Bewegungsstiftung

"Wir wollen Mut machen, sich für Arbeitsrechte einzusetzen"

Interview mit Jessica Reisner von dem Verein "aktion./.arbeitsunrecht" zu der von uns geförderten Kampagne "Putzfrauen-Power"

Jessica Reisner vom Verein aktion./.arbeitsunrecht. Foto: Privat

Mit eurer Kampagne „Putzfrauen-Power“ prangert ihr die miesen Arbeitsbedingungen von Reinigungskräften in vielen Hotels an. Wie sehen die aus?

Jessica Reisner: „Im Reinigungsgewerbe ist es mittlerweile üblich, für Sub-Unternehmen zu arbeiten. Oft gibt es lange Probezeiten von bis zu sechs Monaten. In der Hoffnung auf eine Übernahme nehmen viele die schlechten Arbeitbsbedingungen hin, machen klaglos Überstunden und mucken auch nicht auf, wenn die Lohnabrechnung nicht stimmt.
Hinzu kommt eine starke Arbeitsverdichtung. Die Beschäftigten bekommen Zeitvorgaben für Zimmer, Flure und ganze Etagen, die sie nicht einhalten können. Deshalb versuchen wir die betroffenen Reinigungskräfte in Hotels zu erreichen. In der Branche arbeiten viele Migrant_innen, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse und fehlender Rechtssicherheit Auseinandersetzungen scheuen. Wir wollen ihnen Mut machen, sich für ihre Arbeitsrechte einzusetzen. Unser Hauptziel ist, dass die Reinigungskräfte wieder von den Hotels selbst beschäftigt werden. Denn es braucht Kontrollen, etwa durch starke Betriebsräte, damit der branchenübliche Mindestlohn nicht durch unrealistische Zeitvorgaben ausgehebelt wird.“

Vor kurzem habt ihr einen Erfolg vor Gericht erzielt: Das Unternehmen Zingsheim Hotel Service muss über 6.000 Euro an geraubtem Lohn an das Zimmermädchen Silermone S. zahlen. Wie kam es zu diesem Erfolg?

„Ganz wichtig war Silermones Eigeninitiative, sowohl bei der Suche nach Zeugen innerhalb der Belegschaft, als auch bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben sie darin unterstützt und durch Recherche, Prozessbegleitung und Protestaktionen zusätzlich Druck aufgebaut. Sileromes Anwalt leistete außerdem eine kompetente Rechtsverteidigung.
Doch leider ist der Erfolg relativ: Mit der Zusage, auf alle Forderungen von Silermone S. einzugehen, hat der Unternehmer Karly Zingsheim ein Urteil verhindert. Die Zahlung an Silermone begleicht er aus der Portokasse, die Rechnung für den Anwalt kann er abschreiben und ansonsten so weiter machen wie bisher.“

Das Zimmermädchen Silermone S. hat zusammen mit der Kampagne Putzfrauen-Power gegen Lohnraub protestiert und einen ersten Erfolg erzielt: Ihr Arbeitgeber Zingsheim hat ihr 6.000 Euro geraubten Lohn ausgezahlt. Foto: aktion./.arbeitsunrecht.

Nach eurer Erfahrung werden Reinigungskräfte systematisch ausgebeutet. Wieso handeln Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung nicht, obwohl dabei auch Lohnsteuern und Sozialabgaben hinterzogen werden?

„Unternehmerkriminalität geht in Deutschland oft als Kavaliersdelikt durch. Sie ist gesellschaftlich kaum geächtet. Vergehen und Verstöße werden oft nicht ernst genommen. Fälle von Klagen gegen Unternehmen werden jeweils einzeln verhandelt und nicht als systematische Umgehung von Mindestlohngesetz und Arbeitsrechten begriffen.“

Warum kümmern sich eigentlich nicht die Gewerkschaften um das Thema? Warum braucht es euren Einsatz als relativ kleine Organisation?

„Die Belegschaft eines Hotels besteht oft aus Beschäftigten, die von vielen verschiedenen Sub-Unternehmen kommen. Die Zersplitterung der Belegschaft hat dabei System. Wenn es im Hotel einen Betriebsrat gibt, ist er so nur für die Stammbelegschaft zuständig. Die Beschäftigten der Sub-Unternehmen müssten selbst Betriebsräte wählen. Das ist jedoch schwierig, weil der gewerkschaftliche Organisationsgrad oft gering ist. Beschäftigte in der Reinigungsbranche sind oft auf jeden Cent angewiesen und scheuen vor dem Mitgliedsbeitrag zurück.“


Die Bewegungsstiftung fördert eure Kampagne mit 15.000 Euro. Was bedeutet das für eure Arbeit?


„Die Förderung geht weit über das Finanzielle hinaus.
Die Projekte werden tatkräftig begleitet und es wird Wert auf die Vernetzung der geförderten Projekten gelegt. Dadurch können Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Problemlösungen erarbeitet werden.“

Das Interview führte Kathrin Wall.

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