Bewegungsstiftung

Beruf: Castor-Gegner

STADTREVUE kölnmagazin Juli 2007

Vor fünf Jahren wurde eine einzigartige Stiftung gegründet – die Bewegungsstiftung. Sie finanziert sozialen und ökologischen Widerstand. Ulla Lessmann hat mit einer Kölner Stifterin und einem so genannten Bewegungsarbeiter gesprochen.

von Ulla Lessmann

Nein, Vorbild will sie nicht sein. Susanne S.*, 29, promovierende Mathematikerin, ist etwas irritiert von der Frage, ob sie durch den Umgang mit ihrem ererbten Vermögen anderen wohlhabenden Menschen ein Beispiel geben will. So denkt sie nicht. Es soll nämlich auch eigentlich außerhalb eines engeren Freundeskreises niemand wissen, dass sie viel Geld hat und viel gibt.

»47 Quadratmeter im Hinterhaus für Zwei« sagt sie lachend auf die Frage nach ihren Wohnverhältnissen in Köln. Ein 400-Euro-Job und ein Lehrauftrag, davon lebt die reiche Erbin derzeit. An der Universität darf von ihrem Hintergrund »niemand wissen, denn dann hat man keine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere, weil viele Menschen denken, man müsse ja eigentlich kein Geld verdienen.« Susanne, sehr klar in Gestik und Ausdruck, weiß genau, was sie will: mit dem geerbten Unternehmensanteil, der ihr mit 25 überschrieben wurde, etwas bewegen und beeinflussen, was ihr politisch und sozial wichtig ist. Deshalb hat sie mit neun anderen und 240.000 Euro Gründungskapital, an dem die GründerInnen in unterschiedlicher Höhe beteiligt waren, im März 2002 die »Bewegungsstiftung« gegründet. Wieviel sie dazu beigetragen hat, darüber schweigt sie.

Die Bewegungsstiftung unterstützt soziale, ökologische, basisdemokratische Projekte, Kampagnen und Initiativen, die anderswo keine Finanzierung bekommen. Die Geldanlagen der Stiftung sind der Satzung gemäß ethisch und ökologisch unbedenklich. So sind Aktienfonds von Rüstungskonzernen genauso ausgeschlossen wie solche von genmanipulierenden Pharmafirmen, dafür legt man beispielsweise in Fonds an, die regenerative Energien fördern.

Für Susannes Engagement war entscheidend: »Ich will persönlich involviert sein in die Dinge, die ich finanziere und in dieser Stiftung bestimmen die Stifter über die Mittelvergabe mit.« Ab 5000 Euro sind StifterInnen stimmberechtigt, 77 Stimmberechtigte gibt es derzeit. In diesem Jahr sind 5 Millionen Euro Stiftungskapital als Ziel ausgegeben, dann wären jährlich 100.000 Euro aus der Rendite zu verteilen. Die AktivistenInnen der sozialen Bewegungen sind über die Versammlung der geförderten Projekte im Stiftungsrat vertreten.

Susanne, die »hier und da auch kleinere Beträge woanders spendet«, engagierte sich als Jugendliche im interkulturellen Jugendaustausch und antirassistischen Initiativen. Dieses Interesse ist geblieben, beispielsweise für Projekte wie die Flüchtlingskarawane »No Lager«, die sich gegen die Residenzpflicht und Essensgutscheine, gegen die Politik der Lager richtet und für die Selbstorganisation von Flüchtlingen eintritt.

In der Familie der Stifterin war »Geld kein Thema. Wir trugen Secondhand-Klamotten und hatten Möbel vom Sperrmüll, es war eine eher konsumfeindliche Atmosphäre«. Bis vor sieben Jahren hat sie bestenfalls geahnt, dass so viel Geld auf sie zukommt, die Eltern haben das Studium »im normalen Rahmen« finanziert, sie hat als studentische Hilfskraft hinzu verdient. Als es dann um Geldanlagen ging, hat ihr Bruder mit seinem Interesse an ökologischem und ethischem Investment angeregt, dass sie sich Gedanken machte: Was will ich mit dem Geld, was kann ich durchsetzen.

