Bewegungsstiftung

Gibt es Erben der 68er?

Goethe-Institut Mai 2008

40 Jahre danach legt sich der rituelle Furor, mit dem die über 40-Jährigen in den Feuilletons seit den 90er Jahren praktisch jede deutsche Unbill den 68ern und ihrer angeblich grenzenlosen Permissivität zuschrieben, vom schlechten Abschneiden bei Pisa bis zur Kinderlosigkeit.

von Christiane Grefe

Die Damen und Herren Rebellen gehen in Rente, die Jubiläums-Rückschau fällt historisierender und anekdotischer aus als noch beim dreißigsten Geburtstag. Und die Jungen, die Studenten von heute? Gibt es Erben der 68er, und beziehen sie sich noch auf die APO (Außerparlamentarische Opposition)?

Zunächst erscheint die Mehrheit der deutschen Studenten alles andere als revolutionär gestimmt. An allzu viel Aufbruch hindert sie schon die arbeitsmarktorientierte Bachelor-Uni; da wird vor allem fleißig gerackert.

Zersplitterte Protestszene

Eine junge, politische Protestszene aber, deutlich sichtbar beim G8-Gipfel in Heiligendamm, gibt es schon, so zerfasert und zersplittert sie auch erscheint: Da schlagen sich „Antideutsche“ mit ihrer Kritik am linken Antisemitismus auf die Seite Israels, antiimperialistische Traditionslinke mit Junge Welt-Abo tragen nach wie vor ihr Palästinensertuch als Ausweis ihrer Dissidenz. Antifa-Gruppen kämpfen gegen die Neonaziszene, die Jugendumweltbewegung rettet das Klima, Gentechnikkritiker stürmen die Felder, Globalisierungskritiker bieten Großpuppen-Bastelkurse für die nächste Demo an und zu allem marschiert spontihaft die Clownsarmee.
Mit der globalisierungskritischen Bewegung Attac gab es immerhin den Versuch, der Heterogenität unter einem gemeinsamen politischen Dach mehr Schlagkraft zu verleihen. Und dieses Netzwerk ist, obgleich nur teilweise studentisch, zumindest in einem Punkt mit 68 vergleichbar: Auch die „Attacis“ erzwangen die Auseinandersetzung mit einem in der Gesellschaft übersehenen und unverstandenen Thema; in ihrem Falle der Globalisierung. Spielt die APO für sie überhaupt noch eine Rolle? Oder ist schon die Frage danach ein Anachronismus?

Provokation als ganz normale Öffentlichkeitsarbeit

Für den Attac-Pionier Felix Kolb etwa, Anfang 30, liegt 68 schließlich tief im Dunkel der Geschichte. Als der Sozialwissenschaftler für politische Aktionen alt genug war, da waren ja, wie er sagt, »leider sogar schon die großen Anti-AKW-Demos in Brokdorf Vergangenheit«. Ganz nüchtern und unideologisch steht für ihn die 68er Rebellion nicht für den Beginn einer Verfallsgeschichte, sondern für das Aufbäumen gegen eine damals noch immer zutiefst autoritäre deutsche Spießergesellschaft und die kulturelle Freiheit, die erkämpft worden sei. »Davon profitieren wir bis heute«, sagt Kolb. Die noch Jüngeren könnten für die 68er sogar regelrecht schwärmen, sagt der Berliner Bewegungsforscher Dieter Rucht. »Sie empfinden deren Fantasie, Frechheit, Begeisterungsfähigkeit und Zuversicht als Inspirationsquelle.«

Wohl auch in neidvoller Projektion, denn aus den Provokationen von damals ist heute meist ganz normale Öffentlichkeitsarbeit geworden, und die jetzigen Rebellen verfolgen ihre Anliegen eher zielstrebig und professionell – was umgekehrt offenbar einer selbstkritischen Fraktion der längst ergrauten Rebellen imponiert. Felix Kolb etwa arbeitet mittlerweile bei der Bewegungsstiftung, einer Initiative, die versucht, die große Zahl der Erben als Finanziers kritischer politischer Kampagnen einzuspannen, von der Aktion LobbyControl über den Kampf gegen Hartz IV bis zum Widerstand gegen die Privatisierung der Bahn. Prompt sind es überproportional viele frühere oder alte Linke, die einen Teil ihres Eigentums in dieser privaten Form sozialisieren. Andere junge Aktivisten engagieren sich in den immer zahlreicher werdenden etablierten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die per definitionem außerhalb von Regierung und Parlament gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben. Sind sie damit die eigentlichen Erben der APO?

»Man kann revolutionäre Ziele durchaus mit ganz normalen demokratischen Mitteln erreichen«, meint etwa der Hamburger NGO-Aktivist Schurig. Vergleichbar mit 68 sei heute gewiss das Gefühl, dass sich dringend etwas ändern müsse, vor allem im Hinblick auf die ökologischen Krise. »Aber wir sind heute viel weiter. Die Studentenrevolte musste überhaupt erst die Bresche schlagen und zeigen, dass man Strukturen aufbrechen kann, die wie in Beton gegossen schienen. Die NGOs können Mehrheiten bewegen.« Und das mit neuen, wirkungsmächtigen Instrumenten: Im Internet kann heute jeder jedes Problem weltweit recherchieren und in Sekundenschnelle Medien oder Mitstreiter gegen Staudammbauten, Sozialabbau oder neue Gelder für die Atomforschung mobilisieren.

Der Biss lässt nach

Doch ähnlich dem einst heiß debattierten »Marsch durch die Institutionen« scheint auch der Versuch, das System mit systemkonformen Mitteln zu verändern, mitunter Anpassung zu bewirken. »Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung«, wie in revolutionären Zeiten der Sänger Franz Josef Degenhardt spottete. Gerade während der rot-grünen Regierung wuchs die Zahl der NGOs, deren Arbeit mit öffentlichen Fördergeldern unterstützt wurde und die dabei schon mal an Biss nachließen. Der Job als Gesellschaftskritiker ziert längst den Lebenslauf. So rührt sich auch gegen die heutigen Protestler erster Protest.

Auch den radikaleren Grüppchen gehen indes langfristige Perspektiven und Utopien ab, die eine breitere Bewegung neu entzünden würden. An verfachsimpelten und verschulten sozialwissenschaftlichen Fakultäten fehlen mitreißende Theorien und Theoretiker, die eine zeitgemäße »Systemkritik« formulieren. Felix Kolb klingt beinahe sehnsuchtsvoll: »Die 68er haben noch wirklich gedacht, dass ein ganz großer Umbruch möglich ist.«

 

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