Bewegungsstiftung

Wer Geld hat, kann stiften gehen

Sonntag Aktuell vom 06.06.2004

Eine Erbschaftswelle rollt über Deutschland hinweg. Einige vermögende Erben überlegen sich, wie sie ihr Geld sinnvoll investieren können. Sie engagieren sich in der Bewegungsstiftung und wollen so zum sozialen und politischen Wandel anstiften.

von Klaus Betz

Sein Leben lang hat Hartmut Berger gut verdient. Der 65-jährige Düsseldorfer hat mehr als drei Jahrzehnte für deutsche Firmen im Ausland gearbeitet. Dann erbte er vor 15 Jahren überraschend sehr viel Geld. Seine Mutter sei eine diskrete Frau gewesen, erzählt Berger, die Familie habe nie gewusst, dass ein so großes Vermögen existierte. Für sich selbst benötigt er das Geld nicht, weder Porsche noch Rolex sind seine Sache. Und da habe ich mir dann gedacht: Wenn ich mich nicht sozial engagiere, wer soll es dann tun?

Der Sohn aus einer Industriellen-Familie arbeitet inzwischen nur noch ehrenamtlich und spendet viel Geld für humanitäre Organisationen. Nach zwei Jahren im Vorstand von Ärzte ohne Grenzen gelangte er zu der Erkenntnis: Die Organisation gehe nicht an die Wurzeln.

Trotz aller Hochachtung vor dem Einsatz des Vereins genügte es ihm nicht mehr, Symptome zu lindern. Berger wollte die Ursachen bekämpfen. Dann hörte er von der Bewegungsstiftung: Das ist genau mein Ding. Weil die Stifter dem Kranken nicht nur Medizin verabreichen, sondern dazu beizutragen wollen, dass er gar nicht erst krank wird. In einer früheren Kaserne der britischen Streitkräfte in Verden an der Aller, die zum Ökozentrum umgebaut worden ist, entwickelt die vor zwei Jahren gegründete Bewegungsstiftung Strategien, wie sich mit Geld die Welt verändern lässt - sozial, umwelt- und gesellschaftspolitisch. Wandel statt Wohltat lautet ihr Ansatz. Die Stiftung unterstützt unter anderem Kampagnen von Attac und die Bürgerbewegung Freie Heide, die sich gegen das geplante Bombodrom in der Wittstocker Heide bei Neuruppin zur Wehr setzt.

Hinter der Idee einer Stiftung, die soziale Bewegungen finanziell unterstützt, gesellschaftlichen Wandel gestaltet und fortschrittliche Projekte fördert, steckt Felix Kolb. Unzählige Male machte der 30-Jährige die Erfahrung, dass ich zwar eine Superidee hatte, um bei bestimmten Themen mit Anti-Anzeigen zu reagieren, aber ich hatte kein Geld, die Anzeigen abdrucken zu lassen.

Erst als ihn sein Studium in die USA führt, stößt der junge Mann auf die Idee, dass wohlhabende Leute sich zusammenschließen könnten, um soziale Bewegungen zu unterstützen. Kolb liest das Buch Money for Change und lernt in Boston den Haymarket People's Fund kennen, der als Stiftung seit 1974 Graswurzel-Bewegungen auf lokaler Ebene fördert; Graswurzel-Bewegungen sind politische Initiativen, die an der Basis, also von unten heraus entstehen.

Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht. Zwar existieren Stiftungen, die sich für Umwelt, Zivilcourage oder Entwicklungspolitik engagieren, doch keine, die sich gezielt für einen politischen Wandel einsetzt, für ein Umdenken – so wie bei Unicef. Jahrelang versorgte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Opfer von Landminen mit Gehhilfen und Beinprothesen. Schließlich erkannte die Organisation, dass sie nicht Kinder mit Prothesen versorgen und gleichzeitig in jenen Ländern um Spenden bitten kann, die solche Minen herstellen. So schloss sich Unicef der Kampagne zum Verbot von Landminen an. Inzwischen gibt es eine Anti-Personenminen-Konvention, weil sich viele soziale Bewegungen und Organisationen wie Unicef dafür engagiert haben.

