Bewegungsstiftung

Reich und gut

Berliner Zeitung vom 21.02.2007

Sie haben viel Geld geerbt. Aber sie wollen kein besseres Leben, sondern eine bessere Welt - und kämpfen mit ihrem Vermögen gegen den Kapitalismus.

von Maxim Leo

BERLIN. Mit dem Geld kam der Stress. Auch wenn sich das kokett anhören mag. Aber er hatte ja eigentlich beschlossen, dieser kalten Welt des Kapitals so gänzlich den Rücken zuzuwenden. Jürgen Schmitt* war neunzehn, als sein Vater – ein mittelständischer Unternehmer aus Westfalen – beschloss, sein Vermögen an die Kinder zu geben. Es sollte ihnen das Leben leichter machen. Manchmal denkt Schmitt, es wäre besser gewesen, der Vater hätte es behalten. Das viele Geld.

Es ist nämlich so, dass Jürgen Schmitt ein konsequenter Mensch sein möchte. Er hatte schon früh eine ganze Menge Prinzipien, mit denen er in großer Eintracht lebte, bevor das mit dem Reichtum passiert ist. Eines von Schmitts Prinzipien ist es, sich nicht überraschen zu lassen. Als eine Bettlerin ihn an diesem Vormittag in einem Café in Berlin-Kreuzberg um einen Euro bittet, sagt er erst einmal nein. Dann gibt er ihr doch eine Münze, was ihm später wieder leid tut. Vor einiger Zeit hat Schmitt nämlich den grundsätzlichen Beschluss gefasst, Bettlern nur dann etwas zu geben, wenn sie ihn nicht bedrängen. Aber seine Grundsätze schwimmen gerade ein bisschen. Es gibt Beschlüsse, die funktionieren, wenn man ein armer Mathematikstudent ist. Als Erbe muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Nur, so weit ist Jürgen Schmitt noch nicht. Er ist gerade dabei, sich an sein neues Leben zu gewöhnen.

Schmitt hat noch viele andere Sachen beschlossen. Früher, als Beschlüsse noch eine einfache Sache waren. Zum Beispiel, dass Tiere dieselben Rechte haben sollten wie Menschen. Deshalb isst Schmitt, seit er fünfzehn ist, keine tierischen Produkte, nicht mal Honig. Weil auch die Bienen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Schmitt benutzt weder Autos noch Flugzeuge, weil die Abgase die Atmosphäre verseuchen. Er trinkt seit seinem siebzehnten Lebensjahr keinen Alkohol und hat noch nie geraucht. Er verachtet den Kapitalismus und jede Form von Machtausübung.

Ein Leben kann einfach sein, wenn man konsequent ist. Man muss sich keine Fragen mehr stellen. Alles ist klar. Schmitt sagt, es gehe darum, verantwortlich zu handeln. Wenn jeder nur seinen Spaß suche, sei es bald vorbei mit der Menschheit.

Irgendwann denkt man, dass es toll ist und auch ein bisschen traurig, dass einer mit Ende zwanzig solche Sachen sagt. Aber es wird dann auch klar, dass es für Jürgen Schmitt eigentlich keinen Sinn macht, reich zu sein. Weil die meisten Dinge, die man kaufen kann, für ihn sowieso tabu sind.

Er ist ein blasser, schmaler Junge, der in einem winzigen Zimmer einer Kreuzberger Fabriketagen-WG lebt. Es gibt ein Hochbett und einen Schreibtisch. Der einzige Luxus, den er sich leistet, ist die Veganer-Nahrung aus dem Bio-Laden. Und seit kurzem einen weißen Apple-Laptop, der ihm etwas unheimlich ist, weil Schmitt nicht genau weiß, unter welchen Bedingungen er produziert wurde. Geld steigert die Versuchung, sagt Schmitt. Er klingt wie ein tapferer Mönch, der gegen den Teufel kämpft.

In Verden, einer Kleinstadt bei Bremen, sieht man jetzt des öfteren Leute wie Jürgen Schmitt auftauchen. Kapitalismus-Kritiker, die auf einmal reich geworden sind und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Verden ist der Sitz der Bewegungsstiftung – eine Art Selbsthilfeorganisation für linke Millionäre. Alte Überzeugungen und neuer Reichtum sollen hier zueinander finden.

