Bewegungsstiftung

Ihre Währung ist Vertrauen

OXI, Monatszeitung für Wirtschaft, 2/2018

Kirsten Paul ist gelernte Bankfrau und arbeitet in Verden als Vermögensverwalterin der Bewegungsstiftung.

Von Ulrike Baureithel

Die Stifterinnen und Stifter vertrauen ihr fast blind. Sie strahlt eine Aura von Wärme und Zuversicht aus, die einen sofort für sie einnimmt. Wenn sie spricht, sanft, aber sicher, wendet sie sich offen an ihr Gegenüber. Dass sie einen über den Tisch ziehen könnte, scheint unvorstellbar. „Viele kennen mich gar nicht“, sagt sie von sich selbst, „aber ich muss so eine Ader haben, eine Empathie, dass sich meine Kunden wohlfühlen und wiederkommen.“

Kirsten Paul ist Finanzberaterin, eine Branche, in der man Seriosität erwarten dürfte, aber nicht unbedingt findet. Derzeit ist sie angestellte Vermögensverwalterin bei der im niedersächsischen Verden ansässigen Bewegungsstiftung, die Projekte und politische Initiativen fördert, die sich für gesellschaftliche Veränderung einsetzen. Um dafür Mittel bereitstellen zu können, investiert die als Gemeinschaftsstiftung organisierte Einrichtung ihr Stiftungskapital in ethisch unbedenkliche und nachhaltige Anlagen. Das ist der Job der 48-Jährigen, die seit 2011 in der Bewegungsstiftung tätig ist. Daneben arbeitet sie als freie AnlageHonorarberaterin.

Eigentlich hätte sie Geigerin werden sollen, erzählt sie mir, als ich sie in ihrem großzügigen Haus nahe bei Verden besuche, das sie mit ihrem 18-jährigen Sohn Joschi bewohnt. Ein Überrest aus ihrer Ehe, zumindest damit hatten sich ihre Eltern, die nebenan wohnen, durchsetzen können. Kirsten Paul ist hier geboren, über Bremen und Hamburg hinaus hat sie es in ihrer beruflichen Laufbahn nicht gebracht. Sie schätzt die kurzen Wege, die ihr Lebenszeit schenken, und wohl auch das Vertraute. 

Dass sie statt in Konzertsälen aufzutreten am Bankschalter landete, war„eine Kurzschlusshandlung“, erklärt sie augenzwinkernd. 8 Stunden Üben und die Rückenschmerzen, das sei nichts für sie gewesen. Die Bank winkte mit einem sauberen Job und gutem Geld, „und Zahlen haben mich schon immer interessiert.“

Aber obwohl sie bei der Dresdner Bank, zu der sie nach ihrer Ausbildung wechselte, allmählich die Karriereleiter emporkletterte und die Vielseitigkeit der Kundenberatung ihrem „Händchen“ für Menschen und ihrer fachlichen Kompetenz entgegenkam, war sie bald ziemlich genervt. Die Dresdner Bank war damals Vorreiterin des provisionsorientierten Verkaufens: „Wir haben unsere Zielwertlisten bekommen, in denen stand, wie viele Kredite, Lebensversicherungen, Bausparverträge und Investmentfonds wir im Jahr an den Kunden bringen müssen.“

Das wäre der Menschenfischerin auch leicht gefallen, doch sie fühlte sich immer unwohler. „Ich sollte den Leuten Produkte aufschwatzen, die für sie nicht sinnvoll sind oder die sie gar nicht verstehen. Der alten Dame etwa, der ich immer festverzinsliche Wertpapiere verkauft hatte, sollte ich auf einmal Investmentfonds andrehen. Das habe ich nicht gemacht.“ Sie bekam zwar keinen Ärger, weil sie ihr Soll irgendwie doch erfüllt hat, aber immer mehr Bauchschmerzen. Also hat sie erst einmal geheiratet, ein Kind bekommen und sich ins Privatleben zurückgezogen. „Mir war aber klar, dass ich so nicht mehr arbeiten möchte.“

Kirsten Paul ist, wenn man so will, eine Wertkonservative unter den Bankern. Was sie macht, muss Hand und Fuß haben, und sie will dahinter stehen. Mit Politik hatte sie wenig am Hut, in Verden war sie eine Zeitlang sogar mal in einem Charity-Verein, eine Art weiblicher Ableger der Rotarier, doch da ist sie wieder ausgestiegen, die Höhere-Töchter-Atmosphäre hat ihr nicht behagt. Aber anecken will die freundliche und zugwandte Frau eigentlich nicht, sie ist es gewohnt, gemocht zu werden. Zwischen all den politisch Bewegten und Engagierten in der Stiftung ist sie eher eine Exotin.

