Bewegungsstiftung

Sinn-Stiftung

Psychologie heute 11/2005

Alt, steinreich und kinderlos – so etwa stellt man sich den klassischen Stifter vor. Weit gefehlt, sagt eine große Studie der Bertelsmann-Stiftung: Spendable Menschen entsprechen nicht diesem Klischee. Sie sind häufig jünger, viel engagierter und mitunter auch weniger wohlhabend als erwartet. Statt auf übermäßigen Konsum setzen heute viele Stifter auf Selbstverwirklichung durch gesellschaftliches Engagement.

von Anja Krumpholz-Reichel

Die Erben kommen: In den nächsten zehn Jahren werden nach vorsichtigen Schätzungen rund zwei Billionen Euro die Generation wechseln. 130 Milliarden, so schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), werden allein aus Privatvermögen jährlich steuerpflichtig vererbt. Bereits heute verfügen 6,9 Millionen Bundesbürger über ein disponibles Vermögen zwischen 50.000 und 300.000 Euro, Tendenz steigend. Auch die Stiftungsgründungen, im Jahr 2004 über 800, nehmen zu. Aktuell 12.940 Stiftungen bürgerlichen Rechts vermerkt der Bundesverband Deutscher Stiftungen.

Vermögen und Stiftung gehören seit jeher zusammen. Aus steuerlichen Gründen sicherlich, aber auch deswegen, weil Eigentum verpflichtet: Wer viel hat, der gibt der Gesellschaft zurück, was ihm diese an Chancen ermöglichte. »Mein ererbtes Vermögen machte mir lange ein schlechtes Gewissen. Es war wie ein warmer Regen, der auf mich herabgegangen ist, für den ich nichts kann, den ich mir nicht erarbeitet habe«, erklärt ein 67-jähriger Kaufmann aus dem Rheinland, der als Spross eines renommierten Konzerns seinen Namen lieber nicht verraten will. Stolz berichtet er von einer wechselvollen beruflichen Laufbahn als EU-Experte in Afrika, von den 20 Jahren, in denen sein Lebensmittelpunkt Spanien war und von seinem großen Engagement bei einer humanitären Hilfsorganisation. »Trotzdem habe ich mich oft für mein Vermögen rechtfertigen müssen. Als Sohn aus reichem Hause bin ich häufig angegriffen worden. Dabei wähle ich schon immer die Grünen, fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und trage keine goldene Rolex.«

Mit politisch links orientierten und zugleich vermögenden Bürgern umzugehen, dafür war die deutsche Gesellschaft lange nicht reif. Dann gründete der Politologe Felix Kolb, Jahrgang 1973, im März 2002 die »Bewegungsstiftung«, eine Stiftung der etwas anderen Art: Gefördert werden Projekte, die soziale Bewegungen finanziell und ideell auf den Weg bringen und unterstützen. »Wandel statt Almosen« – nach diesem Motto fließen die Gelder der Stiftung in Vorhaben der Friedens- und Frauenbewegung, in Tier- und Naturschutz, in die Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten und überall dorthin, wo gewaltfrei, ökologisch verträglich, gleichberechtigt und transparent für eine gerechte Welt gestritten wird. Schon ab einem Betrag von 500 Euro kann man sich einbringen; im Moment beläuft sich das Stiftungskapital auf rund eine Million Euro. Der 67-jährige Unternehmererbe aus dem Rheinland war begeistert: »Die Bewegungsstiftung will an der Wurzel etwas verändern und nicht nur dem armen Mann an der Ecke einen warmen Mantel geben, sondern versuchen zu erreichen, dass es gar nicht erst zur Armut kommt.« Nun verknüpft er seine Spendentätigkeit mit Zuschüssen an die Stiftung und hat dadurch schließlich auch ein wenig Frieden damit gemacht, ein Kind reicher Eltern zu sein: »Heute schätzen mich die Leute. Mein Ruf ist besser als früher.«

