Bewegungsstiftung

"Schweigen und weggucken bringt nichts"

Interview mit Elias Perabo von unserem Förderprojekt „Adopt a Revolution“ zur Lage in Syrien und den Handlungsmöglichkeiten der deutschen Zivilgesellschaft

Elias Perabo hat die Organisation "Adopt a Revolution" mit gegründet. Foto: Privat

Hungerblockaden, Luftangriffe auf Schulen und Krankenhäuser und scheiternde Verhandlungen – die Nachrichten zur Lage in Syrien klingen fürchterlich. Wie schätzt ihr die Situation ein?
Elias Perabo: Die Situation könnte dramatischer nicht sein. Es hat innerhalb des Landes eine Konfessionalisierung, Radikalisierung und Militarisierung des Konflikts gegeben. Aus dem bipolaren Konflikt der Opposition gegen Assad ist längst ein multipolarer Konflikt mit vielen Fronten und internationaler Beteiligung geworden. Vier UN-Veto-Mächte sind am Bombardieren. Der Iran, Saudi-Arabien, Katar, die Türkei, ein Heer internationaler Dschihadisten und die Milizen der Hisbollah sind in die Kämpfe in Syrien involviert. Das ist die eine Seite des Konflikts. Auf der anderen Seite gibt es nach wie vor in Syrien Menschen, die versuchen, einen dritten Weg zu gehen, der alltäglichen Gewalt etwas entgegenzusetzen und eine Perspektive für Syrien zu entwickeln.

Wie haltet ihr den Kontakt zu diesen Menschen?

Momentan unterstützen wir 25 Projekte in Syrien. Das sind oft Kontakte, mit denen wir inzwischen schon seit Jahren zusammenarbeiten. Einerseits unterstützen wir ihre Arbeit finanziell durch Spenden, andererseits versuchen wir Ansprechpartner zu sein und ihre Aktivitäen und Botschaften hier bekannt zu machen, um die zivilen Aktivitäten in Syrien sichtbar zu machen. Der Kontakt geht vor allem über Skype und soziale Netzwerke. Dabei merken wir immer wieder, wie zentral es für die Aktiven in Syrien ist, dass es überhaupt eine Kommunikation mit dem Ausland gibt.
Man muss sich vorstellen: Die Menschen sind in dieser dramatischen Situation, die Welt hat nichts unternommen, um die rudimentärsten Schutzbedürfnisse dieser Menschen zu schützen oder zu zeigen, dass universelle Rechte auch für diese Menschen gelten. Viele fühlen sich allein gelassen und verraten von den „Humanisten“ im Westen, die tatenlos zuschauen. Umso wichtiger ist es, den Kontakt zu halten und zu zeigen: Nein, es gibt da auch noch andere Leute, die euch unterstützen und euch solidarisch verbunden sind

Adopt a revolution organisiert auch Proteste in Deutschland - wie hier anlässlich des Besuchs des russischen Präsidenten Putin im Oktober in Berlin. Foto: jib collective

Kannst du ein Beispiel nennen, für ein Projekt, das ihr in Syrien unterstützt?
Da ist zum Beispiel ein zivilgesellschaftliches Zentrum in Erbin, einem Vorort von Damaskus. Die Aktiven haben anfangs Demonstrationen gegen das Assad-Regime organisiert. Jetzt bieten sie in ihrem Nachbarschaftszentrum Diskussionen an, zeigen Fußball, geben Nachhilfe. Außerdem organisieren sie Demos gegen die islamistischen Kräfte, die dieses Gebiet halten und stellen Forderungen nach Lebensmitteln und der Bekämpfung von Korruption. Unsere Partner wollen nicht nur den Menschen in all diesem Grauen etwas anders als Krieg bieten, sondern sie stehen nach wie vor auf und versuchen, ihre Rechte einzuklagen – egal von welcher der herrschenden Gruppen.

Man kann sich schwer vorstellen, dass Demos in einer Kriegssituation die Herrschenden überhaupt interessieren. Können die Menschen in Syrien mit Protesten noch etwas erreichen?
Es kommt immer darauf an. Der islamische Staat und das Assad-Regime sind relativ immun gegen Protest, weil sie mit einer vernichtenden Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Aber die meisten islamistischen Gruppierungen sind auf die Akzeptanz durch die örtliche Bevölkerung angewiesen, um ihre eroberten Gebiete halten zu können. Das heißt, sie versuchen, die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Natürlich ist auch dies meistens mit Repression verbunden. Aber das ist doch etwas, wo noch Sachen ausgehandelt werden, wo zum Beispiel die Schulen von der Zivilgesellschaft verwaltet werden und der Religionsunterricht dann rausgelassen wird. In einigen wenigen Gebieten gibt es zudem bewaffnete Einheiten, die nicht islamistisch sind, sondern den Prinzipien der Revolution von Demonkratie, Freiheit und Pluralität treu geblieben sind.

Fahrt ihr selbst noch nach Syrien?

Nein, das ist einfach zu gefährlich. Wir waren noch einmal im Norden des Landes. Ansonsten müssen wir für Treffen mit AktivistInnen in die Türkei oder den Libanon ausweichen.

Ihr helft auch dabei, Informationen aus Syrien weiterzuverbreiten.

Ja, zum Beispiel unterstützen wir Medienaktivisten in Talbiseh, einem Ort in der Nähe von Homs, der massiv von den russischen Bombardements betroffen ist. Die rufen uns oft an und fragen: Könnt ihr uns helfen, unsere Informationen an die Medien zu bringen?

Überprüft ihr diese Informationen über Kriegshandlungen auch?