Während ihrer Ehe etablierte sie sich langsam als Honorarberaterin für, private strategische Finanzplanung und -begleitungVermögensberatung und Nachfolgegestaltun. Mit 400.000 bis 500.000 freien Finanzvermittlern weist Deutschland die höchste Vermittlungsdichte Europas auf, die Konkurrenz war also groß. Doch als Unabhängige konnte sie ihren Kunden ohne Rücksicht auf Bankinteressen zur Seite stehen. Sie bildete sich weiter, absolvierte neben Haushalt und Kind noch ein Studium zur Finanzplanerin. „Aber das Zertifizierungssystem ist mittlerweile eine Art Gelddruckmaschine geworden“, sagt sie. „Für alles und jedes benötigt man einen Schein, man muss sich immer neu zertifizieren lassen, und das kostet viel Geld.“ Das hat inzwischen dazu geführt, dass fast nur noch Banken, große Versicherungen oder Beratungsgesellschaften das Geschäft unter sich aufteilen.

Dem wollte sich Kirsten Paul nicht aussetzen. Sie holte sich einen einfachen Gewerbeschein und ließ sich als Finanzberaterin nieder. Und es lief. Die Kunden kamen, vertrauten ihr. „Wenn ich die Leute erst mal hier habe, kommen sie wieder, auch nach Jahren.“ Ihr Kapital ist ihr Wissen, ihre Währung Vertrauen. Das ging gut, solange ihr Mann als Vollverdiener für das Haushaltseinkommen sorgte. Nach der Trennung 2009 wurde Paul aber klar, dass sie von Honorarberatung alleine nicht würde leben können.

„Irgendetwas mit Stiftung“ konnte sie sich damals schon vorstellen, es sollte jedoch noch zwei Jahre dauern, bis sie zufällig auf die Ausschreibung der Bewegungsstiftung stieß, deren Gründung sie 2002 mitverfolgt hatte. Ethische und nachhaltige Geldanlagen gehörten damals noch nicht unbedingt zu ihrem Kerngeschäft, trotzdem bewarb sie sich mit einem Anlageplan für das Portfolio der Stiftung, überzeugte und hatte das Gefühl: Endlich kann ich mit meinem allgemeinen Bankwissen etwas Sinnvolles anfangen und Gutes tun.

Wenn Kirsten Paul auf ihre Tätigkeit in der Stiftung zu sprechen kommt, redet sie nicht wie eine Bankerin, sondern wie die engagierte Patin eines Schutzbefohlenen. Im Gegensatz zur Bank, nach deren Benchmarking-Richtlinien sie zu folgen hatte, empfindet sie die für sie verpflichtende stiftungsinterne Zielsetzung nicht als Bürde. Völlig klar ist, dass sie keine Anlagen tätigen darf, die irgendwie mit Rüstung, Atomstrom, Kohle oder Gentechnik zu tun hat oder in Unternehmen, die gegen die Menschenrechte verstoßen oder in Ländern tätig ist, die Kinderarbeit erlaubt und vieles mehr. Die Liste ist lang. Das wird ziemlich streng gehandhabt, auch wenn nicht bei jedem Fonds transparent ist, ob es nicht irgendwo ein Tochterunternehmen gibt, dessen Tätigkeit mit den Richtlinien der Stiftung nicht vereinbar ist.

Ein Großteil ihrer Zeit benötigt sie, um den Markt nach geeigneten Produkten zu sichten und diese entsprechend zu bewerten. „Da bin ich wirklich gestaltend tätig, ich bin der Filter“, sagt sie. Ihre Exposés werden dann Anlagenausschuss – das Gremium in der Stiftung, das sich mit den Finanzanlagen befasst – vorgelegt und diskutiert. Je nachdem, wie dessen Urteil ausfällt, entscheidet am Ende der Stiftungsrat.

Das hört sich einfacher an als es ist. Denn auch die Stiftung bleibt von den Auswirkungen der Niedrigzinsphase nicht verschont. „Es wird zunehmend schwieriger, überhaupt noch einen anständigen Zinsertrag zu erwirtschaften, ohne zu sehr ins Risiko zu gehen“, stellt die Fachfrau fest. Die Stiftung ist vorsichtig, noch immer steckt die Hälfte des Kapitals in sicherem Festgeld bei Ethik- und Umweltbanken. Früher wurden im Stiftungsbereich sogar mindestens 70 Prozent des Kapitals festverzinslich angelegt, das ist heute nicht mehr möglich. Aber laut Stiftungsgesetz muss die Förderung aus den Erträgen finanziert werden, der Kapitalstock bleibt unangetastet.