Die Stifter, fast alle sind Erben, geben Geld, aus dessen Erträgen Projekte und Aktionen finanziert werden. Sie wollen etwas verändern mit den Millionen aus der Wirtschaftswunderzeit, die ihnen zugefallen sind. Vielleicht wollen sie auch etwas gegen ihr schlechtes Gewissen tun. Es sind Leute wie Jürgen Schmitt. Oder wie Marguerite Keck, eine Frau aus Berlin-Lichterfelde. Sie hat es sich nicht so schwer gemacht mit ihrem neuen Reichtum. Das mag daran liegen, dass Marguerite Keck schon Mitte fünfzig war, als ihre Eltern vor zwei Jahren starben und das Erbe ausgeschüttet wurde. Das viele Geld hat ihr Leben nicht mehr so erschüttert. Es hat die Dinge eher einfacher gemacht, sagt sie.

Es geht in der Stiftung nicht um Wohltätigkeit, sondern um gesellschaftlichen Wandel. Es geht darum, auf intelligente Weise gegen Umweltzerstörung, Machtmissbrauch und Rassismus vorzugehen. Die Stiftung unterstützt zum Beispiel einen Verein, der recherchiert, wie umweltschädliche Großprojekte weltweit finanziert werden. Der Verein wendet sich dann an die Banken und droht mit gezielten Kampagnen gegen diese Finanzierungen. So konnte eine Pipeline durch den ecuadorianischen Regenwald verhindert werden.

Vor fünf Jahren wurde die Stiftung von neun Erben gegründet. Mittlerweile gibt es siebzig Stifter, die ein beachtliches Kapital verwalten und im vergangenen Jahr bereits eine sechsstellige Summe in ausgewählte Projekte stecken konnten. Immer mehr Unterstützer kommen dazu, weil gerade sehr viel Geld die Hände wechselt. Etwa fünfzig Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland vererbt oder verschenkt. Eine neue Generation von Reichen entsteht, von denen einige mehr wollen, als nur reich zu sein.

Die Erbin Marguerite Keck beschloss als erstes, ihren Job aufzugeben. 25 Jahre lang hatte sie als Berufsschullehrerin gearbeitet, das war genug. Sie wollte Zeit haben für sich, die Familie – und die Gesellschaft. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber Marguerite Keck ist eine Frau, die so etwas ernst meint. Sie sagt, sie fühle sich jetzt wieder ein bisschen so wie in ihrer Jugend. Auch damals ging es darum, die Gesellschaft zu verändern.

Keck war zwölf Jahre in einer katholischen Klosterschule in Süddeutschland, bevor sie von der Studentenbewegung in Tübingen mitgerissen wurde. Sie hat dort Anfang der 70er Jahre eine der ersten Wohngemeinschaften gegründet, saß in Frauengruppen und Demokratie-Seminaren. Diese nervöse, überspannte Zeit hat sie bis heute geprägt. Damals hat sich bei ihr so ein Grundgefühl entwickelt. Eine Ahnung davon, wofür es sich zu leben lohnt. Wenn Keck von dieser Zeit erzählt, dann glänzen ihre Augen. Man kann sie noch erahnen, die Kommunardin von damals.

In Berlin lernte sie ihren Mann kennen, begann zu arbeiten, bekam zwei Kinder. Es blieb keine Zeit mehr für die Revolution. Die Familie war wichtiger als die Gesellschaft. Manchmal fuhren sie am Wochenende ins Wendland und demonstrierten gegen die Castor-Transporte. Sie gingen gegen die Pershings und den ersten Irak-Krieg auf die Straße. Später reichte es dann nur noch für eine Bürgerinitiative in Lichterfelde gegen den zunehmenden Straßenverkehr.

Wie wenig sie am Ende für »das große Ganze»« getan hat, wurde Marguerite Keck erst klar, als sie den Job nicht mehr machen musste, als sie wieder frei war. Durch ihre Schwester erfuhr sie von der Bewegungsstiftung. Sie fuhr nach Verden und sofort war wieder alles so wie früher. Sie saßen zusammen und redeten. Es ging um Frauenrechte, um Demokratie, um Atomkraft. Es war so, als wäre nicht viel passiert in der Zwischenzeit. Marguerite Keck traf Leute, deren Leben so ähnlich verlaufen ist wie ihr eigenes. Sie hatten alle noch dieses Grundgefühl, diese Reflexe von damals. Dreißig Jahre sind vergangen – und aus aufmüpfigen Studenten sind reiche Frührentner geworden.