Wir sind keine Nachrichtenagentur. Aber wir schauen, ob sich die Berichte bestätigen. In dem Fall von Talbishe haben ein oder zwei Tage später Nachrichtenagenturen und Nichtregierungsorganisationen einen Faktencheck gemacht und die Berichte bestätigt. Wir können nur eine rudimentäre Überprüfung leisten. Andererseits geben wir nur das weiter, was uns Partner, zu denen wir jahreslanges Vertrauen haben, melden. Und natürlich weisen wir darauf hin, dass dies Informationen von unseren Partnern sind. Fast immer haben die Informationen sich aber als sehr zuverlässsig erwiesen.

Adopt unterstützt AktivistInnen in Syrien. Foto: Adopt a revolution.

Was müsste aus eurer Sicht passieren, um die Zivilgesellschaft in Syrien zu schützen?
Man hat in den letzten Jahren wahnsinnig viel Zeit verloren. Deshalb ist die Frage heute, 2016, schwierig zu beantworten. Es ist ein hochkomplexer internationalisierter Krieg geworden, in dem jedes Land seine eigenen Interessen vertritt. Aus unserer Perspektive heraus können wir nur noch in ganz kleinen Schritten denken. Der erste wäre: Wir müssen die Waffe Hunger in Syrien stoppen, sonst gibt es keine Verhandlungen. Das Kriegsinstrument Hunger führt zu einer massiven Radikalisierung. Und hier ist die internationale Gemeinschaft gefragt. Sie muss bei Hungerblockaden humanitäre Hilfe leisten. Wenn sie das nicht schafft, bringt die Al-Nusra-Brigade, wie vor einigen Monaten in Aleppo geschehen, die Lebensmittel. Doch wenn man den Dschihadisten den Humanismus überlässt, dann wird der Konflikt nur größer.

Wie schätzt ihr die militärische Lage ein?
Der Konflikt wird sich nicht militärisch entscheiden. Seit einem Jahr greift Russland mit massiven Bombardements in den Syrienkrieg ein. Trotzdem ist kein Ende in Sicht. Das Ende wird sich verzögern, solange beide Seiten aufrüsten. Deshalb muss alles dafür getan werden, um Russland zu stoppen, aber auch die Waffenlieferungen von Saudi-Arabien und Katar für die andere Seite.

Was können die Menschen in Deutschland tun?
Man kann Kontakt mit Syrern aufnehmen – mit denen, die nach Deutschland geflohen sind und mit denen, die noch Syrien leben. Man kann Fragen stellen und zeigen: Die Welt hat euch nicht vergessen. Diesen Kontakt kann man über Adopt aufnehmen, aber auch individuell.
Zum anderen kann die deutsche Zivilgesellschaft Druck machen auf die Bundesregierung, damit sie mehr Kapazitäten in die Lösung des Syrien-Konflikts steckt und Russland in die Pflicht nimmt. Schweigen und weggucken bringt überhaupt nichts. Dieser Krieg geht nicht einfach vorbei.

Ihr unterstützt seit fünf Jahren die Zivilgesellschaft in Syrien. Wie hat sich eure Arbeit seitdem verändert? Werdet ihr mehr gehört als früher? Oder sind die Menschen müde geworden, sich mit Syrien zu beschäftigen?
Einerseits ist das Interesse an Syrien gestiegen, auch dadurch, dass seit dem Sommer der Migration so viele Syrer in Deutschland leben. Das sehen wir auch bei unseren Veranstaltungen, die wir in ganz Deutschland machen. Deutsche und Syrer kommen dort ins Gespräch. Man merkt: Die Leute wollen sich engagieren. Auf der anderen Seite schreckt die Komplexität des Konflikts ab. Es ist schwer zu erkennen: Wer ist gut, wer ist schlecht? Wir sagen: Ja, das stimmt und dennoch sollten wir uns die Mühe machen, genauer hinzuschauen. Es gibt praktisch keine militärische Partei in Syrien, die keine Kriegsverbrechen begangen hat. Aber gerade deshalb setzen wir auf den dritten Weg und die zivilgesellschaftlichen Akteure in Syrien. Natürlich sind diese Kräfte schwach und sie werden immer schwächer, solange dieser Konflikt dauert. Trotzdem ist es alternativlos, sie zu unterstützen.

Adopt a Revolution hat 2016 von der Bewegungsstiftung 19.800 Euro Förderung für eine Organisationsentwicklung erhalten. Warum braucht ihr die?

Wir sind 2011 als klassische Solidaritäts-Organisation im Zuge des arabischen Frühlings entstanden. In Syrien ist diese Aufbruchssituation in einer absoluten Katastrophe geendet. In dieser Zeit ist Adopt massiv gewachsen und hat sich professionalisiert. Wir sind mittlerweile ein Team von fast zehn Leuten und an dem Punkt angekommen, uns zu fragen: Wo stehen wir denn? Was können wir leisten? Was sind erfolgversprechende Strategien? Dafür haben wir die Organisationsentwicklung beantragt und glücklicherweise auch bekommen.

Woher nehmt ihr die Kraft an dem Thema dranzubleiben, trotz der Eskalation des Konflikts, trotz der vielen Toten und Geflüchteten?

Durch den direkten Kontakt mit den Menschen vor Ort. Die Aktiven unserer Partnerorganisationen in Syrien haben entschieden: Wir wollen hierbleiben und einen Beitrag gegen Gewalt und Radikalisierung leisten. Natürlich ist es schrecklich, was in Syrien passiert. Aber wir können die Leute unterstützen, in diesem Grauen ein anderes Zeichen zu setzen.

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