Die Finanzfrau hat aus dieser Not eine Tugend gemacht, denn sie glaubt nicht, wie oft kolportiert wird, dass ethische Anlagen mit mehr Risiko behaftet sind. Seit Längerem sucht sie nicht mehr vorrangig Aktienfonds, sondern fahndet nach anderen Feldern, in denen man nachhaltig investieren kann: Zunächst waren es Fair-Trade-Unternehmen, dann kam sie auf Wohngenossenschaften und die Landwirtschaft. Das bedeutet zwar mehr Risiko, weil das angelegte Kapital unter Umständen auch ausfallen kann, hat aber den Vorteil, mit dem Geld Wohnprojekten oder landwirtschaftlichen Genossenschaften, die eine alternative Lebens- und Wirtschaftsform realisieren wollen, unter die Arme greifen zu können: „Manchmal ermöglichen wir diese Projekte überhaupt erst durch unsere Beteiligung.“

Die Beteiligungsformen können ganz unterschiedlich sein: Paul vergibt Kredite, an GEPA, das älteste Fair-Trade, oder Wohnprojekte wie „InWoLe“ in Potsdam „Fritze“ in Frankfurt, „Collage“ in Freiburg oder die Allmende Wulfsdorf bei Hamburg. Manchmal wird die Stiftung aber auch direkt Genossin wie bei BürgerEnergie Berlin oder dem bekannten gemeindeeigenen Energieunternehmen in Schönau im Schwarzwald. Gerne würde Paul auch in soziale Einrichtungen anlegen, in ein Wohnheim für psychisch Kranke, Demenzkranke oder Wohnungslose etwa, Ideen hat sie selbst oder sie kommen aus der Stiftungsgemeinschaft: „Aber wenn ich da Rendite haben will, geht das auf Kosten der Angestellten und der Bewohner. Das will ich nicht.“

Zu den Aufgaben der Vermögensverwalterin gehört auch der enge Kontakt zu den Einrichtungen. Das ist zwar zeitaufwändig, macht ihr aber auch viel Spaß. Großen Wert legt die Stiftung darauf, ihre Anlagen transparent zu machen, alle Anlagen sind auf der Homepage aufgelistet, mit „pädagogischem“ Impetus zur Veränderung: „Ich würde mir wünschen“, sagt Paul, „dass viele Leute sich das Portfolio der Bewegungsstiftung anschauen und vielleicht Anregungen mitnehmen für ihre eigenen Investments.“

Kirsten Paul hat in der Stiftung nicht nur viel gelernt über sinnvolle Geldanlagen, sie hat sich selbst auch verändert. Während unseres Gesprächs läuft sie weg, sucht ein paar Bücher über alternative Lebensführung, regt sich über die inzwischen horrenden Immobilienpreise in Verden auf und die „Blase“, die unweigerlich folgen muss. „Früher war das Eigenheim Vorsorge fürs Alter“, sagt sie, aber für die kommende Generation ist das kaum noch finanzierbar. Noch weniger hat sie für „Renditejäger“ übrig: „Wenn jemand bei mir ankommt und will vier oder fünf Prozent Zinsen, da habe ich ein Problem. Ich verstehe nicht, dass die Leute, die ohnehin schon haben, immer mehr haben wollen. Das muss doch irgendwo herkommen, das geht doch zu Lasten der Menschen, die arbeiten, zu Lasten der Natur. Da muss ein anderer Ansatz her.“

Die Bewegungsstiftung ist für sie der Keim dieses anderen Ansatzes. Beim so genannten „Mission Investing“, beim Investment in ethische Geldanlagen, war sie Vorreiterin, „Impulsgeber“, so Paul. Mittlerweile tummeln sich jedoch auch Konkurrenten auf dem Markt, und selbst Großkonzerne werden entweder von ihren Aktionären und von ihren Ratingagenturen angehalten, nach der CSR-Richtlinie Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen und ihr Geschäftsgebaren transparenter zu machen. Die DZ Bank hat kürzlich sogar angekündigt, aus der Finanzierung von Kohle auszusteigen, Thyssen zieht sich von der U-Boot-Produktion zurück.

Paul sieht das kritisch. „Es wäre ja wünschenswert, wenn das ein nachhaltiger Trend wäre. Es gibt sicher entsprechende Investment-Initiativen, die hier etwas bewirken werden, dennoch glaube ich, dass das bei den großen Unternehmen eher der Imagepflege dient als aus Überzeugung passiert. Woher wissen wir, dass sich ein Unternehmen nicht aus einem Bereich zurückzieht und dafür eine Tochtergesellschaft dieses Geschäft betreibt?“ Sie kann sich jedenfalls nicht vorstellen, irgendwann einmal bei Thyssen oder bei der Deutschen Bank zu investieren.

Und wo sieht sich Kirsten Paul in zehn Jahren? Immer noch im Umfeld der Stiftung, gesteht sie. Sie kann sich aber auch vorstellen, größere Kapitaleigner zu beraten oder ihnen beim Aufbau einer Stiftung zu helfen. Die Entscheidungsprozesse in der Bewegungsstiftung sind kompliziert und langwierig, das ist für ihre Arbeit manchmal auch hinderlich. Sie denke heute politischer als früher. Aber demonstrieren geht Kirsten Paul noch immer nicht.

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