Bewegungsstiftung

Landminen und Klimawandel

Stiftung&Sponsoring 3/2007

Die Erweiterung der steuerlichen Absetzbarkeit von Zuwendungen in den Vermögensstock von Stiftungen auf 1.000.000 Euro, wie sie die Gesetzesinitiative zur weiteren Stärkung bürgerschaftlichen Engagements vorsieht, wird nur einer Minderheit der Bürgerinnen und Bürger zugute kommen. Diese Steuererleichterung macht nur Sinn im Kontext einer gesellschaftlichen Entwicklung, der viele Stiftungen mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. In Deutschland ebenso wie weltweit wird die Verteilung von Vermögen, Einkommen und anderen Ressourcen als immer ungerechter kritisiert. Hierzulande verfügt mittlerweile das eine Prozent der reichsten Menschen über ca. 50 % des insgesamt vorhandenen Vermögens. Die einkommensschwache untere Hälfte der Gesellschaft hat dagegen überhaupt kein Vermögen – sie ist im schlechtesten Fall sogar verschuldet. Diese sich weiter zuspitzende Vermögensverteilung wird zu Recht als Sprengstoff für die soziale Integration unserer Gesellschaft angesehen und viele Stiftungen sehen sich in der Pflicht, auf die daraus resultierenden sozialen Probleme zu reagieren. Gleichzeitig hoffen Stiftungen auch darauf, Teile dieser wachsenden Vermögen in ihre Arbeit zu lenken. Progressive Philanthropie bezeichnet einen Weg, wie Stiftungen auf diese widersprüchliche Situation reagieren können.

von Felix Kolb, Verden, und Jörg Rohwedder, Lübeck

NEUE GEBERKULTUR

Unter dem Begriff der progressiven Philanthropie wird eine neue „Kultur des Gebens für sozialen Wandel“ verstanden, die im Umfeld einer wachsenden Zahl von Stiftungen entsteht, die einen Teil ihrer Ressourcen dafür einsetzen, um den Wandel hin zu einer gerechteren, ökologischeren und friedlicheren Welt zu unterstützen. Das wichtigste Prinzip progressiver Philanthropie, das sie vom wohltätigen Geben unterscheidet, ist das Ziel, die Ursachen von Ungerechtigkeit zu beheben, statt allein deren Symptome zu lindern. Spenden als Hilfe in der größten Not wird dabei nicht abgelehnt. Es wäre auch zynisch, den Opfern von Naturkatastrophen, Hunger und Krieg mit dem Hinweis auf die strukturellen Ursachen ihre Notlage nicht zu helfen. Aber progressive Philanthropie legt größten Wert darauf, über die erste Hilfe hinaus auch die langfristig wirkenden Ursachen zu bekämpfen. Sie denkt die aus der Entwicklungszusammenarbeit bekannte Idee einer Hilfe zur Selbsthilfe konsequent weiter. Im Hinblick auf die Empfehlung, die Hungernden das Fischen zu lehren anstatt ihnen jeden Tag Fisch zu geben, weist Dieter Rucht pointiert auf deren Grenzen hin: „Was aber, wenn den Fischern der Zugang zum See verwehrt wird, weil dieser in Privatbesitz ist? Oder wenn die Fische durch Chemikalien vergiftet sind? Oder die Fischer für einen Hungerlohn auf einem Boot arbeiten müssen, das ihnen nicht mehr gehört?“ (Bewegungsstiftung Aktuell 1/2006, S. 3). Hilfe zur Selbsthilfe ist zum Scheitern verurteilt, wenn die ökonomischen, rechtlichen oder politischen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft ungerecht sind.

BEISPIEL: LANDMINEN

Der Umgang mit dem durch Landminen verursachten Leid illustriert den Lernprozess, der vom wohltätigen Helfen zum Verändern politischer Rahmenbedingungen führt. Während der 1980er Jahre entwickelte sich die medizinische Versorgung der jährlich über 26.000 Minenopfer zu einem wichtigen Aufgabenfeld humanitärer Organisationen. Eine dieser Organisationen, die US-Stiftung Vietnam Veterans Foundation, hatte 1991 ihre erste Klinik in Kambodscha eröffnet. Die Erfahrungen vor Ort führten schnell zur Überzeugung, dass die Versorgung mit Prothesen eine Sisyphus-Arbeit bedeutet, wenn nicht zugleich die Wurzeln des Übels angegangen werden. Zusammen mit fünf weiteren Organisationen gründeten sie deshalb 1992 die Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Kampagne zu einer mächtigen internationalen sozialen Bewegung, die von über 1200 Verbänden, Initiativen und Organisationen getragen wurde. Das Aktionsrepertoire reichte von diskretem Lobbying über Aufklärungsarbeit bis hin zu eindrucksvollen Protestaktionen. Bereits 1997 konnte die Kampagne mit der Verabschiedung des Ottawa Vertrages ihren bislang größten Erfolg feiern, für den sie im selben Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, Antipersonenminen weder zu produzieren noch sie zu lagern oder zu handeln. Sie sagen Minenräumung und Opferhilfe zu. Allerdings hat eine Reihe von Staaten, darunter die USA, China und Russland, den Vertrag bisher nicht unterzeichnet.