Zurück in Deutschland suchte Kolb zusammen mit Freunden über eine Anzeige in der Tageszeitung nach gleichgesinnten Vermögenden. "Wir vermuteten, dass wir nicht die einzigen sein werden, weil uns die Zahlen von anstehenden Erbschaften bekannt waren." Der Erfolg sollte ihm Recht geben. Nur wenige Monate später, im März 2002, konnte die Bewegungsstiftung mit einem Startkapital von 250.000 Euro gegründet werden. Inzwischen verwaltet sie bereits eine Million Euro, die nach ethisch-sozialen Kriterien angelegt werden. Aus den damit erzielten Renditen unterstützt die Verdener Stiftung beispielsweise Initiativen gegen genmanipulierte Nahrungsmittel oder die Aktivisten von urgewald, die in Ecuador gemeinsam mit der dortigen Öko-Bewegung gegen eine Ölpipeline kämpfen, die maßgeblich von der Westdeutschen Landesbank finanziert wird.

Schätzungen zufolge werden in Deutschland in den nächsten sechs Jahren rund zwei Billionen Euro vererbt. Die Bundesrepublik erlebt seit knapp einem Jahrzehnt einen wahren Stiftungsboom. Über 12.000 selbstständige Stiftungen gibt es inzwischen, 800 wurden allein im Jahr 2003 gegründet, doch nicht immer sind deren Ziele durchsichtig und nachvollziehbar.

Stiften statt Steuern zahlen kann ein verborgenes Motiv sein. Oft genug sind auch die Strukturen der Stiftungen eher auf den Gründer zugeschnitten – Wer zahlt, schafft an! – und daher nicht demokratisch organisiert.

Anders ist es bei der Bewegungsstiftung. Im Rahmen von Interessiertentagen werben die Gründer in ganz Deutschland für die Ziele der Stiftung und um das nötige Vertrauen. Sie belegen, wie und wofür das Geld der Stifter verwendet wird. Und sie sorgen auf Fachseminaren dafür, dass die unterstützten Organisationen professionalisiert werden. Weil Gutes meinen nicht automatisch auch Gutes machen bedeutet. Um noch mehr Wirkung zu erzielen, definiert die Bewegungsstiftung den Begriff von Vermögen nicht nur über Millionäre oder reiche Erben. Im Gegenteil: Stimmberechtigtes Mitglied der Organisation kann ab der ersten Rate jeder werden, der die Verpflichtung eingeht, ein Jahrzehnt lang jedes Jahr 500 Euro in die Stiftung einzuzahlen. Was ferner zählt, ist die Mitbestimmung in den demokratisch organisierten Gremien. So berät der Beirat der Stifterinnen und Stifter gemeinsam, wie die Mittel vergeben werden. Gleichzeitig gilt aber: Wer das Minimum von 5000 Euro eingezahlt hat, hat die gleichen Stimmrechte wie jemand, der 50.000 Euro und mehr an die Organisation gestiftet hat.

Auch Susann Haltermann hat diese Regelung akzeptiert. Sie ist eine vermögende Erbin aus Hamburg und Gründungsmitglied der Bewegungsstiftung. Als Selbstverständlichkeit empfindet sie, dass diejenigen in der Gesellschaft, die deutlich mehr Geld haben, als sie für ihr eigenes Leben wirklich gebrauchen können, verpflichtet werden, ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten.

Für Susann Haltermann bedeutet die Arbeit mit und in der Bewegungsstiftung mehr als Geld zu spenden. Es sei endlich auch ein Forum von Leuten, die nicht nur in eine ähnliche Richtung denken, sondern auch handeln wollen. Und das sei etwas sehr Motivierendes, etwas, was einfach Spaß macht.

 

 

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