Bewegungsstiftung

Reich, links und engagiert

Frankfurter Rundschau vom 25.02.2004

Die Bewegungsstiftung will sozialen Wandel fördern

von Klaus Betz

Sein Leben lang hat Hartmut Berger sehr gut verdient. Mehr als drei Jahrzehnte war der heute 65 Jahre alte Düsseldorfer für deutsche Firmen im Ausland tätig. Vor 15 Jahren erbte er »sehr überraschend sehr viel Geld«. Seine Mutter sei eine »sehr diskrete Frau« gewesen, erzählt Berger, die Familie habe nie gewusst, dass ein so großes Vermögen existierte. Für sich selbst benötigt er das Geld nicht, weder Porsche noch Rolex sind seine Sache. »Und da habe ich mir dann gedacht, wenn ich mich nicht sozial engagiere, wer soll es dann tun?«

Der Sohn aus einer Industriellen-Familie arbeitet nun nur noch ehrenamtlich und spendet viel Geld für humanitäre Organisationen. Nach zwei Jahren im Vorstand von »Ärzte ohne Grenzen« gelangt er zu der Erkenntnis: Die Organisation kann »nur Pflaster kleben«. Trotz aller Hochachtung vor dem Einsatz des Vereins genügt es ihm nicht mehr, nur Symptome zu lindern statt Ursachen zu bekämpfen. Dann hört Berger von der »Bewegungsstiftung« und ihm wird klar. »Das ist genau mein Ding.« Weil die Stifter »dem Kranken nicht nur Medizin verabreichen, sondern dazu beitragen wollen, dass er gar nicht erst krank wird«.

In einer früheren Kaserne der britischen Streitkräfte in Verden an der Aller, die heute zum Ökozentrum umgebaut ist, entwickelt die Bewegungsstiftung Strategien, wie sich »mit Geld die Welt verändern« lässt - sozial, umwelt- und gesellschaftspolitisch. Wandel statt Wohltat lautet ihr Ansatz. Die Stiftung unterstützt unter anderem Kampagnen von Attac oder die Bürgerbewegung »Freie Heide«, die sich gegen das geplante Bombodrom in der Wittstocker Heide bei Neuruppin zur Wehr setzt. Mit dem Geld wird Pressearbeit bezahlt, werden Anzeigen geschaltet und Protestaktionen finanziert.

Felix Kolb, 30 Jahre, steckt hinter der Idee einer Stiftung, die soziale Bewegungen finanziell unterstützt, gesellschaftlichen Wandel gestaltet und fortschrittliche Projekte fördert. Unzählige Male machte er in den Jahren seines politischen Engagements die Erfahrung, dass »ich zwar eine Superidee hatte, um bei bestimmten Themen mit Anti-Anzeigen zu reagieren, aber ich hatte kein Geld, die Anzeigen irgendwo abdrucken zu lassen«.

Erben als Potenzial für Stiftungen

Erst als ihn sein Studium in die USA führt, stößt der junge Mann auf die Idee, dass wohlhabende Leute sich zusammenschließen könnten, um soziale Bewegungen zu unterstützen. Kolb liest das Buch Money for Change und lernt in Boston den »Haymarket People's Fund« kennen, der als Stiftung bereits seit 1974 Graswurzel-Bewegungen auf lokaler Ebene fördert.

Zurück in Deutschland setzt sich Kolb mit zwei Freunden zusammen, diskutiert mit ihnen die Idee zur Gründung einer eigenen Stiftung und sucht mit einer Anzeige in der Tageszeitung nach Gleichgesinnten. »Wir wussten am Anfang nicht, ob wir jetzt die drei einsamen Mohikaner sind«, erzählt Kolb, aber »wir hatten die starke Vermutung, dass wir nicht die einzigen sein werden, weil uns die Zahlen von anstehenden Erbschaften bekannt waren«.

Schätzungen zufolge werden in Deutschland in den nächsten sechs Jahren zwei Billionen Euro vererbt. Sollten sich auch nur zehn Prozent der Erben für die Ziele der Bewegungsstiftung interessieren, wäre das ein Potenzial von 200 Milliarden Euro. Selbst wenn davon nur ein Prozent für sozialen Wandel und politische Bewegungen stiften würde, käme die enorme Summe von zwei Milliarden Euro zusammen.

