Bewegungsstiftung

Die Macht der Millionen

Der Spiegel 31/2003

Im Umfeld von Attac haben sich junge, reiche Erben zusammengefunden, um die Globalisierungsgegner zu unterstützen – sie haben dafür einen Teil ihres Vermögens gegeben.

von Holger Stark

Die Welt des Frank Hansen beginnt im fünften Stock eines Gründerzeitbaus in Berlin-Mitte, sie dehnt sich über zwei Etagen und endet in einem Strandkorb auf der Dachterrasse. An manchen Tagen sitzt Hansen, 32, einfach im Strandkorb, nippt an einer Kirschsaftschorle und genießt das Nichtstun. Über den Dächern von Berlin ist die gefühlte Freiheit des Multimillionärs fast grenzenlos. »Man hat mit Geld ein einfaches und luxuriöses Leben.«

Das Haus hat Hansen 1998 gekauft und mit viel Geld saniert, ebenso das Restaurant »Schwarzwaldstuben« fünf Stockwerke tiefer, in dem der Schauspieler Ben Becker gerade zufrieden sein drittes Bier trinkt und Anekdoten erzählt.

Aus dem Büro unterm Dach steuert Hansen den Fluss seines Geldes. Es ist die Kommandozentrale einer für einen Unternehmer höchst ungewöhnlichen Unternehmung. Hansen ist aufgebrochen, mit seinem Vermögen die Gesellschaft zu verändern. Das Motto dazu hat Attac geliefert: »Eine andere Welt ist möglich«.

Der Sohn eines schwäbischen Mittelständlers gehört zu einer Gruppe junger, reicher Erben, die sich im Umfeld von Attac zusammengefunden haben und die eines eint: Sie wollen, dass ihr Geld auch für Reformen und nicht nur für Rendite arbeitet. Hansen hat deshalb wie ein halbes Dutzend weiterer moralisch denkender Millionäre einen Teil seines Vermögens der »Bewegungsstiftung« überwiesen. Sie fördert gesellschaftskritische und ökologische Projekte der Globalisierungsgegner, etwa eine Kampagne gegen eine Ölpipeline durch Ecuador oder ein Aktionstraining für gewaltfreien Widerstand.

Die Erben haben die Macht der Millionen erkannt – aber anders als vielen New-Economy-Pionieren, die ein Auto als Statussymbol und das Aktien-Portfolio als Ausdruck gesellschaftlichen Erfolgs ansehen, gelten ihnen eher Investitionen in Gerechtigkeit, Solidarität und Basisdemokratie. Dafür hat der Gegenentwurf zur Generation Golf seit dem vergangenen Jahr insgesamt eine drei viertel Million Euro in die Stiftung eingezahlt, die so etwas wie eine Bank der Weltverbesserer ist.

Anders als etwa der einstige Frankfurter Sponti Tom Koenigs, der 1973 sein gesamtes Erbe von damals mehreren Millionen Mark an den Vietkong weiterleitete, haben die Erben der heutigen Generation bewusst nur einen Teil gespendet. Sie finden Geld nicht anrüchig und privaten Reichtum keinen generellen Makel. Und sie verstehen es angesichts des qua Abstammung zugefallenen Vermögens nicht als Ablass zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Hansen, dessen Familienunternehmen Kunststoffverpackungen herstellt, wendet seine Grundsätze auch im Berufsleben an. Würde die Firma an die Börse gehen, will er seine geerbten Anteile verkaufen: »Ich bin ein Gegner des internationalen Spekulationsregimes, das als Aktienhandel daherkommt und bei dem es um keinerlei reelle Werte geht.«

Hansen, mit 17 Jahren bereits Multimillionär, fährt standesgemäß den kleinsten Audi, den es gibt, einen A2 in 3-Liter-Ausführung. Seine Wohnungen vermietet er aus Prinzip unter Marktpreis, er kauft im Bioladen ein und bezieht Ökostrom. So hat sich eher unbemerkt im Bannkreis von Attac eine Erbengeneration gefunden, die in den Achtzigern durch Friedensdemonstrationen, Nachrüstung und Tschernobyl politisiert worden ist und die nun, mit Anfang 30, nicht nur über viel Idealismus, sondern auch über viel Geld verfügt.

Es sind vermögende Aktivisten wie Percy Rohde, 36, der mit einem Clipboard unter dem Arm im Schatten des Reiterdenkmals von Ernst August auf dem Bahnhofsvorplatz von Hannover steht, um Überzeugungsarbeit für einen Volksentscheid zur EU-Verfassung zu leisten. Er trägt ein weißes T-Shirt mit dem Logo der »Bewegungsstiftung«, auf dem sich langsam Schweißflecken bilden.

Rohde hat der Stiftung etwa das Jahresgehalt eines mittleren Angestellten überwiesen und will »vermutlich das Gleiche noch einmal spenden«. Er hat auch einen Bus des Vereins »Mehr Demokratie« gesponsert, der auf den ersten Blick aussieht wie das blau-gelbe Wahlkampfmobil von Guido Westerwelle. Rohde aber kämpft, anders als die FDP, für mehr Bürgerbeteiligung und eine stärkere Rolle der Uno.

Die Uno-Fahne schwenkte Rohde auch Mitte März vor der Airbase der amerikanischen Truppen in Frankfurt am Main. Der Diplombiologe wollte damit bewusst für »ein bereits realisiertes Ideal demonstrieren, das gerade zerstört wird«.

