Bewegungsstiftung

Flüchtlingsmarsch von Straßburg nach Brüssel

Transnationale Vernetzung der Flüchtlingsbewegung schreitet weiter voran

Foto: http://freedomnotfrontex.noblogs.org

AktivistInnen aus ganz Europa haben im Juni 2014 mit einem Protestmarsch von Straßburg nach Brüssel gegen die Flüchtlingspolitik der EU protestiert - darunter auch Vertreter unseres Förderprojekts "Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen" und unsere Bewegungsarbeiter Hagen Kopp und Bruno Watara. Unser Praktikant Nils Heckmann war bei der abschließenden Aktionswoche in Brüssel dabei und berichtet von seinen Eindrücken.

Schauplatz Parc Maximilien, einen Kilometer nördlich der Brüsseler Innenstadt. Es ist Freitag, der 20. Juni, und der “Freedom March to Brussels“ ist soeben in der belgischen Hauptstadt angekommen, um eine Woche zu bleiben. Fünf Wochen zogen die AktivistInnen von Straßburg zu Fuß nach Brüssel. Unterwegs wurde immer wieder Halt gemacht, um Kundgebungen abzuhalten und Protestaktionen durchzuführen, um für ein Bleiberecht für Alle zu kämpfen und die menschenfeindliche EU-Flüchtlingspolitik anzuprangern.

Anwohner drücken ihre Solidarität aus

Ich baue erst einmal mein zebragestreiftes Zelt auf. Ein Junge mit Fahrrad redet dabei auf mich ein. Er scheint in der Nachbarschaft zu wohnen und ist wohl verwundert, über all die Menschen, die nun in dem kleinen Park, zwischen großen Wohnblöcken und 50-stöckigen Hochhäusern kampieren. Da ich kein französisch spreche, werfe ich meinen Rucksack in das Zelt, klatsche in die Hände und rufe lächelnd „Voila!“. Der Junge versteht, dass ich mit dem Zelt aufbauen nun fertig bin. Er ruft „Bonne soirée Monsieur!“ und fährt weiter. Kurz darauf spricht mich ein weiterer Anwohner an. Weil die Transparente noch nicht aufgehängt wurden, erkläre ich ihm die Gründe und Ziele dieses Zusammenkommens. Wir schütteln uns die Hände und er drückt seine Solidarität aus. Wenige Tage später werde ich ihn auf einer Demonstration wiedertreffen.

Foto: http://freedomnotfrontex.noblogs.org

Noch ist allerdings nicht viel zu sehen von dem geplanten Aktionscamp, das anlässlich des Gipfeltreffens des Europäischen Rats eine Woche Protestaktionen und Demos in Brüssel organisieren will. Doch das soll sich schon bald ändern. Die etwa 80 TeilnehmerInnen des Marsches verdoppeln sich noch am ersten Tag und am Sonntag sind schon über 400 AktivistInnen vor Ort. Am Morgen des zweiten Tages stehen Komposttoiletten, Vokü (Volksküche) und Mediazelt bereit.

Am Freitagabend sitze ich auf einer Bank am Rande des Parks und schreibe im Schein der Laterne erste Notizen nieder. Ein Camp-Security kommt vorbei und fragt mich nach einer Zigarette. Während ich den Drehtabak suche, erzählt er, dass er extra aus Tunis angereist sei, um den Marsch zu begleiten. Er hat gerade sein Architekturstudium abgeschlossen und überlegt nun ein zweites Studium zu beginnen. Viele seiner Freunde leben in Europa.

Dieses abendliche Ritual wird mir starke Eindrücke vermitteln, die ich in den folgenden Tagen sammeln werde. Es sind die persönlichen Kontakte, die prägen. Ich vermute, das weiß jeder, der mit den Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft schon einmal in Berührung gekommen ist. Im Scheine jener Parklaterne erfahre ich von Tarek, wie er aus Albanien nach Griechenland kam. Auch in Stuttgart hat er schon gelebt und nun wohnt er in einem der Blocks am Park. Nirgendwo in der EU durfte er bisher arbeiten und  an diesem Sonntag hat er bisher nur ein Sandwich gegessen. Am nächsten Morgen treffe ich ihn am Vokü-Zelt. Er unterhält sich gerade angeregt, als wir uns zusammen in die Frühstücksschlange einreihen.

Fluchtgeschichten von den Grenzzäunen in Melilla und Ceuta

Auch eine Gruppe von Männern aus Nigeria, Ghana und Côte d’Ivoire treffe ich abends auf meiner Lieblingsbank. Die Stimmung ist ausgelassen. Das alle zehn Männer links und rechts lachend durcheinander reden, überfordert mich zunächst. Doch als ich zwei von ihnen frage, ob es Twi sei, was sie gerade sprechen, verstummen alle und schauen mich an. Ich erfahre, dass noch nie ein Europäer die Sprache der zwei Männer aus der Aschanti-Region erraten hat. Die darauffolgende Sympathie beschämt mich ein wenig. Ich erinnere mich daran, wie oft meine Herkunft im Ausland schon erraten wurde.