DEN BEDÜRFTIGEN HELFEN

Es gibt viele weitere ermutigende Beispiele dafür, wie aus dem Impuls zu helfen der Wille gewachsen ist, die Ursache von Leid und Ungerechtigkeit grundsätzlich anzugehen. Trotzdem, so belegt ein Blick auf die Förderpraxis vieler Stiftungen, verschließt sich die überwiegende Mehrheit der Einsicht, dass die Förderung von Wohltätigkeit, Bildung und Forschung allein keine Erfolg versprechenden Strategie darstellt, um die zentralen Missstände zu beheben, die eine Förderung erst notwendig machen. Die Mittel von Stiftungen, die bestimmte Mängel im Bildungs- und Sozialwesen beseitigen wollen, kommen zudem oft nur zu einem Bruchteil den schwächsten Teilen der Gesellschaft zugute; häufiger werden sowieso schon privilegierte Eliten gefördert. Rob Reich kam nach einer umfassenden Studie zu US-Stiftungen zu einer drastischen Schlussfolgerung: „Philanthropy does such a poor job of channeling money to the needy that it would not be difficult for government to do better.“ (Standford Social Innovation Review 4/2005, S. 25-33). Es gibt wenig Gründe anzunehmen, dass die Situation in Deutschland grundsätzlich anders aussieht.

FÖRDERTHEMEN UND ADRESSATEN

Auch in der Wahl der Themen besteht eine Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Dringlichkeit und entsprechender philanthropischer Unterstützung. US-Stiftungen investierten nicht einmal ein Prozent ihrer gesamten Fördersumme in die Friedensarbeit, obwohl Krieg, Bürgerkrieg und Gewalt ein globales Problem darstellen (Sada Aksartova: In Search of Legitimacy: Peace Grant Making of U.S. Philanthropic Foundations, 1988-1996, in: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 2003, S. 25-46). Von den 193 Mio. US-Dollar, die zwischen 1988 und 1996 für Friedensfragen vergeben wurden, flossen nur 13,3 % an lokale Initiativen und Friedensbewegungen, die mit ihren Protesten den Ausschlag darüber geben können, ob ein Krieg begonnen wird oder nicht. Der überwiegende Anteil wurde an Elite-Universitäten und Think Tanks gezahlt. Die Friedensbewegung gegen den Irak-Krieg hat in Deutschland gezeigt, dass Politiker mit dem Gespür für Stimmungen in der Bevölkerung sich sehr wohl von Demonstrationen beeindrucken lassen. Ohne die Proteste von 500.000 Menschen im Februar 2003 in Berlin hätte die Entscheidung über eine deutsche Beteiligung womöglich anders ausgesehen.

BEISPIEL: KLIMAWANDEL

Am Klimawandel lässt sich verdeutlichen, welcher Mechanismus weiterentwickelt werden sollte. Die ersten alarmierenden Thesen zum Klimawandel waren in Wissenschaftskreisen bereits Ende der 1980er Jahre verbreitet. Das Ozonloch wurde damals entdeckt. Da diese Erkenntnisse zunächst allenfalls Kosten, aber kaum Chancen zu beinhalten schienen, schied die Wirtschaft als Protagonist für gesellschaftlichen Wandel aus. Die Wissenschaft konnte sich zu wenig Gehör verschaffen. Die Politik griff das Thema erst auf, als es Protestbewegungen gelang, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Von Stiftungen gefördert wurden diese Proteste nicht, denn obwohl rund 200 Stiftungen bundesweit zu Umweltfragen arbeiten, gibt der überwiegende Teil sein Geld für konkrete Projekte des Naturschutzes oder für Bildung aus. Ein Grund mag darin liegen, dass ein konkretes Projekt sich Stiftern und Förderern besser verkaufen lässt. Wer wagt sich schon als erster an komplizierte Sachverhalte wie Klimawandel, Globalisierung, Patent- und Urheberrechte sowie Gentechnologie?

FÜR DIE SCHWACHEN

Aber nicht jeder Wandel, der aus Stiftungsmitteln unterstützt wird, begründet auch einen Fortschritt. Progressive Philanthropie zeichnet sich dadurch aus, Partei für die Schwachen zu ergreifen und sich klar in einem „Dafür“ oder „Dagegen“ zu positionieren. Dabei sind die Positionen nicht parteipolitisch festgelegt. Im Gegenteil, Philanthropie hat die Freiheit, sich über die Grenzen von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften hinweg in sich wandelnden Bündnissen und sozialen Bewegungen zu organisieren. Dabei sind die gewählten Methoden nicht beliebig. Sie sind gekennzeichnet durch den Grundsatz, dass sich Ziel und Mittel entsprechen müssen. Gesellschaftlicher Fortschritt soll mit gewaltfreien und demokratischen Mitteln erreicht werden.

KURZ & KNAPP

Stiftungen genießen in Gesellschaft und Politik ein hohes Ansehen. Zu Recht, denn sie haben eine langfristige Perspektive, sind nicht auf Gewinnmaximierung festgelegt und mit ausreichendem Kapital ausgestattet, um ihre Zwecke nachhaltig zu erfüllen. Sie haben damit die Möglichkeit, da zu fördern, wo es besonders unbequem ist. Sie können Agenturen progressiver Philanthropie sein, einer neuen „Kultur des Gebens für sozialen Wandel“.

Felix Kolb und Jörg Rohwedder sind Mitglieder der Geschäftsführung der Bewegungsstiftung. www.bewegungsstiftung.de

 

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