Bewegungsstiftung

"Wir haben es geschafft, Feminismus cool werden zu lassen"

Pinkstinks-Geschäftsführerin Stevie Schmiedel über das geplante Gesetz gegen sexistische Werbung, rechte Strömungen im Feminismus und das Glück, Teil der Bewegungsstiftung zu sein

Stevie Schmiedel hat Pinkstinks gegründet. Foto: Yvonne Schmedemann

Pinkstinks ist seit 2013 Basisförderprojekt der Bewegungsstiftung. Was waren aus deiner Sicht eure größten Entwicklungsschritte in dieser Zeit?
Zu unseren größten politischen Erfolgen zählt, denke ich, dass wir es geschafft haben, Feminismus cool werden zu lassen und das hauptsächlich durch unsere Pressepräsenz. Wir hatten auch einzelne Erfolge, zum Beispiel, dass wir 2013 die Werbeveranstaltung Barbie-Dreamhouse aus Deutschland vertrieben haben, die erste Demo gegen sexistische Werbung veranstaltet haben mit über 1.000 Leuten in Berlin und das wir mittlerweile die Meldestelle für sexistische Werbung in Deutschland geworden sind. Das sind auf jeden Fall Meilensteine, die man nennen kann.“

Welche Rolle hat dabei die Förderung durch die Bewegungsstiftung gespielt?
„Dadurch, dass wir eine Fundraisingstelle finanziert bekommen haben, wurden wir professionalisiert. Da hatten wir das Gefühl, das wir jetzt wachsen und planen können. Pinksstinks ist ja erst im Oktober 2012 gegründet worden und wir hatten 2013 schon so viel Presse, das alle dachten, wir hätten eine ganze Fabriketage voller Leute. Das Ganze fand aber nur zu zweit in meinem Wohnzimmer statt. Da war der Umzug in ein Büro schon ein Riesen-Entlastung.Das Wichtigste neben dem Finanziellen war aber die Beratung der anderen Projekte im Stiftungsnetzwerk zu Organisationsstruktur, Fundraising, Datenbanken und zur Einbindung von Ehrenamtlichen. Es ging also um die Frage: Wie managt man eine kleine Organisation? In den ersten Jahren habe ich ständig gegenüber der Presse erwähnt: Teil der Bewegungsstiftung zu sein, ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, weil man kostenlos unglaublich gute Tipps bekommt.

"Wir wollen Frauen mit Volumen." Anfang 2016 hat Pinkstinks eine eigene Plus-Size-Modenschau organisiert. Foto: Pinkstinks

Im Frühjahr hat SPD-Justizminister Heiko Maas bekannt gegeben, dass er ein Gesetz gegen sexistische Werbung plant – ein Projekt, das ihr auf den Weg gebracht habt. Wie habt ihr es geschafft, in wenigen Jahren politisch so viel Gehör zu finden?
Erstmal muss man sagen: Das Ganze geht nur, wenn man über seine Grenzen geht. Wir waren ja lange eine Organisation mit zwei Menschen und ich habe weit über 60 Stunden die Woche gearbeitet, mit zwei Kindern zu Hause und Familie. Das war irre anstrengend. Aber dadurch ist es uns gelungen, in der Presse präsent zu sein, uns in viele Debatten einzumischen und Pinkstinks zu einer Organisation zu machen, von der man ständig spricht. Ich denke, ohne diese Präsenz hätte uns die SPD nicht so wahrgenommen. Hinzu kam das Glück mit Berit Völzmann zu arbeiten, die zu genau unserem Thema eine Doktorarbeit geschrieben hatte, die den deutschen Juristinnenpreis gewonnen hatte. Sie brachte die passende Gesetzesnorm zu unserer Forderung mit und die Kriterien, was Sexismus in der Werbung eigentlich ist.

In manchen Medien gab es den Vorwurf, ihr wärt sexfeindliche FeministInnen und wolltet Nacktheit in der Werbung verbieten.
Meine Antwort darauf ist: Wir wollen genau das Gegenteil! Wir wollen viel mehr Sex in der Werbung – also viel mehr vielfältige Sexualität, mehr Körper, größere Größen, Frauen mit Volumen. Und das andere ist: Nacktheit kann diskriminierend sein, muss sie aber nicht. Es gibt genug Produkte, bei denen es überhaupt kein Problem ist, sie an der nackten Haut zu bewerben, zum Beispiel Dessous und Bikinis. Wir haben aber ein Problem mit Werbung gerade im mittelständischen Bereich, wo die halbnackte sexualisierte Frau neben dem Autoreifen oder dem Hundefutter abgebildet wird. Es ist diese Beliebigkeit, einfach irgendein Produkt neben eine halbnackte Frau zu stellen, damit es verkauft werden kann, die wir anprangern.

Wie geht es mit dem Gesetzentwurf weiter?

