Bewegungsstiftung

Wandel durch Wohltaten

Die ZEIT Geld spezial vom 28.10.2004

Wie die Bewegungsstiftung die sozialen und ökologischen Reformen in Deutschland unterstützen will.

von Klaus Betz

Es war der Großvater. In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg legte er mit seinem Unternehmen den Grundstock für das Vermögen und die Geschäftsanteile, die heute Jens Bock gehören. 29 Jahre jung ist der Enkel und Erbe, und das Geld will er nicht für sich behalten. »Ich habe es mir nicht erarbeitet, nicht selbst verdient, es ist mir einfach in den Schoß gefallen«, sagt Bock. Ihm und seiner Generation fehle die emotionale Bindung an die Gründerjahre der Republik und damit an das damals entstandene Kapital, und so »fällt es uns leichter, davon abzugeben«. Sein Geld solle etwas bewirken, sagt Bock, »es soll möglichst viel gesellschaftlichen Nutzen bringen und möglichst wenig Schaden anrichten«

Bock will nicht nur an die Altersvorsorge denken und in die eigene Zukunft investieren - vielmehr will er in die Zukunft aller investieren. Schon zu Beginn seiner Studentenzeit legte sich der junge Erbe quer. Weil die Hausbank der Familie in seinem Namen Anleihen eines Tabakherstellers zeichnet, obwohl er selbst einen ökologisch-sozialen Lebensstil bevorzugt, nimmt Bock die Verwaltung des Vermögens in die eigene Hand. Schnell wird er zum Fachmann für ethische und ökologische Geldanlagen. Über die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken in Bochum engagiert er sich zum Beispiel neben anderen dafür, dass die so genannten Schönauer Stromrebellen im Südschwarzwald 1997 das örtliche Stromnetz aufkaufen und fortan atomfreien Strom anbieten können - einer der größten Erfolge der ökologischen Bewegung in Deutschland. Als Praktikant bei Attac erlebt er dann 2001 nach dem von Demonstrationen und Auseinandersetzungen geprägten G7-Gipfel von Genua, »wie eine soziale Bewegung durchstarten kann«. Bis zum Einstieg bei der »Bewegungsstiftung« war es da nicht mehr weit.

Im März 2002 gegründet, will die Bewegungsstiftung »mit Geld die Welt verändern« - sozial- und umweltpolitisch. Das sind große Worte, doch es geht um konkrete kleine Taten: Soziale Bewegungen finanziell zu unterstützen, politische Aktivisten und fortschrittliche Projekte zu fördern ist das Ziel. »Wandel statt Wohltat« lautet der Ansatz der Stiftung, die in einer zum Ökozentrum umgebauten ehemaligen Kaserne der britischen Armee in Verden an der Aller residiert und unter anderem Attac sowie die Bürgerbewegung Freie Heide unterstützt, die sich gegen das geplante Bombodrom in der Wittstocker Heide bei Neuruppin wehrt.

Der Kopf hinter der Stiftung ist der 30-jährige Felix Kolb. Unzählige Male macht er in den Jahren seines politischen Engagements eine bittere Erfahrung: »Ich hatte zwar eine Superidee, um bei bestimmten Themen mit Anti-Anzeigen zu reagieren, aber ich hatte kein Geld, die Anzeigen irgendwo abdrucken zu lassen.« Während seines Studiums stößt Kolb in den Vereinigten Staaten auf die Idee, dass wohlhabende Leute sich zusammenschließen und gemeinsam soziale Bewegungen unterstützen. Kolb liest das Buch Money for Change und lernt dadurch in Boston den Haymarket People's Fund kennen, der als Stiftung bereits seit 1974 Graswurzelbewegungen auf lokaler Ebene fördert. Von etwas Vergleichbarem in Deutschland hat Kolb noch nicht gehört. Zwar existieren zahlreiche Stiftungen, die sich für Umweltthemen, Zivilcourage oder Entwicklungspolitik einsetzen, doch keine, die ganz gezielt mehrere Bewegungen und somit insgesamt den politischen Wandel fördert. Zurück in Deutschland, setzt Kolb sich mit Freunden zusammen, diskutiert mit ihnen die Idee zur Gründung einer eigenen Stiftung. Mit einer Anzeige in der Tageszeitung suchen sie nach gleichgesinnten Vermögenden. »Wir wussten am Anfang nicht, ob wir jetzt die drei einsamen Mohikaner sind«, sagt Kolb, »aber wir hattten die starke Vermutung, dass wir nicht die einzigen sein werden.«

