Soziale Bewegungen - Eine kurze Einführung

Die Bewegungsstiftung will, so sagt schon ihr Name, die Arbeit sozialer Bewegungen fördern und unterstützen. Was aber ist eine soziale Bewegung, was macht sie und was kann sie bewirken? Dieser Text gibt erste Antworten.

Weltweit demonstrieren viele Millionen Menschen gegen den Irak-Krieg

Am 15. Februar 2003 waren 15 Millionen Menschen in 600 Orten in 60 Ländern auf der Straße, um gegen den Krieg der USA im Irak zu protestieren. Verfolgen diese Menschen gemeinsame Ziele? Haben sie eine gemeinsame Identität? Sind sie eine soziale Bewegung?

Ja, sie sind Teil einer Bewegung, denn das gemeinsame Zusammenwirken von Bürgerinitiativen, Aktionsgruppen, Kirchen, Gewerkschaften und hunderttausenden Einzelpersonen gegen einen Krieg macht eine internationale Friedensbewegung aus. Und diese Gruppen können im globalen Kräftespiel von Bedeutung sein.

Doch nicht jede Bürgerinitiative, nicht jede politische Kampagne ist eine soziale Bewegung. Eine »Bewegung« sind nur solche Netzwerke von Gruppen und Organisationen die gemeinsam die Gesellschaft verändern wollen (oder sich einer Veränderung entgegenstellen).

Wer die Gesellschaft verändern will, muss mehr tun als eine kleine Gesetzeskorrektur zu fordern oder einen politischen Repräsentanten zu kritisieren. Die Grundlagen sozialer Ordnung, die allgemeinen politischen und ökonomischen Strukturen sowie die damit verbundenen Werte und Normen müssen verändert werden. Ob diese Veränderung in kleinen wohldosierten Schritten oder in einer großen Umwälzung erfolgen soll, bleibt offen.

So brachte die Protestbewegung gegen den Irak-Krieg die Forderung »No War« und den Wunsch nach friedlichen Mechanismen der Konfliktaustragung zusammen. Einige der Aktivisten mögen damit verbinden, dass Krieg grundsätzlich überwunden werden muss, so wie die Sklaverei überwunden werden musste. Andere Bewegte gingen gegen diesen Krieg auf die Straße, ohne jedoch Kriege unter allen Umständen abzulehnen.

Der Netzwerkcharakter von sozialen Bewegungen

Die einzelnen Teile einer Bewegung können informell oder formell, egalitär oder hierarchisch aufgebaut sein. Die Bewegung als ein Netzwerk von Gruppen und Organisationen verknüpft ihre Teile nur auf lockere Weise. Die Bewegung als Ganze ist keine Organisation. Sie hat kein für alle verbindliches Programm; sie wählt keinen Vorstand und stellt keine Mitgliedsausweise aus.

Zusammengehalten wird eine Bewegung nicht allein durch gemeinsame Ziele, sondern auch durch ein Gefühl der Zugehörigkeit sowie durch eine kollektive Identität. Kollektive Identität zeigt sich im gemeinsamen Handeln, in Normen, Symbolen (z.B. der Friedenstaube), aber auch in gemeinsamen Gegnerschaften. Im Krieg gegen den Irak ist der Slogan »No War for Oil - Kein Krieg für Öl« zu einem verbindenden Element geworden.

Protest als das zentrales Mittel
Demonstrationen sind eine der zentralen Aktionsformen sozialer Bewegungen

Das zentrale politische Mittel von Bewegungen ist der Protest, da Bewegungen - im Unterschied zu herkömmlichen Interessenverbänden und etablierten politischen Parteien - kaum über feste Zugänge zum politischen Entscheidungssystem, über politische Macht oder über größere finanzielle Beträge verfügen. Bewegungen mobilisieren vor allem Menschen, die sich - zumeist unbezahlt und kraft ihrer Überzeugung - in den Dienst der Bewegungsanliegen stellen. Protest ist ein Mittel, um Kritik und Widerspruch zum Ausdruck zu bringen, um Beachtung und Gehör zu finden. Bewegungen sind auf öffentliche Aufmerksamkeit und Zustimmung angewiesen.

