Bewegungsstiftung

Tausendmal probiert

Frankfurter Rundschau vom 31.05.2006

Vor allem kleine Initiativen müssen sich mittlerweile allerhand einfallen lassen, um noch Spender für ihre gute Sache zu finden.

von Martin Hampel

Mit Protest assoziiert der Bürger gemeinhin Demonstrationszüge, Lärm, Lieder und Musik, Transparente, Aufklärung, Auflehnung. Es schwingt der Wunsch nach Veränderung, nach Verbesserungen mit, wofür es zu kämpfen gilt. Protest, das sind Che Guevara und Rudi Dutschke. Protest ist Widerstand. Protest ist nicht Sparen. Auch Darlehen gelten landläufig nicht als Demonstration.

Sie können aber dazu umfunktioniert werden.
Die Bewegungsstiftung hat mit der Aktion »Protestsparen« Geld gesammelt, um soziale und ökologische Kampagnen zu unterstützen. Bei der vermeintlich widersprüchlich betitelten Aktion ging es im Kern darum, eine Initiative gegen Kernenergie zu unterstützen – durch die Rendite von Erspartem. Man habe den Leuten eine Möglichkeit geben wollen, das Geld vom schlecht verzinsten Sparbuch zu nehmen und damit etwas Sinnvolles zu unterstützen, erklärt Felix Kolb das Projekt der Stiftung. Vier Jahre lang liegt das gesammelte Geld der Spender nun bei einer Bank, die sich auf ökologische Anlageformen spezialisiert hat. In dieser Zeit sollen 12.000 Euro an Zinsen erwirtschaftet werden, die – so die Entscheidung aller Anleger – nun dem Anti-Atomkraft-Projekt zufließen werden. Nach diesen vier Jahren erhalten die 36 Anleger, die jeweils zwischen 1000 und 25.000 Euro gegeben haben, ihre angelegte Summe wieder zurück.

Es handele sich um »ein relatives gemischtes Grüppchen«, charakterisiert Felix Kolb die Protestsparer. Sozialarbeiter seien darunter, Pastoren und Unternehmer. Für den Anlageprospekt hatten sich zunächst 90 Menschen interessiert, gut ein Drittel hat sich dann letztendlich finanziell an der Aktion beteiligt.

Das Beispiel zeigt, dass man sich heutzutage schon etwas einfallen lassen muss, wenn man Geld für gute Zwecke einsammeln oder die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Missstand lenken will. Schließlich buhlen hunderte seriöse und auch zahlreiche weniger seriöse Initiativen um die Gunst von Spendern. Die Spendendose mag noch nicht von den Einkaufsstraßen verschwunden sein, aber sie funktioniert längst nicht mehr für alle. Wenn Unicef oder Greenpeace vor Kaufhof sammeln, mag das erfolgreich sein, weil deren Bekanntheitsgrad groß ist und die Organisationen auch mit vielen kleinen Geldgebern arbeiten können – die Masse macht’s. Doch Initiativen wie die Bewegungsstiftung sind von vornherein an größeren Beträgen interessiert, und die werden nicht mal so nebenbei in Fußgängerzonen akquiriert.

Für den ersten Kontakt mit den Spendenwilligen ist ein kreativer Ansatz praktisch obligatorisch. Zwei Monate hatten Aktivisten der Bewegungsstiftung an der Idee gebastelt, mussten sich in das Thema Kreditwesen einarbeiten und sich mit der Regeln der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auseinander setzen. Kurz vor der Bundestagswahl im September 2005 begann die Aktion. Da damals eine künftige Regierungs-
koalition von Schwarz und Gelb als sicher galt, habe die Stiftung mit einem sozialen Kahlschlag gerechnet, erinnert Kolb. Das gespendete Geld sollte für die Zeit der Legislaturperiode angelegt, die dabei anfallenden Zinsen in ein soziales Projekt investiert werden. Im Optimalfall hoffte die rührige Stiftung auf
500.000 Euro, weniger als 100.000 Euro galten als Flop. Doch Schwarz-Gelb kam nicht zu Stande und die große Koalition bot nicht den erwarteten Anlass zum »Protestsparen«: Die neue Regierung stand zunächst nicht für sozialen Kahlschlag, sondern ließ Stillstand befürchten. Das war längst nicht so griffig, Kolb & Konsorten mussten ihre Gewinnerwartungen senken. Schlechtes Timing. »Wenn wir heute mit dem Protestsparen anfangen würden, dann würden wir wahrscheinlich mehr einnehmen«, glaubt Kolb.