Etwas bewegen wollen. Verantwortung anderen Menschen und der Gesellschaft gegenüber spüren. Der Wunsch, etwas zurückzugeben. Diese Motivlage ist typisch für moderne Stifter, wie die Bertelsmann-Studie ans Licht brachte, in der 629 Personen befragt wurden. »Dass die Stifter so engagiert und aktiv und dabei so bescheiden und uneitel sind, war ein überraschendes Ergebnis«, fasst Karsten Timmer, Leiter der Stifterstudie, zusammen. Vitale Stifter sind ein geschichtliches Novum. Noch vor 100 Jahren fielen Stiftungsgründungen meist mit dem Todeszeitpunkt ihres Initiators zusammen. Sie waren sein monetäres Vermächtnis für die Nachwelt. Heute, so die Studie, werden acht von zehn Stiftungen noch zu Lebzeiten von ihren Gründern aufgebaut. Diese Menschen wollen sich nicht mit letzter Kraft ein Denkmal setzen, sondern gehen tatkräftig daran, schon in relativ jungen Jahren ihre Einflussmöglichkeiten im Hier und Jetzt wahrzunehmen: 40 Prozent der Stifter sind jünger als 60 Jahre.

Manche sind so jung wie Frank Hansen, 34, der als Beruf »Privatier« angibt, eine Bezeichnung, die ihm leicht und etwas trotzig über die Lippen kommt. Auch er ist Erbe, so wie ein Viertel der Befragten aus der Stifterstudie. Seit dem Abitur kümmert sich der gebürtige Schwabe, der heute in Berlin lebt, um diverse Immobilien und vergibt Privatdarlehen, »letztendlich ganz banale Bürotätigkeiten«. Am Herzen liegt dem Computerspezialisten allerdings ein komplexer gesellschaftlicher Prozess, dem sich seine vor kurzem unter dem Dach der Bewegungsstiftung gegründete Treuhandstiftung »bridge – Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft« widmet: »Einerseits haben wir durch die digitalen Medien viele Freiheiten gewonnen. Andererseits werden mittlerweile die Bürgerrechte weit weniger berücksichtigt als die wirtschaftlichen Interessen großer Konzerne und die Wünsche des Staates nach Kontrolle«, erklärt Hansen sein Anliegen. »Es ist mir wichtig, eine Organisation gegründet zu haben, die sich explizit dafür einsetzt, dass nicht noch mehr Bürgerrechte abgebaut werden.«

Der wichtigste Antrieb zur Gründung einer Stiftung ist ein Gefühl persönlicher Verpflichtung, etwa nach einem familiären Schicksalsschlag oder einer überstandenen schweren Krankheit. Doch warum geben die einen und die anderen nicht? Entscheidend dafür ist der Einfluss von Religiosität und Sozialisation, wie die Ergebnisse der britischen Untersuchung Why rich people give zeigen. »Ich stamme aus einer großen Familie, in der auch andere stiften, aber eher zu karitativen Zwecken«, schildert Hansen sein Umfeld. »Ich wurde so erzogen, dass man sich keine Yacht kauft.« Bescheiden ist der 34-Jährige auch sonst: Er muss nicht seinen Namen im Titel der Organisation sehen. Wie 45 Prozent der Befragten aus der Stifterstudie möchte Hansen anonym bleiben: »Der Zweck ist mir wichtiger als mein Name dahinter.«

Warum geben die einen – und die anderen nicht?

Sind alle Stifter derart selbstlos? In der öffentlichen Wahrnehmung bestehen dahingehend große Zweifel: Bei einer von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführten Telefonumfrage unter über 1000 Bundesbürgern war jeder vierte der Ansicht, dass Stiftungen ein Spielzeug der Reichen seien, 17 Prozent waren der Meinung, eine Stiftung diene nur der Selbstdarstellung, und ein Drittel mutmaßte in erster Linie Steuerspargründe hinter dem Stiftungsgedanken. Zwar spielen, wie die Stifterstudie zeigt, steuerliche Vorteile durchaus eine Rolle bei der Gründung. Doch bei den meisten Initiatoren steht die Sinn-Stiftung im Vordergrund. Für 75 Prozent der Befragten war die Schaffung einer erfüllenden, sinnvollen Aufgabe entscheidend: Das monetäre, zeitliche und emotionale Engagement, das viele der heutigen Geber einbringen, lässt die Stiftung oft zu ihrem Lebensmittelpunkt werden.