Das Erbe der jungen Frau, das Susanne sich mit etlichen Familienmitgliedern teilt, stammt aus einer Metall verarbeitenden Fabrik, die der Großvater in den 30er Jahren gründete. Die Mathematikerin ist aktiv in der Firmenpolitik, fühlt sich »den Arbeitnehmern verpflichtet«, ist Sprecherin der »dritten Generation« der ErbenInnen und berät den Vater: »Es gibt die ungeschriebene Regel, dass ich bei Entscheidungen kontaktiert werde«. Die Eltern waren politisch aktiv. Das Kind hat im Buggy mit ihnen in Gorleben protestiert, erinnert sich vage an Wasserwerfer, jedenfalls an die Wut des Vaters. Aber: »Ökologie und Anti-Atomkraft sind aber nicht mehr mein Thema. Aktionen sind nicht mein Ding«, sagt sie, »mein Zugang ist Aufklärung und Bildungsarbeit.«

Von Beruf Castor-Gegner – das wäre kein Leben für die Stifterin, das ist es aber für Jochen Stay. Jedenfalls hat seine jüngste Tochter neulich so die Frage nach dem Beruf des Vaters beantwortet. Der 40jährige ist einer der von der Stiftung so genannten Bewegungsarbeiter – noch etwas Besonderes in diesem Projekt, das Susanne S. mit erfunden hat. Jemand wie Jochen Stay, der sich nahezu lebenslang ökologisch und pazifistisch engagiert und keinem anderen Beruf nachgeht, braucht Geld zum Leben. Das »Bewegungsarbeiterprojekt«, das zur Zeit sechs Menschen wie Jochen Stay finanziert, funktioniert so: Stifterinnen und Stifter überweisen als Pateninnen und Paten einen monatlichen Betrag an die Stiftung, die wiederum das Geld an die »Bewegungsarbeiter« weitergibt.
Jochen Stay wird noch von Freunden unterstützt. Seit über einem Jahr arbeitet er zusätzlich ein paar Stunden wöchentlich in der Stiftung und berät die geförderten Projekte.

Er wohnt mit Frau und zwei Töchtern im Wendland – auch seine politische Heimat. Dem Protest gegen Atomkraft gilt hauptsächlich sein Widerstand, bis heute ist die Organisation zivilen Ungehorsams gegen die Castor-Transporte sein Lebensmittelpunkt. Seit elf Jahren ist er Sprecher der Anti-Atom-Kampagne »X-tausendmal quer« gegen die Atommüll-Transporte nach Gorleben, mit Robin Wood und attac hat er gearbeitet, sich aber auch für die Solidarität mit Nicaragua oder Südafrika eingesetzt und zwei Jahre vor den Toren des Pershing-Atomraketen-Depots in Mutlangen gelebt. »Mutlangen war entscheidend«, sagt er – und für ihn endete die Auseinandersetzung nicht mit einer Niederlage: »Die Räumung einer Blockade macht den Konflikt sichtbar. Die Blockade macht deutlich: Hier bin ich und ich weiß, warum.« Stay kann mit Hilfe dieses ruhigen, selbstgewissen Trotzes und jahrelangen Trainings auch gut mit Resignation umgehen.

»Ich freue mich, wenn es gelingt, Menschen zu begeistern, wenn sich jemand engagiert, sich bewegt, wenigstens den Versuch unternimmt, zu protestieren, das ist immer schön.« Diese Haltung musste sich erst entwickeln: »Mit 15 war ich überzeugt, die Welt stehe unmittelbar vor einem Atomkrieg, und ich wollte sie retten. Dieser Alarmismus ist vorbei, ich bin etwas entspannter.«

Stay konzentriert sich darauf, anderen seine Erfahrung mit Kampagnen und Aktionen zivilen Ungehorsams, wie denen in Mutlangen und bei den Castor-Transporten weiterzugeben. Er berät Aktivisten, organisiert Vernetzungen, schaut, wo er gebraucht und gefragt wird und ist immer mittendrin. Oft wird er zu Vorträgen und Seminaren eingeladen, in denen man beispielsweise lernen kann, wie man auf Wegtragen durch die Polizei reagiert. Stay lebt und arbeitet für Bewegungen und von Menschen, die wollen, dass er davon leben kann.

Susanne hat, obwohl ihre bescheidene studentische Lebensführung so wirkt, ihr Vermögen keineswegs vollständig gestiftet. »Es gibt mein Bedürfnis nach Sicherheit.« Ein einjähriger Afrikaaufenthalt nach dem Abitur war nur die erste von vielen Reisen, die sich beispielsweise eine Bafög-Empfängerin nicht leisten könnte. Die Liebe zu Afrika und Lateinamerika kostet Geld. Vor Ort allerdings wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten nicht im Luxushotel, sondern im Zelt oder im Stall.

www.bewegungsstiftung.de

 

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