Bewegungsstiftung

Geld für eine bessere Welt

DB Mobil 9/2007

Erst war es das persönliche Seelenheil, das von großzügigen Gaben profitierte, heute geht es eher um den Image-Transfer. In Deutschland gibt es 14.401 Stiftungen, die soziale Projekte, wissenschaftliche Forschungen und gesellschaftspolitische Initiativen fördern

von Karin Flothmann

Wann wackeln Fliegen mit den Ohren? Warum sterben alte Sprachen in Neapel aus? Ist Jazz in Europa ein Symbol von Freiheit? Diese Fragen haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun – aber auf den zweiten: Sie alle werden aktuell in Forschungsprojekten der Volkswagen-Stiftung gestellt und beantwortet. Im vergangenen Jahr forderte sie mit mehr als 101 Millionen Euro die Forschung. Damit war sie die Stiftung mit den höchsten Ausgaben in Deutschland. Und auch wenn ihr Name vermuten lässt, sie gehöre zum gleichnamigen Automobilkonzern, ist sie eine der größten privaten Stiftungen im Land.

Stiftungen haben in Deutschland eine lange Tradition. Die ersten ihrer Art entstanden bereits im Mittelalter. Damals wollten Wohltäter mit dem Bau von Armenschulen, Krankenanstalten oder Waisenhäusern vor allem etwas für ihr Seelenheil tun. Am bekanntesten ist wohl die Fuggerei, die 1521 von Jacob Fugger dem Reichen als Wohnsiedlung für bedürftige Augsburger Bürger gestiftet wurde. Die Jahreskaltmiete für eine Wohnung in der Fuggerei beträgt auch heute noch den nominellen Gegenwert eines Rheinischen Guldens – das sind exakt 0,88 Cent, hinzu kommen drei Gebete für den Stifter und seine Familie.

Zum Seelenheil vergangener Zeiten kam später der Gedanke des Image-Transfers nach dem Motto »Tue Gutes – und rede darüber«. Die Form einer Stiftung ist dafür ideal, denn nur die Erträge des gestifteten Kapitals werden ausgeschüttet. Im Unterschied zur Spende, die einmalig und komplett für den angestrebten Zweck ausgegeben wird, sind Stiftungen also auf dauerhaftes Wirken angelegt. Wohltäter, ob Privatpersonen oder Unternehmen, verbessern damals wie heute durch die selbstlose und großherzige – oder zumindest so erscheinende – Bereitstellung von Geld ihr gesellschaftliches Ansehen. Zudem können sie politisch, sozial oder kulturell Einfluss nehmen, da sie den Stiftungszweck selbst bestimmen. Auch die damit verbundenen Steuervorteile machen das Stiften attraktiv.

Von den 100.000 Stiftungen, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, sind durch zwei Weltkriege, NS-Diktatur und DDR-Regime nur wenige übriggeblieben. Heute existieren 14.401 Stiftungen in Deutschland, die 2006 etwa 7 Milliarden Euro ausschütteten. Ein Drittel von ihnen wurde erst in den vergangenen fünf Jahren gegründet. Dieser Boom begann schon Mitte der 90er Jahre in den Hochzeiten der New Economy. Damals richteten beispielsweise vier der fünf Gründer der Softwarefirma SAP eigene Stiftungen ein.

Eine davon, die von Dietmar Hopp, zählt inzwischen zu den größten privatrechtlichen Stiftungen Europas. Mit den Erträgen aus dem Stiftungsvermögen von 4,3 Milliarden Euro finanziert sie Altenheime und Pflegehospize, medizinische Forschung und Jugendprojekte in der Rhein-Neckar-Region. Derzeit errichtet sie zwei Fußballstützpunkte in Mannheim und Ludwigshafen. Hier sollen Jungen und Mädchen trainieren können und schulisch betreut werden. Parallel dazu engagiert sich Hopps Stiftung bei der Beschaffung moderner medizinischer Geräte. So wurden etwa Unikliniken mit neuen strahlungsarmen Röntgenapparaten ausgestattet. Doch finanziert man hier nicht, was zu den Aufgaben des Staates gehört? Dietrich Lutat, Geschäftsführer der Hopp-Stiftung, bestätigt: »In zunehmendem Maße kommen Antragsteller zu uns, die früher Geld vom Staat bekommen haben.« www.dietmar-hopp-stiftung.de