Die Clique der Bewegungsstifter war gemeinsam zur Blockade gefahren, und der reiche Haufen nannte sich für den Ausflug auf die raue Straße »Bezugsgruppe« – wie weiland 1968 die Protestgeneration. Sie alle hatten Angst vor Verhaftung, aber alle waren der Ansicht, dass man für seine Überzeugung auch etwas riskieren müsse. Doch dann war Rohde gerade auf der Toilette, als die Beamten eingriffen. So war er der Einzige seiner Gruppe, den die Polizei an diesem Tag nicht mitnahm.

Die Airbase-Blockade haben die Erben mitfinanziert, mit einer im Demo-Geschäft neuartigen Idee, die an die besten Zeiten der New Economy erinnert: mit einem Risikokredit. Sammeln die Aktivisten genug Spenden, bekommen die Finanziers ihren Anteil zurück. Wenn nicht, ist das Kapital weg. Das Blockade-Geld kam tatsächlich zurück, jeder Cent.

Rohde, der gerade an seiner Doktorarbeit sitzt, hat seine Millionen mit 18 Jahren geerbt. Sein Großvater hatte nach dem Krieg ein mittelständisches Unternehmen gegründet, das ordentlich Geld abwirft, mit dem der Enkel sein Studium finanziert und auch seine Wohltaten. Mit 11 war er bereits Förderer des World Wildlife Fund, er hob Teiche für Frösche aus und spendete für Greenpeace. Doch erst bei der Bewegungsstiftung, bei der er in der erweiterten Geschäftsführung sitzt, hat er sich sofort heimisch gefühlt.

»Wenn Spenden schmerzt«, sagt Rohde, nippt an einer Schorle und nickt so heftig, dass das rotblond gewellte Haar wippt, »hat man nicht das Richtige gefunden.« Es sei, als ob er sich etwas gönnte. »Wenn Autofans einen Ferrari kaufen«, glaubt Rohde, der einen alten Golf fährt, »haben sie auch das Gefühl, sie bekommen für ihr Geld etwas Gutes.«

Das heißt nicht, dass für das beruhigende Lebensgefühl jede Kalkulation vergessen würde. Der sparsam erzogene Schwabe Hansen etwa (»Die Kinder unserer Angestellten hatten immer mehr Spielzeug als wir«) hat kühl gerechnet, wie viel seines Vermögens gerade fest angelegt ist, ethisch korrekt natürlich. Er hat berücksichtigt, wann die nächste Ausschüttung ansteht und was er monatlich braucht. Dann hat er in diesem Frühjahr insgesamt 180.000 Euro überwiesen. So viel, wie er gerade flüssig hatte, »ohne mich einzuschränken und arbeiten gehen zu müssen«.

Andere, wie die Hamburger Millionärstochter Susann Haltermann, 52, wollen »erst einmal sehen, was mit meinem Geld passiert«. Haltermann war vor zwei Jahren durch eine Anzeige in der »taz« auf das Projekt aufmerksam geworden. Damals war das nur eine Idee, nach neuen Wegen zur Finanzierung zu suchen. Die frühere Sportlehrerin fuhr in das Attac-Zentrum und hörte sich zwei Tage Vorträge an.

Als der Tagungsleiter, ebenfalls ein Erbe, davon berichtete, wie lange er gebraucht habe, sein Vermögen innerlich anzunehmen, da fühlte sich die Tochter des Industrie-Magnaten Hermann Haltermann zum ersten Mal seit vielen Jahren verstanden: Aus Opposition zu ihrem Erbe, das ihr Vater mit Ölgeschäften erwirtschaftete, hatte sie das reichhaltig bestückte Depot ignoriert und es einem Verwalter überlassen.

Nach der Attac-Tagung ließ sie sich die Unterlagen vorlegen und stieß dabei auf Daimler-Aktien, die der renditeorientierte Verwalter erworben hatte. Haltermann beschloss, alles zu ändern: »Daimler hat mit Rüstung zu tun. In diese Ecke will ich nicht rücken.«

Inzwischen hat die Industriellentochter 50.000 Euro gestiftet, die erste Rate, sie will demnächst noch mehr geben. Und weil wirklich Reiche wirklich wenig zu tun haben und sie früher auch mal eine Eventagentur geleitet hat, hat sie gleich noch die Werbeunterlagen der Bewegungsstiftung neu gestalten lassen.

So ist die Bewegungsstiftung auch so etwas wie eine Bewegungstherapie für die Millionäre, die wie Haltermann sagen: »Ich bin durch die Stiftung politisch viel engagierter geworden.« Percy Rohde verfolgt voller Begeisterung, wie die Gruppe »urgewald« gegen eine Ölpipeline durch Ecuador kämpft und damit den Investoren von der WestLB das Leben schwer macht. Und Frank Hansen hat die Stiftung »bridge« zur Verteidigung der Bürgerrechte im Internet ins Leben gerufen. Wenn Hansen im Herbst heiratet, wird er die Gäste bitten, von Hochzeitsgeschenken Abstand zu nehmen. Stattdessen sollen sie in seine Stiftung einzahlen.

Nur die Blockade der Airbase hat Hansen nicht mitgemacht, obwohl er den Krieg »ganz furchtbar« fand. »Den Schritt hin zum zivilen Ungehorsam habe ich mich einfach noch nicht getraut«, gesteht er, streichelt seine samtgraue Siamkatze namens »Sexy« und lächelt. »Aber das kommt auch noch.«

 

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