Bewegungsstiftung

Reiche Erben von links – Heißes Herz, kühle Rechnung

Süddeutsche Zeitung vom 15.03.2003

 

von Jonas Viering

Seinen feinen englischen Anzug wird er gegen wasserdichtes Ölzeug tauschen. Nicht wegen der Wasserwerfer, eher wegen des Wetters. Und dann wird Percy Rohde ’mal schauen, wie sich sein Investment so macht. Immerhin hat der 36-jährige Millionen-Erbe gemeinsam mit anderen Vermögenden 20.000 Euro eingesetzt – für eine Sitzblockade an der Rhein-Main-Airbase der US-Streitkräfte in Frankfurt. Genauer: Für die Organisation der Friedens-Kampagne Resist. An diesem Samstag wird er bei einem Sitzstreik gegen einen Krieg im Irak mit dabei sein. »Ich muss mich da schon etwas überwinden«, sagt er, »vielleicht mag ich die Leute da nicht, vielleicht ist es langweilig, vielleicht regnet es«. Aber die Sache ist es ihm wert.

Percy Rohde gehört zur »Bewegungsstiftung«. »Mit Geld die Welt verändern« ist deren Motto – exotisch in einer Zeit, in der Reichtum den einen suspekt ist und den anderen nur dazu dient, Ferraris zu kaufen. Und in der edle Mäzene allenfalls für Opernhäuser spenden, aber keinesfalls ihr Geld strategisch für die Friedensbewegung und die Ökoszene anlegen. Vor einem Jahr hatten sich zehn Frauen und Männer aus dem Umfeld der Globalisierungskritiker von Attac mit 250.000 Euro Stiftungskapital zusammengetan, heute sind es schon 26 Stifter und bald 662.000 Euro.

Nun stammt das Geld für die Blockade nicht von der Stiftung, denn die würde sonst ihren Status der Gemeinnützigkeit riskieren. Die Stifter bringen es zusätzlich privat auf, als Risiko-Darlehen. Läuft die Sache gut, trudeln viele Kleinspenden von Teilnehmern ein, und Resist kann den Kredit zurückzahlen. Floppt der Friedensprotest, ist das Geld weg. »Soziale Bewegungen kranken oft daran, dass die Anschub-Finanzierung fehlt«, erklärt Rohde. So reden kühle Rechner – doch mit heißem Herzen. »Ich werde UN-Fahnen schwenken«, sagt der Spross einer Transportunternehmerdynastie. Die Stärkung der Vereinten Nationen gegen Alleingänge der USA und ein Signal der Unterstützung an die Opposition in den USA, daran liegt ihm. Manche Mitblockierer stören ihn da eher: »Die Linksradikalen wenden sich mit ihren Sprüchen doch nur an andere Linke«. Rohde geht es um mehr als nur die Störung der Zufahrt zur Airbase, man dürfe nicht »in so proximaten Zielen« denken, sagt er – und verfällt so unversehens in den Jargon der Verhaltensforschung. In diesem Fach promoviert er gerade, ein bleicher Büchermensch. Doch sein Haar ist flammend rot, ein eleganter Kontrast, in seiner Biografie gibt es Ähnliches. Als Jugendlicher engagierte er sich für den Vogelschutz und später für die Umweltpolitik, weil das Aufhängen von Nistkästen doch nichts veränderte. Und mit Anfang Zwanzig überkam ihn »echte Resignation«, er zog sich zurück in die Hannoveraner Wohnung mit dem Jugendstil-Inventar, »nicht alles echt«, wie er meint betonen zu müssen.

Geändert hat sich das erst durch die Bewegungsstiftung. »Mit der macht es jetzt wirklich Spaß, Geld zu haben«, sagt Percy Rohde, der nicht Ferrari, sondern VW Golf fährt. Andere aus dem Stifterkreis sprechen regelrecht von »der Last, vermögend zu sein«, weil sie sich politisch eher auf der anderen Seite sahen, bei den Kritikern des Kapitalismus. Rohde hatte nie ein schlechtes Gewissen, wohl aber das Gefühl, Verantwortung zu tragen – zumal er nur Erbe ist. Das sind viele in der Bewegungsstiftung: Der in der Nachkriegszeit erarbeitete Reichtum ist ihnen in den Schoß gefallen, hunderttausendfach geschieht dies in diesen Jahren des Generationenwechsels. Doch die Stifter wollen das Geld nicht einfach verschenken, wie das der legendäre Frankfurter Bankierssohn Tom Koenigs gemacht hat, der vor 30 Jahren sein ungeliebtes Erbe an den Vietcong weiterreichte und später grüner Politiker wurde. Sondern etwas Dauerhaftes schaffen.

Das Stiftungskapital verzehrt sich nicht, aus den Zinsen des in Ökoprojekten angelegten Geldes werden etwa der Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen gefördert oder der Aktivist Jochen Stay, der nach den Castor-Blockaden auch die Airbase-Aktion organisieren hilft. Dem Pessimisten Rohde macht die neue Bewegung gegen den Irak-Krieg Hoffnung. Und das ist etwas, was für Geld normalerweise nicht zu haben ist. So nimmt der sonst so rational und im großen Maßstab denkende Rohde an seiner ersten Sitzblockade teil. Und hängt jetzt auch wieder Nistkästen auf.

 

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