Es war eine zutreffende Vermutung. Nur wenige Monate später konnte die Bewegungsstiftung mit einem Startkapital von knapp einer Viertelmillion Euro gegründet werden. Heute verwaltet sie annähernd 1,2 Millionen Euro, die nach ökologisch-ethischen Kriterien angelegt werden. Mit den so erzielten Gewinnen - derzeit etwa 70 000 Euro - unterstützt die Stiftung beispielsweise Initiativen gegen genmanipulierte Nahrungsmittel oder die Aktivisten der Organisation urgewald, die in Ecuador gemeinsam mit der dortigen Ökobewegung gegen eine höchst umstrittene Erdölpipeline kämpfen, die maßgeblich von der Westdeutschen Landesbank finanziert wird. Außerdem vergibt die Stiftung zinsgünstige Kredite an alternative Projekte. Fachseminare helfen den unterstützten Organisationen, professionell zu arbeiten.

Schätzungen zufolge werden in Deutschland in den nächsten sechs Jahren rund zwei Billionen Euro vererbt, die Zahl und das Vermögen potenzieller Unterstützer sind also groß. Nun ist hierzulande zwar auch schon seit rund zehn Jahren ein Stiftungsboom zu beobachten - gegenwärtig sind fast 12.000 selbstständige Stiftungen mit einem Mindestkapital von 50.000 Euro registriert - doch deren Ziele sind nicht immer transparent und nachvollziehbar. Steuern zu sparen ist nicht selten das eigentliche Motiv. Oft genug sind die Strukturen auf den Gründer oder die Gründerin ausgerichtet, also nicht demokratisch organisiert. Anders die Bewegungsstiftung: Dort ist jedes stimmberechtigte Mitglied mit gleichen Rechten ausgestattet. Der Beirat der Stifterinnen und Stifter entscheidet gemeinsam, wie die Mittel vergeben werden. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Stiftung sich der größeren Wirkung halber nicht nur über Millionäre oder reiche Erben definiert: Stimmberechtigt ist jeder, der die Verpflichtung eingeht, ein Jahrzehnt lang jedes Jahr 500 Euro in die Stiftung einzuzahlen - sofort, ab der ersten Rate. Ob jemand also 5.000 Euro, 50.000 Euro oder gar mehr stiftet, ist unerheblich.

Susann Haltermann hat diese Regelung akzeptiert. Sie ist Gründungsmitglied der Bewegungsstiftung und eine vermögende Erbin aus Hamburg. Als Selbstverständlichkeit empfindet sie, dass »diejenigen in der Gesellschaft, die deutlich mehr Geld haben, als sie für ihr eigenes Leben wirklich gebrauchen können, verpflichtet werden, ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten«. So unterstützt sie die Idee, einzelne Vollzeitaktivisten, die die Stiftung »Bewegungsarbeiter« nennt, in Form von Patenschaften zu unterstützen. Das Leben dieser Aktivisten ist dadurch gekennzeichnet, dass sie seit vielen Jahren ehrenamtlich arbeiten, ohne reguläres Einkommen. Damit sie nicht aus wirtschaftlicher Not aus der politischen Arbeit aussteigen müssen und ihr Wissen, ihre Erfahrungen nicht verloren gehen, werden sie gefördert.

Für Susann Haltermann geht es bei der Arbeit mit und in der Bewegungsstiftung um mehr als nur die reine Geldspende. Die Stiftung sei schließlich auch ein Forum von Leuten, die nicht nur in eine ähnliche Richtung denken, sondern auch in diese Richtung handeln wollen. »Und das ist etwas sehr Motivierendes, etwas, was einfach Spaß macht«, sagt Haltermann. Eine Investition, die sich lohnt.

 

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