Bewegungsstiftung

Bewegung geht stiften

Robin-Wood-Magazin Nr. 80 – 1/2004

»Wandel statt Wohltat« ist das Motto der zwei Jahre jungen Bewegungsstiftung aus Verden. Sie will nicht die Symptome bekämpfen, sondern einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft bewirken, indem sie soziale Bewegungen unterstützt. Dafür wendet sich die Stiftung an Wohlhabende und ihre Partner – und hat Erfolg damit. Christiane Weitzel sprach mit dem Geschäftsführer Jörg Rohwedder.


Christiane Weitzel: Wer hat die Bewegungsstiftung gegründet?

Jörg Rohwedder: Die Bewegungsstiftung wurde initiiert von drei Personen aus dem Ökozentrum in Verden: Felix Kolb, Christoph Bautz und Gerald Neubauer. Sie standen vor der Frage, wie sie mit Vermögen umgehen wollen, das sie geerbt haben oder erben werden. Um mit Teilen des Vermögens dauerhaften Wandel unterstützen zu können, entschieden sie sich für die Einrichtung einer Stiftung.

Eine Stiftung hat den Vorteil, dass sie über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte einer Zielsetzung folgen kann. Über Zeitungsannoncen haben sie auf die Stiftungsidee aufmerksam gemacht und so ist eine Gruppe von zehn Personen zusammen gekommen, die gemeinsam einen Stiftungsbetrag von 250.000 Euro zusammen gelegt haben. Unterdessen haben sich mehr als 50 Stifter gefunden und das Stiftungskapital ist auf rund 800.000 Euro angewachsen.


Mit welchem Ziel wurde die Bewegungsstiftung gegründet?

Die Bewegungsstiftung unterstützt Kampagnen sozialer Bewegungen. Häufig fehlt es diesen Bewegungen an Geld und an Strategien. Unser Ziel ist es, neben der nötigen finanziellen Unterstützung auch ein strategisches Planungsinstrument zur Verfügung stellen zu können.


Wie sieht diese strategische Unterstützung genau aus?

Wir haben dafür ein Konzept namens MASS (Movement Action Success Strategy) entwickelt, das die Bedingungen beleuchtet, die in der Vergangenheit zu Erfolg und Misserfolg sozialer Bewegungen beigetragen haben. Unser Gründungsmitglied Felix Kolb arbeitet sehr intensiv daran und wird zu dem Thema Anfang 2005 seine Doktorarbeit abschließen.

Einmal im Jahr werden alle geförderten Projekte zu einer Fortbildung eingeladen, bei der diese Planungsinstrumente vorgestellt und diskutiert werden. In Zukunft wollen wir den Bereich Beratung stärker in die Förderung aufnehmen, zum Beispiel indem wir die Geldförderung mit Bildungs- und Beratungsgutscheinen verknüpfen. Wenn ein Projekt zum Beispiel mit 1500 Euro gefördert wird, dann geben wie einen Beratungsgutschein über 500 Euro aus. Dafür erhalten die Projekte von ausgewählten Beratern Unterstützung bei der Entwicklung einer schlagkräftigen Strategie.

Wir verstehen darunter ein Netzwerk verschiedener Akteure. Das können sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen oder Organisationen sein, die sich einer sozialen Bewegung zugehörig fühlen, sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben haben und die verschiedensten Möglichkeiten der politischen Einflussnahme nutzen – angefangen bei Unterschriftensammlungen über Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu weiter gehenden Protestformen.

Es müssen Akteure sein, die sich für einen progressiven Wandel einsetzen. Dazu gehören die klassischen Protestrichtungen wie Friedensbewegung, Frauen- und Umweltbewegungen. Wir möchten aber auch neue Bewegungen unterstützen, die einen Anschub benötigen.


Während die Umweltorganisationen schon seit längerem Mitgliederschwund beklagen, erleben neue soziale Bewegungen wie Attac einen riesengroßen Zulauf. Wie erklärst du diese Entwicklung?