Schreckt politisch linkes Gedankengut vermögende Menschen nicht eher ab? Nein, sagte der Geschäftsführer der Bewegungsstiftung, Jörg Rohwedder. Die Erfahrung hätten seine Kollegen und er bislang kaum gemacht. »Die Zeichen, dass wir unser Ziel erreichen, in den ersten fünf Jahren fünf Millionen Euro zusammenzubekommen, stehen gut.« In der Tat verwaltet die noch junge Stiftung, die mit einem Startkapital von 250 000 Euro im März 2002 begann, inzwischen bereits 920 000 Euro. Und es kommen, wie Rohwedder berichtet, auch immer wieder Leute vorbei, die »spontan 5000 oder auch 30 000 Euro zustiften, weil sie von der Idee fasziniert sind«.

Bei Interessiertentagen in ganz Deutschland werben die Gründer für die Ziele der Stiftung und um das nötige Vertrauen. Sie belegen, wie und wofür das Geld der Stifter verwendet wird. Geld, das seine eigene politische Dynamik gewinnen könnte. Beispielsweise um das Solidaritätsprinzip zu stärken. So haben sich auch Mitglieder der Bewegungsstiftung an der Initiative »Millionäre für Vermögenssteuer« beteiligt.

Rohwedder und seinen Kollegen ist bewusst, dass Gutes wollen nicht automatisch auch bedeutet, Gutes zu machen. Deshalb bietet die Stiftung neben finanzieller Unterstützung auch strukturelle Hilfe an. In Fachseminaren erhalten die geförderten Projekte Hinweise zur Professionalisierung ihrer Arbeit. Denn der gute Wille allein garantiert noch keinen Erfolg.

Beispiel Unicef. Jahrelang versorgte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Opfer von Landminen mit Gehhilfen und Beinprothesen. Irgendwann erkannte die Organisation aber, dass sie nicht Kinder mit Prothesen versorgen und gleichzeitig in jenen Ländern um Spenden bitten kann, die solche Minen herstellen. So schloss sich Unicef der Kampagne zum Verbot von Landminen an. Inzwischen gibt es eine Anti-Personenminen-Konvention, weil sich viele soziale Bewegungen und Organisationen wie Unicef intensiv dafür engagiert haben.

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens verteilte die Bewegungsstiftung 70000 Euro an einzelne Projekte. Nutznießer war unter anderem die Kampagne »Resist«, die lange vor der Friedensbewegung mit Sitzblockaden vor der Rhein-Main-Airbase in Frankfurt gegen den Irak-Krieg protestierte. Die Verdener unterstützen überdies die Aktivisten von »urgewald«, die in Ecuador gemeinsam mit der dortigen Öko-Bewegung gegen eine höchst umstrittene Ölpipeline kämpfen, die maßgeblich von der Westdeutschen Landesbank finanziert wird.

Um noch mehr Wirkung zu erzielen, möchte die Stiftung den Begriff von Vermögen nicht nur über Millionäre oder reiche Erben definieren. Stimmberechtigtes Mitglied der Organisation kann werden, wer die Verpflichtung eingeht, ein Jahrzehnt lang jedes Jahr 500 Euro in die Stiftung einzuzahlen.

Mitbestimmung zählt

Anders als bei vielen anderen Stiftungen ist der Einfluss des einzelnen Geldgebers begrenzt. Es zählt die Mitbestimmung in den demokratisch organisierten Gremien. So berät der Beirat der Stifterinnen und Stifter gemeinsam, wie die Mittel vergeben werden. Gleichzeitig gilt aber: Wer nur das Minimum von 5000 Euro eingezahlt hat, hat die gleichen Stimmrechte wie jemand, der 50000 Euro und mehr an die Organisation gestiftet hat. Susann Haltermann hat diese Regelung akzeptiert. Sie ist Gründungsmitglied der Bewegungsstiftung und eine vermögende Erbin aus Hamburg. Als Selbstverständlichkeit empfindet sie, dass »diejenigen in der Gesellschaft, die deutlich mehr Geld haben, als sie für ihr eigenes Leben wirklich gebrauchen können, verpflichtet werden, ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten«. Im Stiftungsrat stimmte Haltermann vor einiger Zeit dafür, einzelne Vollzeitaktivisten zu unterstützen. Die Stiftung nennt sie »Bewegungsarbeiter«; ihre besondere Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie seit vielen Jahren ehrenamtlich tätig sind, ohne reguläres Einkommen. Das Wissen, die Erfahrung und die Kompetenzen dieser Menschen sollen nicht verloren gehen, nur weil wirtschaftliche Notlagen sie zwingen könnten, aus der politischen Bewegungsarbeit auszusteigen.

Für Susann Haltermann bedeutet die Arbeit mit und in der Bewegungsstiftung mehr, als Geld zu spenden. Es sei endlich auch ein Forum von Leuten, die nicht nur in eine ähnliche Richtung denken, sondern auch in diese Richtung handeln wollen. Und das sei »etwas sehr Motivierendes, etwas, was einfach Spaß macht«.

 

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