»Stiftungen sind kein Ersatz für staatliche Verantwortung«, postuliert dagegen Familienministerin Ursula von der Leyen. Sie hat daran mitgewirkt, dass das Stiftungsrecht in Deutschland in diesem Jahr noveliert wird. Der Höchstbetrag, der einem Stifter bisher zehn Jahre Steuerabzugsfähigkeit bescherte, lag bei 307.000 Euro. Künftig sollen eine Million Euro steuerabzugsfähig sein. Diese vom Bundestag bereits beschlossene Änderung muss noch den Bundesrat passieren, dann kann sie rückwirkend zum l. Januar 2007 in Kraft treten. »Das ist die bisher größte Verbesserung des Stiftungsrechts in der Geschichte unseres Landes«, meint Dr. Hans Fleisch, der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Er kennt Stifter, die regelrecht in den Startlöchern stehen, um eine Million zu stiften - sie warten nur noch auf den rechtlichen Rahmen dafür. www.stiftungen.org

Doch was motiviert Menschen, Geld zu verschenken? In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt ein Stifter: »Das Land hat mir ermöglicht, reich zu werden, dann hab ich auch die verdammte Pflicht, hier zu bleiben und mich zu engagieren.« Auch Frauen denken zunehmend so. Die Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard etwa gründete 2004 eine Stiftung, die ihren Namen trägt, um Naturwissenschaftlerinnen mit kleinen Kindern zu unterstützen. Sie finanziert den jungen Frauen die Kinderbetreuung, sodass deren akademische Karriere nicht unter einer zu langen Babypause leiden muss. www.cnv-stiftung.de

Einen ganz anderen Ansatz hat die Bewegungsstiftung. »Wir fördern da, wo andere aufhören«, erklärt Jörg Rohwedder, Geschäftsführer der Stiftung. Seit 2002 unterstützt sie Projekte und Aktionen,die sich gegen Missstände richten. Dieses Jahr wurde beispielsweise „attac“ im Rahmen des Protests gegen den G8-Gipfel gefördert. Geld erhält auch das Projekt Lobby Control, das sich um Transparenz bei der politischen Einflussnahme von Lobbyisten bemüht. »Wir denken, Protest und Aktionen setzen Impulse für gesellschaftliche Veränderungen«, sagt Rohwedder.

Vanessa Poensgen zählt zu den derzeit 82 Stiftern, die das Kapital der Bewegungsstiftung zusammengetragen haben. Die 38-Jährige erbte etwas Geld und wollte damit ein wenig bewegen: »Wählen allein finde ich manchmal einfach zu frustrierend. Es gibt so viel Ungerechtes auf der Welt. Da wollte ich gegensteuern.« Ihr Beispiel zeigt, dass man sich auch mit geringeren Beträgen an einer Stiftung beteiligen kann, aber nicht eine eigene gründen muss, um Dinge in Bewegung zu bringen. www.bewegungsstiftung.de

Veränderungen herbeiführen können aber auch die großen, etablierten Stiftungen. Und tun es auf ihre Weise. Beispiel Volkswagen-Stiftung: Sie versteht sich als Pionier der Wissenschaftsförderung. »Wir wollen heute Forschungsgebiete entdecken, die erst in fünf Jahren im Mainstream liegen«, erläutert Pressesprecher Dr. Christian Jung. Diese Strategie ging schon mehrfach auf. Mit den Erträgen des Stiftungskapitals – das bei der Privatisierung der Volkswagenwerke im Jahr 1961 aufgebracht wurde – hat die Stiftung in den 44 Jahren ihres Bestehens inzwischen mehr als 3,3 Milliarden Euro für über 28.400 Projekte ausgegeben. Darunter auch solche mit hohem Verantwortungsbewusstsein und großer Weitsicht. In den 70er-Jahren etwa unterstützte die Stiftung ein Vorhaben, aus dem die noch heute aktuelle Publikation »Die Grenzen des Wachstums« hervorging. Schon damals machte man sich Gedanken über Nachhaltigkeit, die inzwischen immer öfter politisches Handeln leitet. www.volkswagenstiftung.de

 

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00