Ich habe den Eindruck, dass die Leute sich vor allem dann engagieren, wenn sie merken, dass sie an Veränderungen mitwirken können. Attac beispielsweise hat einen solch großen Zulauf, weil sie gemeinsam mit anderen Globalisierungsgegnern gezeigt haben, dass es möglich ist, effektiv Widerstand zu leisten. Und zwar dort, wo Entscheidungen mit Tragweite fallen. Das ist es, was die Leute fasziniert.

Sehr gut finde ich, welch hohes Bildungsinteresse die Aktiven zeigen. Sie informieren sich, besuchen Sommerakademien, Seminare. Sie wollen wirklich erfahren und durchschauen, was läuft, um dann bei den großen Treffen wie dem Weltsozialforum oder dem Europäischen Sozialforum aktiv zu werden und sich zu vernetzen. Dort treffen sie Leute, mit denen sie kooperieren können und erleben: »Wir sind eine Kraft in der Welt«.



Laufen Bewegungen nicht Gefahr, Strohfeuer zu sein und keinen ausreichend langen Atem zu haben?

Ein Beispiel für eine kurze Bewegung war die große Friedensdemo am 15. Februar gegen den Irakkrieg. Kurzfristig konnten mehr als 500.000 Menschen mobilisiert werden, quasi einen Monat später war diese Bewegung auch schon wieder zu Ende. Die großen Friedensorganisationen, welche langfristige Bewegungsarbeit machen und lange, intensive Kleinarbeit leisten, sind eng verbunden mit den Leuten, die im Februar auf die Straße gegangen sind.

Dort existierte in meinen Augen keine Konkurrenz, sondern eher eine komplementäre Kraft. Denn diese vielen Menschen, die für Frieden auf die Straße gegangen sind, bedeuten die Legitimation für die großen Friedensverbände und zeigen, dass ihre Arbeit weiter wichtig ist. In dieser Kombination von langfristiger Arbeit der Gruppen und Verbänden und dem kurzfristig mobilisierten Protest steckt der ausreichend lange Atem, der starken Gegenwind zur herrschenden Politik auslösen kann.


Wie gewährleisten private Stiftungen, wie die Bewegungsstiftung, eine demokratische Kontrolle?

Prinzipiell kann eine private Stiftung in ihrer Satzung frei festlegen, wie viel demokratische Kontrolle sie zulässt. Eine Stiftung ist so gut wie ihre Satzung. Die Bewegungsstiftung hat ein Mischmodell gewählt, in dem wir einerseits demokratische Einflussnahme von Beteiligten an der Stiftung gewährleisten und andererseits die Möglichkeit haben, im Stiftungsrat externe Menschen zu beteiligen. Es geht uns darum, die Balance zu wahren zwischen Flexibilität und Kontrolle, also die Balance zwischen der Möglichkeit auch mittelfristig neue Impulse in die Stiftung aufzunehmen und langfristig die Stiftungsziele zu bewahren.

Die Stifter brauchen die Sicherheit, dass ihre gewünschten Stiftungsziele über einen langen Zeitraum erhalten bleiben. Im Beirat sind alle Stifterinnen und Stifter vertreten, die ab einer Zustiftung von 5000 Euro Stimmrecht haben. Sie wählen aus ihrer Mitte eine Person, die sie im Stiftungsrat vertritt. Der Beirat der StifterInnen hat das Recht, Empfehlungen an den Stiftungsrat auszusprechen.

Im Gegensatz zu anderen Stiftungen haben wir die Einflussmöglichkeit der Stifter aber bewusst reduziert. Dafür dürfen bei uns – ein Novum in der Stiftungslandschaft – die geförderten Projekte aus ihrem Kreis einen Vertreter wählen und so mit(be)stimmen. Insgesamt sind im Stiftungsrat fünf Personen, zwei davon sind gewählt, die übrigen drei wurden von den Gründungsstiftern berufen.


Welche finanziellen Ziele hat sich die Bewegungsstiftung gesteckt?

