Die Macht der Spender

nd, 19.09.2020

Von Lisa Ecke

Demonstrationen für Umverteilung finden wohl ohne Vermögende statt.

Die Ungleichheit war in der Bundesrepublik nie höher als derzeit: 50 Prozent der Gesellschaft teilen sich nur 1,4 Prozent des Vermögens, während die reichsten zehn Prozent zwei Drittel des Vermögens besitzen. Das bundesweite Bündnis »Wer hat, der gibt« will das ändern und ruft für Samstag in mehreren Städten zu Demonstrationen auf. Anlass sind dem Aufruf zufolge »die erwartbaren ökonomischen Folgen der Coronakrise und die möglichen sozialen Zerwürfnisse«. Das Bündnis fordert unter anderem die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die effektive Besteuerung großer Erbschaften und eine einmalige Vermögensabgabe für Millionär*innen. »Es kann nicht sein, dass darüber diskutiert wird, den Mindestlohn zu senken oder die Sozialausgaben zu kürzen, wenn gleichzeitig Vermögen im Überfluss vorhanden ist«, sagt Bündnissprecher Ansgar Ridder.

Ulrike Bock hat Firmenanteile geerbt und die Bewegungsstiftung, die soziale Bewegungen unterstützt, mitgegründet. Sie tritt ebenfalls für eine Vermögens- und eine Erbschaftssteuer ein. Zwar würden viele Reiche Geld spenden, »aber das ändert nichts am System«, so Bock. »Die spendenden Leute haben eine unglaubliche Macht, weil genau das, was sie fördern wollen, gefördert wird.« Dadurch würden Machtverhältnisse zementiert. »Es kann nicht sein, dass staatliche Aufgaben durch private Spenden erfüllt werden. «Trotz ihrer Ansichten kritisiert sie die Website von »Wer hat, der gibt«. Sie hält die Zuspitzung auf Millionär*innen für falsch:»Es gibt sehr viele wohlhabende Menschen in Deutschland, die nicht unter die Gruppe der Millionäre fallen. Die aber trotzdem mehr geben können.« Sie selber bezeichnet sich ebenfalls nicht als Millionärin und ist ent-täuscht, dass das Bündnis auf der Website schreibt, sie würden keine Reichen kennen. Bock findet die Aussage ignorant, da es Organisationen gebe, in der Vermögende versuchen würden, progressive Anliegen voranzubringen. Diese seien vom Bündnis nicht kontaktiert wurden.

Lena Karski von »Wer hat, der gibt« erklärt hingegen, es sei schwierig, Reiche zufinden, weshalb das Bündnis nur wenigen eine persönliche Einladung zustellen konnte. In Hamburg und Berlin soll es zwar einen extra Demo-Bock für Vermögende geben. »Leider haben uns allerdings keine Rückmeldungen von Millionär*innen oder Milliar-där*innen erreicht«, so Karski. Auch Bock räumt ein, dass für viele Reiche das Outen ein Problem sei: »In Deutschland ist es nicht so positiv, offen zu zeigen, dass man viel Geld hat. Dieses an die Öffentlichkeit treten gehört nicht zum guten Ton.« Die Bündnisforderungen lehnt sie trotz ihrer Kritik nicht ab, sondern ergänzt sie mit weiteren Anliegen:»Es ist ja tatsächlich so, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben. Oft sind reiche privat versichert und fallen dadurch aus dem Solidarsystem raus, was total absurd ist.« Sie werde täglich mit den Gegensätzen und mit der Armut konfrontiert. Sie lebe nicht abgeschottet, sondern im Bahnhofviertel, wo nebenan die »Obdachlosen wohnen«. Die meisten Vermögenden würden »wie die Mittelschicht« leben. Oder sie denken das zumindest.

Dass in Deutschland nicht über das eigene Vermögen gesprochen werden soll, hat Stefanie Bremer selbst erfahren. Die Millionärin gehört zu den obersten fünf Prozent der reichsten Menschen in Deutschland. Sie ist Erbin, hält Firmenanteile am Familienunternehmen. Eigentlich heißt sie anders, sie hat verschiedene offene Briefe unterschrieben, in denen sie beispielsweise eine Vermögenssteuer gefordert hat. In der Vergangenheit gab sie zu dem Thema auch Interviews unter ihrem Klarnamen, bekam aber prompt negative Reaktionen von ihrer Familie: »Größenteils wollen sie damit nichts zu tun haben, sich darüber nicht unterhalten.« Sie wollen von Bekannten nicht als Reiche erkannt und nicht auf ihr Geld angesprochen werden.

»Es ist halt bei uns irgendwie eine Maxime, dass man Geld behält und dass man darüber nicht redet«, stellt Bremer fest. Zwar glaubt sie, dass sich viele Vermögende bewusst über die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft seien, aber wenn es um eine Vermögensbesteuerung geht, würden doch viele lieber an ihrem Geld festhalten. Sich Gedanken um eine staatliche Regulierung zu machen, bedeute auch mehr Aufwand als etwa zu Spenden. »Man muss einfach einen Scheck schreiben und dann meinetwegen noch eine Pressemitteilung rausgeben. Nachdem Motto: Seht her, ich habe Geld gespendet, lobt mich, ich bin toll«, stellt Bremer fest. Sie hat kaum Kontakt zu Armen oder von Armut bedrohten Menschen, betont aber, dass ihr bewusst sei, dass sie weniger Wissen darüber habe, was ihnen fehlt, was ihnen guttut: »Dann bin ich vielleicht auch manchmal überheblich oder naiv.« Sie sieht nicht nur den Reichtum an sich als Problem, sondern auch die Privilegien und die damit verbundene Macht. »Diese Machtstrukturen muss man irgendwie aufbrechen«, so die Millionärin. Es sei zudem wichtig, eine Verbindung zwischen den sehr reichen und dem Rest der Gesellschaft herzustellen.

»Es gibt Reiche, die ihren Beitrag leisten wollen – und das begrüßen wir«, sagt Karskivon »Wer hat, der gibt«. »Gleichzeitig wollen wir aber auch klarstellen, dass die Mehrheit der Reichen kein Interesse daran hat, etwas abzugeben.« Seit jeher werde von ihnen dafür lobbyiert, dass die Klassengesellschaft so bestehen bleibe, wie sie ist. Deshalb ist Karski der Meinung: »Soziale Verantwortung muss von unten erzwungen werden.«

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