Wahrscheinlich geht das Ganze noch vor der Sommerpause in die Ressortabstimmung. Mit viel Glück kann es eine Entscheidung vor der Sommerpause geben. Wir sind gespannt. Die CDU wird ziemlich sicher dagegen angehen, weil sie der Meinung ist, dass das Gesetz die Marktfreiheit und die Kreativität der Werbung einschränkt. Das ist natürlich Quatsch. Norwegen hat so ein Gesetz schon lange und die Werbelandschaft dort ist nicht langweilig geworden. Als Kompromiss könnte herauskommen, dass der Werberat Sanktionsrechte erhalten wird, um wirklich gegen sexistische Werbung vorgehen zu können.

Pinkstinks hat mittlerweile vier MitarbeiterInnen im Büro. Illustration: Pinkstinks

Zurück zu euch als Organisation. Wie muss man sich einen normalen Arbeitstag im Pinkstinks-Büro vorstellen?
Wir sind vier Mitarbeiter im Büro, die in drei Bereichen arbeiten. Wir machen Theaterarbeit an Schulen, wenden uns an die Politik und organisieren Gespräche und machen Online-Aktivismus – das heißt wir organisieren Online-Kampagnen, bloggen und drehen Youtube-Filme, um die 12 bis 16-Jährigen abzuholen. Morgen zum Beispiel haben kommt die Schauspielerin, die wir für unser Youtube-Filme engagiert haben, für zwei Stunden Dreh vorbei. Gleichzeitig ist der Deutschlandfunk da. Es kommt ein Rapperin, die uns toll findet und was mit uns machen will. Also... es ist viel Gewusel und es ist sehr viel Arbeit für viel zu wenig Personen. Wir hoffen, dass wir weiter wachsen können, um mich als komplett Ehrenamtliche auch mal ersetzen zu können.

Ihr äußert euch auch zu vielen anderen Themen – von Erziehung und Homphobie bis hin zu sexueller Belästigung und Rassismus. Habt ihr manchmal das Gefühl, an zu vielen Fronten zu kämpfen?
Ganz professionell wäre es sicherlich, nur bei unserem Schwerpunkt zu bleiben. Aber wir haben gerade das Gefühl, wenn Rechtspopulismus den Feminismus vereinnahmt, können wir einfach nicht die Klappe halten. Auf einmal schreien alle: Beschützt die deutsche Frau, die vor kurzem noch geschrien haben: Dann mach doch deine Bluse zu! Wir können mit einem Blog-Eintrag 100.000 Leute erreichen und können das nicht ungenutzt lassen, um auch den Emma-Feminismus, der jetzt so populär ist und Frau Schwarzer in die Schranken zu weisen.

Wenn du dir was wünschen dürftest – wo steht Pinkstinks 2020?
Oh, 2020 haben wir sehr viel mehr Geld als jetzt. Ich bin mehr im Hintergrund, betreue noch Kampagnen und gebe den Weg mit vor, aber mache nicht in allen Bereichen aktiv mit. Wir haben professionelles Fundraising. Wir haben ein, zwei mehr Stellen und wir haben genug Geld für eigene Produktionen. Wir haben dieses Jahr im Februar ein wunderbares Hip-Hop-Konzert in Berlin gemacht mit einer Plus-Size-Modenschau. Davon wünsche ich mir viel mehr, um den Mainstream zu füttern mit neuen Bildern von vielfältiger Schönheit.

Über uns

Die Bewegungsstiftung fördert soziale Bewegungen mit Zuschüssen und Beratung.

Fordern Sie Ihr kostenloses Info-Paket an! Oder erfahren Sie mehr in unserem Film.

Newsletter


Wir informieren Sie regelmäßig datenschutzkonform über die Arbeit der Stiftung.

Facebook Icon (by Dan Leech) Besuchen Sie uns
bei Facebook

(Wir empfehlen, aus Datenschutzgründen Facebook stets in einem gesonderten Browser zu nutzen.)

Twitter Icon (by Dan Leech) Folgen Sie uns
bei Twitter

Jetzt Stifter*in werden! Protestbewegungen stärken 
und Teil des Netzwerks
werden!

Protest direkt unterstützen!
Mit einer Spende
in den Fördertopf 

Engagement möglich machen! Werden Sie Pat*in einer Bewegungsarbeiter*in.
Ab 10 Euro im Monat

Sie wollen die Welt verändern?
Wir unterstützen Sie mit Geld
und Beratung! Alle Infos finden Sie hier

Bewegungsstiftung
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
info@bewegungsstiftung.de
PGP-Schlüssel
Telefon: 04231 - 957 540
Fax: 04231 - 957 541
Twitter: @bstiftung

Konto
Nr.: 46 314 400 | BLZ: 430 609 67 
GLS Gemeinschaftsbank
BIC: GENODEM1GLS 
IBAN:
DE56 4306 0967 0046 3144 00