Um handlungsfähig zu sein und um ernstgenommen zu werden, ist es unser Ziel, in den nächsten Jahren das Stiftungskapital von derzeit 800.000 Euro auf mindestens fünf Millionen Euro zu vergrößern. Dann sind wir in der Lage, jährlich 100.000 Euro an Projekt weiter zu reichen. Unser Fernziel ist es, irgendwann auf einen zweistelligen Millionenbetrag bauen zu können. Wegen der Inflation müssen wir von unserer ca. 3,5-prozentigen Rendite immer etwas für die Rücklagen abzweigen, um den Wert des Stiftungskapitals zu erhalten.

Wir haben das Vermögen der Stiftung langfristig über verschiedene Anlagen abgesichert. Gemeinsam mit zwei Gründungsstiftern verwalte und prüfe ich die Anlagen. Wir legen unsere Empfehlungen dem Stiftungsrat vor, der dann darüber entscheidet. Wir treffen hier keine leichtfertigen Entscheidungen. Das macht auch unser Portfolio deutlich, das wir monatlich auf unserer Website veröffentlichen. Wir setzen vor allem auf sichere Anlagen, die allerdings nicht so hohe Renditen abwerfen.


Welche Anlagen sind das zum Beispiel?

Wir haben uns z.B. an der Solar und Spar Contract GmbH und Co KG beteiligt, die auf einer Schule eine Photovoltaikanlage installiert hat. Die Schule hat sich unter Beteiligung der SchülerInnen und der Lehrerschaft verpflichtet, Energieeinsparziele zu erreichen. Wir haben dem Mietshäusersyndikat in Freiburg einen Kredit gegeben, die damit Wohnraum errichten und wir sind an einer Windkraftanlage in der Region beteiligt. Ein großer Teil unseres Vermögens ist bei Banken, die nach ethischen Kriterien wirtschaften. So stellen wir eine regelmäßige Rendite sicher.


Wie sichert ihr die laufenden Kosten für Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit ab?

Im laufenden Haushalt benötigen wir für Verwaltung- und Öffentlichkeitsarbeit ungefähr 50.000 Euro. Dieses Defizit wird von unseren Stiftern getragen, indem diese sich entsprechend ihrer Stiftungseinlage mit einer Spende an den Kosten beteiligen. Wir erhalten aber auch Spenden von Leuten, welche die Idee unterstützenswert finden und mit 25, 50 oder 100 Euro dabei sind.

Ich bin als Geschäftsführer der einzige Festangestellte. Die Stiftung trägt sich vorwiegend durch das ehrenamtliche Engagement der Stifterinnen und Stifter. So erhalten wir zum Beispiel von einer Stifterin, die Rechtsanwältin ist kostenlos rechtliche Beratung.

Wir sind Teil des Öko-Zentrums in Verden und profitieren von diesem Zusammenschluss. Im Öko-Zentrum sind eine Reihe von Institutionen und Vereinen aktiv, die sich technische Einrichtungen teilen und sich gegenseitig unterstützen.


Wie viel Menschen beteiligen sich mittlerweile als Stifter an der Bewegungsstiftung?

Bisher sind es 50 Stifterinnen und Stifter. Wir wollen zwei Gruppen von Leuten ansprechen. Wohlhabende, die schon lange mit sozialen Bewegungen sympathisieren und nun Teile ihres Vermögens in demokratische Kontrolle zurückgeben wollen. Und weniger Wohlhabende, die in Bewegungen aktiv waren oder sind und mit regelmäßigen Beträgen, z.B. 500 Euro jährlich während zehn Jahren, am Aufbau des Stiftungsvermögens mitwirken wollen.
Wir bieten mehrmals im Jahr Stiftungsinteressiertentage an, wo Leute uns kennen lernen können. Außerdem veranstalten wir eine Tagung für Vermögende und Seminare zum ethischen Umgang mit Vermögen.