Wer mit einer kreativen Idee den Kontakt zum »Kunden« tatsächlich herstellt, muss auf Glaubwürdigkeit und ein gutes Konzept setzen, um von den Menschen Geld für gute Zwecke einzuwerben. Schließlich komme es so gut wie nie vor, dass – wie unlängst – eine alte Dame bei der Stiftung anruft und nach der Kontonummer fragt, weil sie 50.000 Euro überweisen wollte, bedauert Kolb.

Für die Bewegungsstiftung hat das »Protestsparen« natürlich mehr gebracht als die 12.000 Euro, die der Anti-Atomkraft-Kampagne überwiesen werden. »Das Protestsparen hat die Stiftung wieder ins öffentliche Gedächtnis gebracht«, sagt Kolb. Seit der Kampagne sei die Zahl der Stifter entsprechend überproportional gestiegen.

Mit einer originellen und preisgünstigen Idee haben auch die Internet-Bewegung Campact, der Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND) und die Initiative »X-tausendmal quer« in jüngster Zeit auf sich aufmerksam gemacht.

Die Atomkraftgegner wollten kurz vor dem Energiegipfel auf den erhofften Abschied von der Atomenergie hinweisen. Für 2,50 Euro konnte man auf der Website von Campact sechs Postkarten erwerben, die dann an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Michael Glos und die Chefs der vier größten deutschen Energie-Unternehmen verschickt wurden. An die Postkarten hatten die Aktivisten Taschentücher getackert. Das Motto der Aktion: »Abschied nehmen kostet Tränen – Mehr Tempo für den Ausstieg«. Insgesamt seien damit fast 7000 Taschentücher durch Deutschland geschickt worden, berichtet Christoph Bautz von Campact.

Die Aktion hat sich selbst finanziert, die 2,50 Euro für sechs Karten seien ungefähr kostendeckend, rechnet Bautz vor. Zusätzlich wirke eine solche Kampagne nach, sie sorge für stets willkommene öffentliche Aufmerksamkeit und verankere den Namen der Initiative stärker im Bewusstsein von mehr Bürgern. Die Nachricht an potenzielle und aktive Spender: »Die tun was« – für mein Geld und mit meinem Geld.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der an der Taschentuch-Kampagne beteiligt war, untersucht zwar nicht den Einfluss von öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf seinen Spendeneingang. »Wir erhoffen uns aber natürlich schon, dass wir damit unseren Bekanntheitsgrad steigern«, so Sprecher Thorben Becker.

Die Initiativen stehen freilich vor dem Problem, dass sie immer wieder nachlegen müssen: Selbst eine noch so gute Idee hält nicht ewig vor. Als 1998 in Frankfurt am Main die »Armutsaktie« zum ersten Mal aufgelegt wurde, war die Aufmerksamkeit groß: Wieder eine scheinbar widersprüchliche und deshalb doch auch gleich interessante Aktion. In der Bankenstadt mitten im Börsentaumel war die Aktion pfiffig und garantierte die Aufmerksamkeit von Medien und Bürgern.

Der »Verein Armutsaktie« erstellte damals einen Index, in dem unter anderem die Zahl von Sozialhilfeempfängern, Wohnsitzlosen, Räumungsklagen und Offenbarungseiden in der Stadt erfasst waren. Nach der Erstauflage der »Armutsaktie« wurde deren Stand von damals 15 Mark jährlich dem Index entsprechend verändert. Wer über die Jahre am Ball blieb, hatte eine Sammlung der von mehreren Künstlern bunt gestalteten Aktienpapiere. An deren Ausgabepreis ließ sich der Stand der Armut in der Stadt ablesen. Darüber hinaus durften die Aktionäre mitbestimmen, welche Vereine und Initiativen mit dem Geld des Vereins gefördert wurden.

Ein paar Jahre ging das gut. Wenn der Verein einlud, kamen mitunter mehrere hundert Gäste in den Festsaal der Frankfurter Goethe-Universität. Irgendwann ebbte das Interesse aber ab, und der Verein verschwand fast unbemerkt von der Bildfläche. Die letzte Aktie datiert von 2002, seitdem ist das Telefon des Vereins tot.

 

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