Gerade Unternehmer stürzen sich nach der Pensionierung begeistert in ein neues Lebensthema: »Diese Stiftung ist ein großer Teil Selbstverwirklichung«, erzählt ein 66-jähriger Unternehmer, der nun seine Affinität für Flora und Fauna zum Thema einer Stiftung gemacht hat. Er schätzt das schöne Gefühl, gebraucht zu werden, die Kontakte mit Menschen aus anderen Kulturen und Schichten, aber auch die hohe gesellschaftliche Anerkennung des Gebenden. Viele Stifter bekennen sich frei dazu, dass die selbstlose Förderung des Gemeinwohls persönliche Vorteile nicht ausschließt: »Ich möchte mir Gutes, aber dadurch anderen nichts Schlechtes tun«, beschreibt Frank Hansen die gesunde Mischung aus Egoismus und Altruismus. 70 Prozent der Befragten aus der Stifterstudie gaben außerdem an, dass das Engagement für das Gemeinwohl für sie persönlich befriedigender ist als Konsum. Nicht überraschend: Sind die persönlichen Wünsche an die materielle Welt umfassend befriedigt und hat der Lebensstandard eine gewisse Sättigung erreicht, dann wird der Kopf wieder frei für ideelle Werte.

Doch vom naiv-blauäugigen Gutmenschen, der sich von jedem mitleidigen Blick zum Griff ins Portemonnaie verführen lässt, ist der moderne Stifter meilenweit entfernt. Akribisch und auch etwas misstrauisch überwacht er Geldflüsse und Zuwendungen: »Wir betreiben unser Geschäft wie Profis – dieses Gutmenschentum ist oft nicht effizient und etwas, was wir nicht ertragen würden«, betont ein Architektenpaar. Moderne Geber wollen über die Verwendung der Mittel die Kontrolle behalten.»Stifter wollen sich für die Gesellschaft einsetzen, aber sie wollen selbst entscheiden, wo ihr Engagement gebraucht wird und wie sie helfen wollen«, so ein zentrales Ergebnis der Studie. Stifter geben gerne, aber nur bei großer Transparenz.

Ein Großteil moderner Stifter ist nicht so vermögend, wie gemeinhin angenommen. Gut ein Fünftel der Befragten verfügt über ein Privatvermögen von weniger als 250.000 Euro; die Stiftungsgründung als Privileg nur der reichsten Bevölkerungsschichten gehört damit der Vergangenheit an. Immer mehr Bürger geben kleinere Beträge in so genannte Bürgerstiftungen: Der Vermögensteil, den man nach reiflichem Überlegen, stabilen Rücklagen und herausgerechneten Erbansprüchen der Kinder mit ruhigem Gewissen abstoßen kann, fließt zurück in die Gesellschaft, so der Grundgedanke. Letztlich ist es diese konsumbewusste und abwägend-reflektierende Haltung, die allen Stiftern gemein ist und nicht Bildungsstand, Beruf, Herkunft, Vermögenshöhe, Geschlecht, Alter oder Kinderlosigkeit: »Der Stifter ist eben kein, wie so oft angenommen, kauziger Einzelgänger, der mit seinem Geld irgendeine abseitige Vision verwirklichen will, sondern ein Mensch mit hohem Verantwortungsbewusstsein und Realitätssinn«, fasst Timmer zusammen. »Er genießt durchaus seinen Wohlstand, solange ein von ihm selbst als vernünftig erachtetes Maß nicht überschritten wird.« »Ich wollte etwas Sinnvolles, Eigenes und Bleibendes schaffen«, bekennt ein 66-jähriger Rechtsanwalt. Nachhaltige Sinn-Stiftung im Hier und Jetzt – und ein kleines bisschen Unsterblichkeit.

