Bewegungsstiftung

Die stille Macht

Frankfurter Rundschau, 1. Oktober 2016

Wie Stiftungen mit ihrer Geldanlage Großes für den Klimaschutz bewirken könnten - wenn sie nur wollten

Von Matthias Fiedler

Am 1. Oktober ist es wieder soweit: Es werden Preise verliehen, Schecks übergeben, Info-Stände aufgebaut und Spendenläufe veranstaltet. Am Tag der Stiftungen stellen diese sich und ihre Förderarbeit vor. Frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Interessant ist, worüber eher selten geredet wird: das Vermögen der Stiftungen und wie damit gewirtschaftet wird. Nach deutschem Stiftungsrecht dürfen Stiftungen nur aus den Erlösen ihres angelegten Kapitals fördern. Das Vermögen selbst muss erhalten bleiben und wird dadurch zu einem mächtigen Werkzeug in den Händen der Verantwortlichen. Aber... die wenigsten nutzen es.

Das zeigt das Beispiel Klimaschutz. Deutschlands Stiftungen verwalten die atemberaubende Summe von 100 Milliarden Euro. Würden alle aus Investments in klimaschädliche Kohle, Öl und Gas aussteigen und stattdessen in zukunftsfähige Technologien und erneuerbare Energien investieren, wäre das ein starkes und wirkungsvolles Signal an den Kapitalmarkt. Und es wäre ein wichtiger Appell an die Politik, die Beschlüsse des Pariser Klimaschutz-Abkommens tatsächlich umzusetzen. Wichtig auch deshalb, weil er aus einem Land käme, in dem trotz Energiewende die CO2-Emissionen weiter steigen und vier der fünf schmutzigsten Kohlekraftwerke Europas stehen.

In den USA werden Stiftungen zu Impulsgebern - in Deutschland nicht

Doch der Großteil der Stiftungen in Deutschland verschläft die Debatte über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, die vor allem in den USA bereits Wirkung zeigt. Dort haben sich etwa die Stanford-Universität, die Rockefeller-Stiftung und viele Prominente wie Leonardo DiCaprio zum Divestment bekannt. Divestment meint den Abzug von Kapital aus Unternehmen der fossilen Brennstoff-Branche und das Investment in Erneuerbare Energien. Bisher haben über 500 institutionelle und zehntausende private Investoren im Rahmen der internationalen Divest-Invest-Kampagne ein solches Versprechen abgegeben, was derzeit eine Gesamtsumme von etwa drei Billionen Euro ausmacht. In den USA werden Stiftungen auf diese Weise tatsächlich zu Impuls- und Ideengebern für gesellschaftlichen Fortschritt – eine Rolle, die auch deutsche Stiftungen immer wieder für sich reklamieren. Doch hierzulande haben sich bisher ganze zwei Stiftungen dieser Kampagne öffentlich angeschlossen.

Kohle, Öl und Gas werden zur riskanten Anlage

Dieses Desinteresse verwundert auch deshalb, weil Stiftungen schon aus purem Eigennutz ihr Geld aus Kohle, Öl und Gas abziehen sollten. Wenn die Politik ihr erklärtes Ziel weiter verfolgt, die globale Erwärmung unter zwei Grad zu begrenzen, muss ein Großteil der bekannten fossilen Energieressourcen im Erdboden verbleiben. Und dann verlieren Unternehmen dieser Branche massiv an Wert und werden zur riskanten Anlage – auch für Stiftungen. Dass dies nicht nur Rechenbeispiele sind, zeigt der Wertverlust von Energieunternehmen wie Eon oder RWE. Aus Sorge vor einer Kohlenstoffblase haben sich in den letzten Jahren schon der Norwegische Pensionsfonds und die Versicherungskonzerne Axa und Allianz zum Divestment entschlossen.

Natürlich müssen Stiftungen nicht lautstark und als Teil der Divest-Invest-Kampagne aus Kohle, Öl und Gas aussteigen. Sie können auch einen stillen und langsamen Rückzug antreten. So wie die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). Sie ist mit einem Vermögen von 2,1 Milliarden Euro eine der größten Stiftungen in Europa und hat vor einigen Wochen ihren Ausstieg aus Kohle-Investments bekannt gegeben. Aus Gas- und Öl-Investments will die DBU vorerst nicht aussteigen. Auch wenn das nicht der konsequente Ausstieg ist, der von der Divest-Invest-Kampagne gefordert wird und auch wenn die einflussreiche Stiftung mit ihrem leisen Ausstieg auf eine mögliche Signalwirkung verzichtet: Es sind erste Schritte in die richtige Richtung.

Wichtig wird jetzt die Diskussion, wie das abgezogene Geld eine doppelte Wirkung erzielen kann, indem es eben nicht in irgendwas, sondern konsequent in den Ausbau einer globalen Energiewende investiert wird. Wie das gut gelingen kann? Da steht die Debatte noch am Anfang und muss deutlich Fahrt aufnehmen. Stiftungen, mit ihrem gesellschaftlichen Auftrag und ihren Zugängen zur Öffentlichkeit, könnten und sollten hier eine wichtige Rolle spielen!

Stiftungen zu mehr Transparenz verpflichten

Doch damit diese Debatte überhaupt geführt werden kann, brauchen wir mehr Transparenz. Niemand weiß, wie viel Stiftungsgeld zurzeit in Kohle-, Gas- und Erdöl-Investitionen stecken. Denn Stiftungen müssen in Deutschland ihre Geldanlage ebenso wenig öffentlich machen wie ihre übrigen Geschäftszahlen. Diese werden zwar von der Stiftungsaufsicht und dem Finanzamt überprüft, eine Auskunftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit gibt es allerdings nicht. Dabei wären die Steuervergünstigungen, die Stiftungen genießen und ihr großer gesellschaftlicher Einfluss, gute Argumente, diese zu mehr Transparenz zu verpflichten.

Erst wenn die Öffentlichkeit überprüfen kann, wo Stiftungen ihr Geld anlegen und diese bei klimaschädlichen Investments um ihre Reputation fürchten müssten, werden mehr aus diesen aussteigen und in nachhaltige Geldanlagen investieren.
So lange Stiftungen dazu nicht verpflichtet sind, so lange hilft nur kritisches Nachfragen: Schön, dass ihr so viel Gutes tut. Aber sagt mal: Wie haltet ihr es mit eurer Geldanlage?

Matthias Fiedler ist Geschäftsführer der Bewegungsstiftung, die soziale Bewegungen für Ökologie, Frieden und Menschenrechte fördert.

 

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00