Einmal jährlich gibt es eine Strategiewerkstatt, bei der sich Stifter, Vertreter der geförderten Projekte und der Stiftungsrat, also alle an der Stiftung Beteiligten treffen und in getrennten und gemeinsamen Sitzungen über die Strategie der Stiftung beraten.


Was sind Bewegungsarbeiter?

Das sind Menschen, die seit Jahren in sozialen Bewegungen politisch aktiv sind und über unschätzbar wertvolle Erfahrungen und Kompetenzen verfügen. Ihr ehrenamtliches Engagement geschieht häufig auf Kosten ihrer Erwerbsarbeit. Damit diese Menschen sich langfristig und unabhängig engagieren können, koordiniert die Bewegungsstiftung deren finanzielle Förderung.

Die Stiftung fördert die Bewegungsarbeiter nicht direkt, sondern dient als weiterleitendes Instrument. Wir prüfen die Qualität ihrer Arbeit und die Bedürftigkeit der Bewegungsarbeiter. Dann werden sie quasi von der Stiftung adoptiert und müssen aber selbst Paten finden, die ihre Arbeit kontinuierlich finanzieren. Diese Paten stammen vor allem aus dem privaten Umfeld der Bewegungsarbeiter wie Familie, Freunde oder aus Kontakten bei politischen Veranstaltungen. All diese Menschen kennen und respektieren die Arbeit und das Engagement des Bewegungsarbeiters. Die Paten leisten einen mildtätigen Beitrag zwischen 20 und 250 Euro pro Monat. Die Höhe der monatlichen Zuwendung ist durch gesetzliche Regelungen auf ca. 1400 Euro begrenzt.


Wie viel Geld ist dieses Jahr den Projekten zu Gute gekommen?

Dieses Jahr haben wir allein aus den Stiftungsrenditen 9000 Euro ausgeschüttet. Auch die gesammelten Spenden in Höhe von 40.000 Euro konnten wir an Projekte weiterleiten.


Welche Projekte unterstützt ihr im nächsten Jahr?

Im November haben wir die neue Förderrunde für 2004 mit fünf neuen Projekten gestartet. Wir streben an, möglichst unterschiedliche Themenbereich abzudecken. Schwerpunkt ist die Freie Heide, also die Widerstandsbewegung gegen das »Bombodrom«, die mit 4000 Euro die höchste Förderung erhält. Die Initiative plant 200 Aktionsgruppen zu mobilisieren, die sich stellvertretend für die 200 Tage Bombenabwurftraining auf das Gelände begeben und damit den Übungsbetrieb blockieren. Bisher konnten 15 Gruppen gewonnen werden, die sich schon vor Ort umgesehen haben und ihre Begehungen konkret planen.

Darüber hinaus werden wir die Attac-Kampagne »Genug für alle« gegen den Sozialabbau, ein Genderprojekt zur Armutsbekämpfung von FIAN, die »GENug WTO«-Kampagne von BUND, BUNDjugend, Attac u.a. und ein Bündnis gegen die neu eingeführte KitaCard in Hamburg fördern. Bei der Kampagne von Attac und bei FIAN tragen wir eher einen kleinen Teil zu einem laufenden Projekt bei. Für die Anti-KitaCard und das »Bombodrom« hat unser Beitrag dagegen einen höheren Stellenwert.

Prinzipiell versuchen wir Projekte zu unterstützen, die anderswo nicht gefördert werden. Damit wir allerdings Gelder beisteuern können, müssen die Bewegungen als gemeinnützige Organisation anerkannt sein oder mit einem Verein kooperieren, der dieses gewährleistet. Bei der Projektbegutachtung betrachten wir den Anteil der Öffentlichkeitsarbeit, die Arbeit vor Ort und die Verwaltungsarbeit. Wenn wir befinden, dass es sich um eine interessante, unterstützenswerte Kampagne handelt, verläuft die Ausschüttung und Kontrolle der Gelder aber unbürokratisch. Denn wir sind der Meinung, dass unsere relativ kleinen Beiträge einen hohen Verwaltungsaufwand nicht rechtfertigen würden.

 

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