Aber es gibt auch eine ganze Menge junge Leute. Die Früh-Erben, die nicht warten mussten. Die Anderen, die Alten, könnten ihre Eltern sein. Sie arbeiten jetzt zusammen an ihrem großen Projekt. Jürgen Schmitt sagt, es sei wichtig, eine Gegenmacht zu entwickeln. Eine alternative Kraft, die sich dem Durchschnittsdenken entgegenstellt. Diesem Denken, das die Umwelt und die Menschen kaputtmacht. »Das geht nur mit viel Geld und deshalb macht es jetzt zum ersten Mal Spaß, reich zu sein«, sagt er.

Das mit dem Spaß hat bei ihm allerdings etwas Zeit gebraucht. Zuerst hat Schmitt versucht, die ganze Sache zu vergessen. Die Konten, die Depots, die Versicherungen, die Wohnungen, die ihm auf einmal gehörten. Er wollte der arme Mathematik-Student bleiben, hat weiter im Penny-Markt gearbeitet. Selbst enge Freunde erfuhren nichts von der Erbschaft. In seiner Wohngemeinschaft erzählte er, sein Vater sei ein kleiner Angestellter. Schmitt wollte sein altes Leben retten. Wahrscheinlich hat er geahnt, dass es sonst gefährlich werden könnte.

Schmitt hatte dann eine Freundin, die mit ihm auch mal in die Kneipe oder ins Kino gehen wollte. Er selbst hat so etwas nur selten gemacht, weil es ihm zu teuer und nicht wichtig erschien. Er wollte dann nicht so tun, als könne er sich keinen Kinobesuch leisten. Schmitt nahm zum ersten Mal von dem Geld. Es war so, als würde er etwas Verbotenes tun. Er trat sein Erbe an.

Schmitt nahm dann immer mehr. Er gewöhnte sich daran, Geld zu haben. Er genoss die Unabhängigkeit. Dafür arbeitete er unentgeltlich für eine Initiative, die sich gegen den Börsengang der Deutschen Bahn einsetzt. Er besuchte Seminare zur Kampagnenführung. Das Geld ist für ihn ein Gehalt, das er sich selbst bezahlt, solange das niemand anders tut. Seine Aktiendepots hat er etwas umgeschichtet. Konzerne wie DaimlerChrysler, die auch Rüstungsgüter produzieren, und Atomreaktor-Hersteller wie Siemens flogen raus. Dafür kaufte Schmitt Aktien von Solar- und Windkraftunternehmen. Einen Teil seines Vermögens gab er der Bewegungsstiftung. Es war so eine Art Geldwäsche, seine Form der Aneignung des vom Vater erarbeiteten Kapitals.

Jetzt macht er erst mal Urlaub. Schmitt weiß noch nicht genau, wie lange dieser Urlaub dauern wird. Es hängt davon ab, was passiert. Gerade hat er sich in Brüssel bei einer internationalen Umwelt-Organisation beworben. Er würde gern Kampagnen-Manager werden. Einer, der weiß, wie man Menschen, Ideen und Geld optimal einsetzt. Schmitt sagt, dass man heutzutage Profis braucht, um Protest zu organisieren. Der Kampf wird immer härter und die Gegenseite arbeitet ja auch nicht mit Amateuren. Das ist es vielleicht, was Schmitts Generation von der von Marguerite Keck unterscheidet: Früher brauchte man als Revolutionär keine Berufsausbildung. Ein Herz genügte.

Für Marguerite Keck bleibt der Kampf für die Gesellschaft ein Hobby. Sie sagt, dass sie sich als Erbin verantwortlich fühlt. Dieser ganze in der Nachkriegszeit erarbeitete Reichtum gehört jetzt denen, die in ihrer Jugend am liebsten jegliches Eigentum abgeschafft hätten. Es sind die Kinder, die ihren Eltern entkommen wollten und nun von ihren Millionen eingeholt werden. Gerade deshalb müsse man etwas Sinnvolles damit tun, sagt Keck. Es ist für sie die einzige Möglichkeit, mit dem Reichtum umzugehen.

*Name geändert

 

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00