Was ist uns Essen wert?

Frankfurter Rundschau, 21.12.2020

Von Wiebke Johanning

Eine nachhaltige Landwirtschaft erreichen wir nicht durch Geschenke der Discounter oder eine freiwillige Konsumänderung, sondern nur durch Gesetze und einen politischen Kurswechsel. 

Beim Weihnachtsessen wird nicht gespart. Das wissen auch die Discounter und nehmen hochpreisige Produkte wie Weihnachtsgans, Schweinefilet, Eistorte und belgische Pralinen ins Programm. Die Bäuerinnen und Bauern, die für uns die Lebensmittel herstellen, profitieren nicht von der Konsumlaune. Im Gegenteil. Durch Corona-Krise und Schweinepest sind Absatzmärkte weggebrochen. Die Weltmarktpreise sinken und damit auch die Erlöse. Für viele Landwirt:innen, die Kredite aufgenommen und ihre Betriebe vergrößert haben, steht die Existenz auf dem Spiel. 

In ihrer Not blockierten sie die Lager von Aldi, Rewe und Lidl, die sie für den Preisdruck verantwortlich machen und die im Corona-Jahr überdurchschnittliche Gewinne eingefahren haben. Der Protest zeigt Wirkung. Handel und Politik sind sich auf einmal einig: Die Erzeuger:innen müssen besser bezahlt werden. Nun unterstützt der Handel sogar die Forderung der Landwirt:innen nach einem Sofort-Hilfsfonds. Klingt nach einem Weihnachtsmärchen.

Doch die Bäuerinnen und Bauern sollten sich von warmen Worten und Almosen nicht einwickeln lassen. Ihnen hilft nur ein Systemwechsel. Wir müssen weg von einer hochsubventionierten Agrarpolitik, die den Landwirt:innen predigt, sie müssten ständig wachsen und für den Weltmarkt Milch und Fleisch produzieren, auf Kosten von Klima, Umwelt, Tier- und Menschenwohl. Einer Agrarpolitik, die sie dann den Schwankungen dieses Weltmarkts ausliefert. Stattdessen müssen wir hin zu einer bäuerlichen, nachhaltigen Landwirtschaft mit flächengebundener Tierhaltung, die für den regionalen Markt produziert, Erzeuger:innen faire Preise zusichert und Landschaft und Insekten schützt.

Dieses Ziel erreicht man nicht durch Geschenke der Discounter oder freiwillige Konsumänderung, sondern nur durch Gesetze und einen politischen Kurswechsel. Um dafür Druck zu machen, braucht es den Schulterschluss von Landwirt:innen und Verbraucher:innen. Nächste Gelegenheit: Mitte Januar bei der „Wir-haben-Agrarindustrie-satt-Demo“ in Berlin. An der sollen diesmal wegen Corona zwar nur Menschen aus der Region teilnehmen. Alle anderen können aber mit den Füßen gegen Höfesterben und Tierfabriken abstimmen. Wie das geht? Einfach einen Fußabdruck schicken, der dann vor dem Kanzleramt ausgelegt wird. Also: Raus aus den Pantoffeln und rein in die Farbe, wenn das Weihnachtsessen verspeist ist!

 

https://www.fr.de/wirtschaft/gastwirtschaft/was-ist-uns-essen-wert-90148109.html

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