fonds: Der Green Effects setzt ausschließlich auf Investitionen in Unternehmen, die im sogeannten NAI, dem Naturaktien Index, gelistet sind. Finanztest berichtet dazu: "Der Index NAI gilt in der Branche als die konsequenteste Umsetzung der Idee, Geld nach ethisch-ökologischen Kriterien anzulegen." So befinden sich unter den zehn größten Positionen des Fonds zum Beispiel Solar World, ein Phtovoltaikunternehmen oder Mayr-Melnhof, ein Kartonagehersteller aus Österreich. Um im NAI gelistet zu werden, müssen Unternehmen bestimmte Ökologische und soziale Richtlinien erfüllen, wie z.B. umweltschonende Produktion.

Der Fonds wurde von der irischen Firma Dolmen Securities Ltd. aufgelegt. In Deutschland wird der Fonds von der securvita Finanzdienstleistungen GmbH betreut. 2006 wurde Green Effects vom Wirtschaftsmagazin "Euro" als bester Öko-Fonds ausgezeichnet.

Die Bewegungsstiftung investierte bisher 90.000 Euro in den Fonds.

Als ein Beispiel für eine Direktbeteiligung: Die Triodos Bank ist ein Kreditinstitut mit Sitz in den Niederlanden. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet die Bank mit verschiedensten ökologischen, sozialen und kulturellen Projekten zusammen. Vor allem in den Bereichen Naturkosthandel, erneuerbare Energien, nachhaltige Immobilien und kulturelle, gemeinnützige Organisationen ist die Triodos Bank tätig.

Als eigene Zielsetzung formuliert die Bank, dass sie helfen möchte, eine Gesellschaft zu schaffen, die die Lebensqualität fördert und die menschliche Würde als Grundwert schützt. Einzelne, Institutionen und Unternehmen sollen dazu ermutigt und befähigt werden, ihre Finanzen verantwortungsvoll zu nutzen. Geld soll so eingesetzt werden, dass es den Menschen zu Gute kommt und eine nachhaltige Entwicklung befördert.

Die Größe und bisherige Geschäftsentwicklung des Kreditinstituts lässt ein relativ hohes Maß an Sicherheit erwarten. Die Bewegungsstiftung besitzt Aktienzertifikate der Triodos Bank im Wert von ca. 75.000 Euro. Die kalkulierte Rendite liegt bei 4%. Wir haben uns für die Beteiligung auch entschieden, um direkt an einer alternativen Bank beteiligt zu sein.

Mussten Sie sich auch schon einmal von einer Veranlagung trennen, weil Sie nicht mehr Ihren Kriterien entsprochen hat? Betreiben Sie auch »engagement«, bei dem Sie direkt Ihre sozialen und ökologischen Vorstellungen deponieren?

 

Wir haben uns bisher nicht von einer Investition wieder trennen müssen. Wir haben aber zwei Beteiligungen »auf Beobachtung«. Und in diesen beiden Fällen, zu denen ich mich aufgrund des Standes dieser Beobachtung aktuell nicht äußern möchte, betreiben wir auch ein »engagement«. Zur Zeit suchen wir in beiden Fällen Gespräche mit der Geschäftsführung, um über unsere Kritikpunkte zu sprechen und unseren (begrenzten) Einfluss geltend zu machen.

Wir betreiben aber nicht ein »engagement« bei Unternehmen, in denen wir sonst nicht investiert sind.

Sieht man/frau sich Ihre Website an, so kann täglich nachvollzogen werden, welche Geldbeträge exakt wo veranlagt sind. Auch werden ganz konkrete Projekte näher vorgestellt. Warum ist Ihnen diese besondere Transparenz wichtig? Gibt es auch schon Kirchen und andere NGOs, die derart beispielhaft in der Transparenz sind?

Eine Stiftung erhält Geld von seinen StifterInnen als ein Instrument, damit etwas "Gutes" zu bewirken. Es ist allgemein üblich, dass ausführlich über die Förderung berichtet wird. Für uns ist es darüber hinaus selbstverständlich nachzuweisen, wem wir das uns anvertraute Instrument Geld zu welchem Zweck leihen. Nur so können unsere StifterInnen nachvollziehen, ob wir unseren Auftrag erledigen.

Wir dokumentieren aber auch so ausführlich, damit andere Organisationen, Stiftungen und Kirchen von unserem Vorbild lernen können.

Uns ist aktuell kein Beispiel bekannt, das in gleichem Umfang wie die Bewegungsstiftung auf Ihrer Website berichtet, aber unsere Vergleichsrecherche dazu ist mittlerweile auch schon wieder zwei Jahre alt.

In letzter Zeit hat man/frau immer wieder von einigen Fonds gehört, die sich ein grünes oder soziales Mäntelchen umhängen. Wobei sollten AnlegerInnen derzeit besonders achtsam sein?

Aus meiner Sicht sollte sich die Vorgehensweise auch durch die wachsende Zahl von Anbietern nicht verändern. Ein Investor sollte im ersten Schritt seine ethischen und finanzpolitischen Bedürfnisse und Kriterien festlegen und sich dann daran machen, Produkte zu suchen, die diese Kriterien erfüllen. Dabei helfen die einschlägigen Research-Institute und vor allem die kostengünstig zugänglichen Informationen von ecoreporter oder von Ökoinvest.

In den ersten Jahren ist, je nach eigenem Kenntnisstand, auch in Kauf zu nehmen, dass gelernt werden muss und so alles etwas langsamer geht. Aber genau wie inden anderen Feldern unserer Zweckerfüllung streben wir auch bei der Geldanlage Professionalität an. Daher verlassen wir uns nicht allein auf Berater und Dienstleister von außen, sondern entwickeln schrittweise eine eigene Expertise.

Wir danken für das Interview!

 

http://www.ksoe.at/geldundethik/index_interviews_jr.shtml

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00