 

Erben bringt Ärger

In Deutschland werden derzeit viele Menschen ganz plötzlich reich. Und bekommen deshalb Probleme. Dagegen lässt sich etwas tun. Hier ein paar Anregungen.

von Andreas Molitor

„Schreiben Sie um Gottes willen nicht, wo ich wohne!“ Frank Hansen hat schlechte Erfahrungen gemacht. Als ein großes Magazin vor einiger Zeit verriet, über welchem Restaurant er im sechsten Stock eines Gründerzeithauses im Berliner Stadtteil Mitte manchmal im Strandkorb auf der Dachterrasse sitzt, einfach so, und das Nichtstun als reicher Erbe genießt, bekam er stapelweise Post. Briefe von Leuten, die sein Geld wollten. Ein Musiker bat um etwas Kleingeld für ein paar Sessions im Aufnahmestudio, dubiose Abenteurer wollten mit Hansens finanzieller Unterstützung versunkene Schatzschiffe vor China bergen und Drogenhändlern eine Ladung Diamanten abjagen. Auch eine Düsseldorfer Detektei meldete sich. „Am Tag, nachdem der Artikel erschienen war, riefen die bei mir an und boten mir ihren Schutz an“, erzählt Hansen. „Die ahnten bestimmt, was hier los war."

Mit 17 wurde der heute 35-Jährige Multimillionär. Der Vater, ein schwäbischer Unternehmer, war an einem Gehirnschlag gestorben. Nach und nach wurde Hansen klar: Ich bin jetzt so reich, dass ich niemals im Leben mehr arbeiten muss, um Geld zu verdienen. „Da fiel erst mal eine große Last von mir ab. Davon träumen doch letzten Endes fast alle. Die Gewissheit, versorgt zu sein. Dass einem nichts passieren kann. Das tut gut.“

Der Jungmillionär Hansen machte Abitur und begann ein Physikstudium – das er gleich im ersten Semester abbrach. Eine Zeit lang versuchte er sich als Töpferlehrling, dann arbeitete er drei Jahre ehrenamtlich bei einem freien Radiosender und kümmerte sich um die Verwaltung seines wachsenden Vermögens.

Schon in der Jugend war Frank Hansen Anhänger der Grünen und hatte sich an seinem Vater, einem Patriarchen alten Schlages, abgearbeitet. Später unterstützte er Umweltorganisationen, auch finanziell, aber immer nur mit kleinen Beträgen – und behielt sein Vermögen. Erst mal. Bis er vor drei Jahren las, dass sich im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung von Attac eine Stiftung formiert hatte, die „mit Geld die Welt verändern“ will. Hansen, den stört, dass sich alles dem Primat der Ökonomie unterordnen muss, sah eine Chance, mit Gleichgesinnten die Macht seiner Millionen für den politischen Wandel zu nutzen.

Fortan ließ Hansen, der im Bioladen einkauft und Ökostrom bezieht, einen Teil seines Erbes für Reformen arbeiten. In die Bewegungsstiftung und seine eigene Treuhandstiftung unter deren Dach hat er bisher 350 000 Euro eingebracht. Die Bewegungsstiftung unterstützt beispielsweise die Kampagne gegen eine umstrittene Öl-Pipeline durch Ecuador. Stiftungsgeld bekommt auch die Bürgerbewegung gegen das geplante Bombenabwurfgelände in der Wittstocker Heide bei Berlin oder die Sozialinitiative „Vorsicht! Arbeitslosengeld II“. Hansen zählt zu den größten Geldgebern der Stiftung. „Und das wird weitergehen“, verspricht er, „je nachdem, wie viel ich entbehren kann. Ich will nach wie vor von meinem Vermögen leben.“ Auf der Homepage der Stiftung steht unter seinem Foto: Frank Hansen, Privatier.

Bislang hat die Bewegungsstiftung 49 Geldgeber gefunden, fast durchweg wohlhabende Erben, die sich mit 5000 Euro oder mehr beteiligt haben. Hansen hofft auf weiteren Zustrom von Leuten, die so sind wie er selbst: Menschen aus dem links-alter-nativen Erbenmilieu, groß geworden mit Friedensbewegung, Startbahn West, Tschernobyl, Waldsterben und Anti-Castor-Demos. Die junge Geldelite der Protestgeneration, für die eine Yacht auch 25 Jahre nach dem Kampf um Brokdorf nicht zu den erstrebenswerten Dingen des Lebens gehört. „In Deutschland stehen so viele Erbschaften an“, sagt Hansen. „Da muss es doch eine Menge Leute geben, denen jetzt das Geld in den Schoß fällt. Und die nicht wissen, was sie damit tun sollen.“