Nachdem das Eis gebrochen ist, erzählt mir ein Mann von seiner Fluchtgeschichte. „Die Reise durch die Sahara war hart, doch die Gewalt am Grenzzaun in Melilla war das Schlimmste.“, berichtet Francis. Er erzählt von der Gewalt der Guarda Civil, wie sie Menschen mit Pfefferspray und Gummigeschossen beschießen, auch wenn sie gerade auf dem sieben Meter hohen Grenzzaun der spanischen Exlave in Nordafrika geklettert sind, der zusätzlich mit Natostacheldraht gesichert ist. „Viele Menschen werden dort verletzt oder sogar ermordet. Am 6. Februar feuerte die spanische Grenzpolizei Tränengas auf Leute, die am Grenzzaun von Ceuta vorbeischwimmen wollten. 14 von ihnen sind ertrunken!“, so Francis. Auch um gegen diese Gräueltaten zu kämpfen, haben sich die Leute hier zusammengefunden. 

Auch unser Bewegungsarbeiter Hagen Kopp war bei den Aktionstagen in Brüssel dabei. Foto: Privat

Für den Samstag sind erst einmal keine Aktionen geplant. Die Proteste der nächsten Tage werden in langen Plenen diskutiert und die CampteilnehmerInnen können sich einen Tag erholen und kennenlernen. Am Abend beschließt eine große Gruppe spontan, ein nicht weit entferntes Open-Air-Konzert zu besuchen. Als die KonzertbesucherInnen zurückkehren, sind ihre Stimmen schon von Weitem zu hören „Oh la la, Oh le le, solidarité avec le sans papiers!“. Die Gruppe wird von den übrigen CampteilnehmerInnen euphorisch empfangen und der Bewegungsarbeiter Bruno Watara nutzt die Gunst der Stunde, um die AktivistInnen auf die nächsten Tage einzuschwören: „Wir sind nicht hier, um nur irgendwas zu ändern! Wir sind hier, um unsere Situation in Europa zu ändern! Wir sind hier, um unsere Menschenrechte einzufordern!“.

Am Sonntag startet dann das Protestcamp die erste große Aktion. Ein Demonstrationszug mit mehreren hundert Menschen zieht als erstes zu der „Zentralen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge“, um hier Solidarität mit den BewohnerInnen zu zeigen. Der nächste Stopp ist die alte Brüsseler Börse in der Innenstadt, auf deren imposanten Treppen sich der Demonstrationszug versammelt. Der Platz liegt sehr zentral und viele Passanten finden sich ein, um der spontanen Kundgebung zu folgen. Die letzte Station befindet sich im Brüsseler Szeneviertel Sainte Catherine. Hier am Place du beguinage, steht die Kirche des heiligen Jean-Babtiste. Das reich verzierte Gebäude stellte bis April die Unterkunft für bis zu 400 Flüchtlinge aus Afghanistan dar, die von der Abschiebung bedroht waren.

Die Polizei zeigt keine Präsenz - vorerst

Die Reaktionen der Passanten sind ähnlich wie die der Anwohner des Camps. Neugierig, offen und positiv. Viele möchten Genaueres zu dem „Freedom March to Brussels“ erfahren und einige reihen sich mit ein. Auffällig ist, dass die Polizei fast keine Präsenz zeigt. Als ich den Bewegungsarbeiter Hagen Kopp dazu befrage, antwortet dieser: „Die Brüsseler Polizei ist ja dafür bekannt Demonstranten viel Freiheit zu gewähren, solange sie nach ihren Regeln spielen. Sobald diese Regeln verletzt werden, setzen die Behörden allerdings rigoros Gewalt ein.“ Heute scheinen die Behörden ihre Regeln als eingehalten zu empfinden.

Foto: http://freedomnotfrontex.noblogs.org

In den folgenden Tagen werden noch weitere Aktionen gestartet. 20 AktivistInnen besetzen Dienstag friedlich die deutsche Botschaft, um gegen die deutsche Flüchtlingspolitik zu demonstrieren. Weitere Aktionen werden vor dem „Immigration Office“, gleich neben dem Camp durchgeführt. Laut belgischen AktivistInnen werden hier durchschnittlich 20 Asylsuchende pro Tag festgenommen, um anschließend abgeschoben zu werden.

Die größte Demonstration findet schließlich am Donnerstag statt. Über 1000 Menschen ziehen durch die Innenstadt, um gegen Repression und Abschiebung zu kämpfen. Zentrale Punkte werden angesteuert und viele Menschen nehmen die Transparente, Trillerpfeifen und Sprechchöre wahr. „We are here and we will fight! Freedom of movement is everybodys right!“ schallt es durch die Brüsseler Straßen. Nach etwa fünf Stunden stehen wir vor dem Gebäude des „European External Action Service“. Die Polizei zeigt nun doch Präsenz und die Symbolik könnte nicht tragischer sein. Die Eingänge werden mit mobilen Absperrzäunen blockiert. Zäune mit denselben Rasiermesserklingen wie an den Grenzzäunen in Selilla.

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