Wer sein Geld selbst verdient hat, ist großzügiger als der, dem es in den Schoß fiel

Es gibt sie jährlich zu Tausenden, denn zurzeit wird der Wirtschaftswunderwohlstand zur Erbmasse. Eine ganze Unternehmergeneration ist in den Ruhestand gegangen oder steht kurz davor. Etwa 200 Millionen Euro werden in Deutschland jedes Jahr vererbt. Und nicht wenige der Begünstigten empfinden den plötzlich hereinbrechenden Reichtum als nicht unbedingt verdient. Schließlich haben sie zur Akkumulation des Vermögens nichts beigetragen. Als Wissenschaftler der Bertelsmann Stiftung im vergangenen Jahr 629 Stiftungsgründer, darunter viele aus der Erben-Generation, nach ihren Motiven befragten, hörten sie immer wieder von „der Last, vermögend zu sein“ – ein Dilemma, das Menschen, deren Problem eher der Mangel an Geld denn der Überfluss ist, wohl kaum nachempfinden können. Die Gründung einer Stiftung sieht manch reicher Erbe als freiwilligen Akt der Umverteilung.

Auch Ann Kathrin Linsenhoff war nach dem Tod ihrer Mutter auf einmal reich. Der Großvater und die Eltern hatten einst die heute zum Siemens-Konzern gehörende Tachometerfirma VDO gegründet und zu einem florierenden Unternehmen gemacht. Nun sollte alles ihr gehören – das großzügige Anwesen mit Reitställen, Dressuranlage, Parks und Wohngebäuden sowie ein beträchtliches privates Geldvermögen. Die Mannschafts-Olympiasiegerin im Dressurreiten empfand den ihr zugefallenen Reichtum anfangs als Bürde. „Ich kam zu diesem Erbe und hatte dazu gar nichts beigetragen“, sagt die heute 45-Jährige. Der Gedanke, einfach alles für sich zu behalten und mündelsicher anzulegen, war ihr suspekt. Je weniger sie das Gefühl hatte, Gut und Geld wirklich verdient zu haben, desto mehr wuchs in ihr das Verlangen, „mein Glück mit anderen zu teilen“.

Linsenhoff teilt ihr Glück heute mit vielen. Vor drei Jahren gründete sie mit einem Startkapital von 500 000 Euro unter dem Dach des Kinderhilfswerks Unicef eine selbstständige Stiftung. Auch alle Preisgelder, die die Dressurreiterin bei Turnieren gewinnt, gehen an diese Stiftung, die Projekte für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten unterstützt. Zum Beispiel die „Schule in der Kiste“, eine Art mobiles Klassenzimmer mit Heften, Stiften, Radiergummis, Schiefertafeln und Schultaschen – genug für 80 Kinder.

Statistisch gesehen hat der bedürftige Teil der Welt von den Erben allerdings weit weniger zu erwarten als von den Erblassern. Diesen Schluss legen zumindest Zahlen aus den USA nahe. „Alle Studien zeigen, dass der Reiche, der sein Geld selbst verdient hat, im Schnitt vier- bis fünfmal so viel für wohltätige Zwecke gibt wie der Erbe, der seinen Reichtum nicht mit eigener Arbeit verdienen musste“, sagt Rick Cohen vom National Committee for Responsive Philanthropy.

In Deutschland stammt mittlerweile ein Viertel des Stiftungskapitals aus Erbschaften. Lediglich oder immerhin – das ist eine Frage der Perspektive. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie diesen neigen die Nachkommen offenbar dazu, das Vermögen der Eltern zu verzehren, statt es zu teilen. Oder es zumindest erst mal zu verwalten und zu mehren.

6000 Kilometer Luftlinie entfernt vom Linsenhoffschen Gut, im Chefbüro der Investmentgesellschaft American Century, hatte vor etwa zehn Jahren ein gewisser James E. Stowers ein Problem mit seinem Vermögen. Nicht, dass es zu wenig gewesen wäre, um die Kinder gut zu versorgen. Ganz im Gegenteil: Der 81-jährige American-Century-Gründer befand: Es ist zu viel. „Würde ich unseren Kindern meinen gesamten Reichtum hinterlassen“, sagt Stowers heute, „dann hätten sie keine Veranlassung mehr, morgens ihren Hintern aus dem Bett zu bewegen. Mit so viel Geld hätten wir die Kinder nur verdorben. Wohlhabend sind sie auch so schon; wir wollten das nicht pervertieren.“

Mit dem größten Teil seines Vermögens baute James E. Stowers in seiner Heimatstadt Kansas City ein medizinisches Institut auf, das Stowers Institute for Medical Research. Zu den Forschungsschwerpunkten gehört die Krebsbekämpfung. Stowers’ Frau, eine seiner Töchter und er selbst haben schwere Krebserkrankungen überlebt. Bis heute hat Stowers mehr als anderthalb Milliarden Dollar in das Institut gesteckt – das ist mehr als zweimal so viel wie sein derzeitiges Privatvermögen und bringt ihn auf Platz fünf der amerikanischen Wohltäter-Charts.

„Meine Frau und ich dachten uns, dass wir etwas tun sollten, was die Lebensqualität anderer Menschen verbessert“, räsoniert Stowers. „Ich meine damit die Millionen Menschen, die meinen Erfolg mit American Century ermöglicht haben. Bei ihnen wollte ich mich revanchieren. Wenn wir alles unseren Kindern vererben, können sie zwar in Saus und Braus leben, aber der Rest der Menschheit hat rein gar nichts davon.“ Wenn Stowers Sprösslinge heute mit Freunden am Forschungsinstitut vorbeifahren, sagen sie manchmal: „Guckt mal, da drüben steht mein Erbe.“

Den Nachkommen lediglich einen vergleichsweise geringen Anteil des Vermögens zu hinterlassen hat in den USA Tradition. Schon Andrew Carnegie (1835–1919), amerikanischer Stahlbaron und Mitbegründer des modernen Stiftungswesens, zog Millionen Erbschaften in Zweifel: „Geschieht dies aus Liebe?“, fragte sich der Mann, der seinen Unternehmerprofit auf dem Rücken der Arbeiter erwirtschaftete und im Alter zum Menschenfreund wurde. „Ist es dann nicht eine irregeleitete Liebe? Es ist längst erwiesen, dass ein großes Vermögen dem Erben häufig mehr zum Nachteil als zum Vorteil gereicht.“ Seiner Ansicht nach musste „der vernünftige Mann“ klar zu folgender Einsicht gelangen: „Würde ich meinem Sohn statt der allmächtigen Dollars einen Fluch hinterlassen, käme es auf das Gleiche heraus.“

Vor allem die neue amerikanische Geldelite, die ihr Vermögen der Börse und dem Internet verdankt, denkt heute wie vor hundert Jahren Carnegie, dass harte Arbeit das Leben weit mehr bereichert als dollarpraller Müßiggang. Die Eheleute Bill und Melinda Gates haben mehrmals öffentlich erklärt, dass ihre Kinder mit je zehn Millionen Dollar auskommen müssen. „Ich bin der Meinung, dass es ein Handicap für einen jungen Menschen ist, wenn er zu viel Geld erbt“, bescheidet der reichste Mann und größte Wohltäter der Welt ganz in der gedanklichen Tradition Carnegies. „Das Geld hindert ihn daran, sein Potenzial auszuschöpfen, zu einer eigenen, kreativen Persönlichkeit zu werden.“ „Leute wie Gates haben für ihr Geld hart arbeiten müssen“, sagt Charles Collier, Philanthropie-Berater der Harvard-Universität, „sie wissen, wie erfüllend ein harter Arbeitstag sein kann. Und sie wollen absolut nicht, dass ihre Kinder vom Geld verdorben werden.“

Über Schenkungen und Stiftungen als Mittel zur Enterbung spricht man hier zu Lande lange nicht so freimütig wie in Amerika. Dabei hat das Thema, so Karsten Timmer, Projektleiter der Bertelsmann-Stifter-Studie, „durchaus große Relevanz“. Mindestens jeder zweite der von ihm interviewten Stifter, schätzt er, „würde sofort unterschreiben, dass zu viel Geld die Kinder verdirbt“. Im unerschütterlichen Bewusstsein, dass sie sich Geld, Erfolg und S-Klasse durch harte Arbeit selbst verdient haben, erwarten sie von ihren Töchtern und Söhnen Vergleichbares. Da wären 50 Millionen Euro Barvermögen im Rücken, so vermuten sie wohl richtig, eher ein Hindernis. Warum sollten sich die Wohl- und Überversorgten eine 60-Stunden-Woche im Büro antun? Wobei Ausnahmen auch hier die Regel bestätigen mögen.

Einer der von Timmer befragten Stifter jedenfalls betrachtet sein Stiftungswerk als einen „Ausgleich zwischen meinen Kindern und anderen Kindern, die es weiß Gott mehr brauchen. Meine Kinder haben eh schon viel zu viel – die machst du bloß kaputt, wenn du denen alles vererbst“.

Daher hält man es mit Rockefeller. „Ihr Vermögen rollt heran“, wurde der Ölmonopolist beizeiten gewarnt, „es rollt heran wie eine Lawine. Sie müssen es schneller verteilen, als es wächst. Wenn Sie das nicht tun, wird es Sie überrollen und vernichten, Sie, Ihre Kinder und Kindeskinder.“

In Einzelfällen würden Stiftungsgründungen sogar als äußerst effektiver Enterbungsmechanismus genutzt, sagt Karsten Timmer. Überlebt der Stifter die Gründung der Stiftung um zehn Jahre, können die um ihr Erbe Gebrachten nicht mal den gesetz-lichen Pflichtteil herausholen. Die Kinder sollen „schlichtweg nicht alles bekommen“. Für Ausbildung oder Studium ist genug da, auch für ein Leben ohne Existenzsorgen werde in der Regel ausreichend gesorgt. Das Erbe werde dann meist nicht mehr benötigt.

„Da stößt man auf regelrechte Familientragödien“, sagt Timmer. So mancher Junior fragt sich im Nachhinein, ob er wirklich gut beraten war, die Verzichtserklärung auf seinen Erbschafts-Pflichtteil zu unterschreiben, gleich damals mit 18. Vielleicht hätte er doch erst einen Anwalt fragen sollen, und zwar nicht den des Vaters. Wobei es nach den Bertelsmann-Erhebungen äußerst selten vorkommt, dass sich Kinder wegen der Gründung einer Stiftung tatsächlich mit ihren Eltern endgültig entzweien. Felicitas von Peter, die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vermögende Stiftungswillige berät, kann sich aus ihrer Praxis nur an einen einzigen Fall erinnern, in dem die Enterbten tatsächlich versucht haben, ihren Pflichtteil gesetzlich einzuklagen.

Manchmal gelingt es, die Kinder für die „mit Lust betriebene intelligente Reichtumsvernichtung“ (Lothar Späth) zu begeistern – etwa indem sie im Stiftungsrat über die Verwendung jener Millionen mit entscheiden, die sie selbst nicht bekommen haben.

Aber sind die Herzensangelegenheiten des Stiftungsgründers automatisch auch die der Kinder? Was ist, wenn der Vater die Milchspeisung von Slum-Babys für absolut förderungswürdig erachtet oder die Pflege des deutschen Volksliedes, die Söhne und Töchter aber die Erforschung der Lebensweise des tibetischen Yaks oder die Gründung einer Lesbenzeitung in der Türkei für viel wichtiger halten? Bewegungsstifter Frank Hansen wäre mit seinem Vater sicher auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen.

Vielleicht hilft langfristig die Demografie der Philanthropie auf die Sprünge: Die jetzt hinterlassenen Geldvermögen werden nämlich in der nächsten Generation in etlichen Fällen nicht mehr bei den Söhnen und Töchtern landen – ganz einfach weil viele der reichen Erben von heute kinderlos bleiben.


 

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