Der Erfolg von Protesten ist nicht immer planbar und manches Mal werden die Organisatoren von ihrem eigenen Erfolg überrascht, so zum Beispiel bei den Demonstrationen am 15. Februar 2003. In dem Maße, wie Bewegungen auf Zustimmung stoßen, können sie auch darauf hoffen, Einfluss auf politische Entscheidungsträger zu nehmen, die sich zumindest in demokratischen Systemen dem Druck der Öffentlichkeit und der Meinung von potentiellen Wählerinnen und Wählern nicht ungestraft entziehen können.

Was machen soziale Bewegungen?

Um Gesellschaft zu verändern, sammeln soziale Bewegungen Unterschriften und verfassen Einsprüche, organisieren Kundgebungen und Märsche, bilden Menschenketten und blockieren Straßen, rufen zu Streiks auf und besetzen Gebäude. Manchmal kommt es vor, dass Gruppen in sozialen Bewegungen Gegenstände beschädigen und in Ausnahmefällen sogar Menschen angreifen. Der überwiegende Teil aller Bewegungen vertritt aber die Auffassung, dass Menschen - und auch der politische Gegner - nicht zu Schaden kommen dürfen. In der Protestbewegung gegen den Irakkrieg gab es sehr verschiedene Aktionsformen: Mahnwachen, Menschenketten und Demonstrationen genauso wie verschiedene Formen des zivilen Ungehorsams (Blockaden, Manöverstörungen).

Keine Bewegung wird nur und ständig protestieren. Jenseits ihrer öffentlich sichtbaren Protestpraxis entfalten die Menschen in sozialen Bewegungen viele Aktivitäten. Zum einen hängen diese Aktivitäten mit der Protestpraxis zusammen, sind vorbereitende oder nachbereitende Maßnahmen, etwa die Formulierung des Textes für ein Flugblatt, die Durchführung einer Pressekonferenz, die Anmeldung einer Kundgebung, die Auswertung der Presseresonanz. Zum anderen sind soziale Bewegungen aber auch Orte der Geselligkeit, der Selbstverwirklichung, des gemeinsamen Lernens, des Austausches von Informationen und der internen Diskussion. Auch konkrete Alternativen zu den bisher üblichen Lösungen werden in sozialen Bewegungen entwickelt: Viele Wegbereiter für Windenergieanlagen kamen aus der Umweltbewegung.

Welche Wirkungen haben soziale Bewegungen?

Soziale Bewegungen können durchschlagende Erfolge erringen oder auf der ganzen Linie scheitern. Häufiger kommt es jedoch vor, dass soziale Bewegungen, insbesondere wenn sie von langer Dauer sind und viele Menschen anziehen, zumindest Teilerfolge erzielen.

Gescheitert sind zum Beispiel die Bewegungen, die für ein striktes Alkoholverbot in den USA eintraten. Erfolgreich waren dagegen in vielen Ländern die Bewegungen zur Einführung des freien, allgemeinen und gleichen Wahlrechts. Bedeutende Teilerfolge wiederum erzielten die Arbeiterbewegung mit ihrem Drängen auf das Recht zur Bildung von Gewerkschaften und der Absicherung sozialer Risiken, die Ökologiebewegung mit ihren Forderungen nach gesetzlichen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt sowie die Frauenbewegung mit ihrem Kampf gegen geschlechtsspezifische Benachteiligung.

Die Wirkungen von sozialen Bewegungen sind schwer zu beurteilen, weil sie sich auf mehreren Dimensionen erstrecken und zudem indirekter oder langfristiger Art sein können. Bewegungen, die in der öffentlichen Wahrnehmung erfolglos sind, können dennoch große Wirkungen entfalten. So können zum Beispiel viele Menschen im Rahmen einer zunächst erfolglosen Kampagne gegen ein Atomkraftwerk politisiert oder zu Verhaltensänderungen (bewusster Konsum, Energiesparen) veranlasst werden. Die Proteste gegen den Irak-Krieg konnten den Krieg selbst nicht verhindern. Aber sie zettelten eine weltweite Diskussion über den Sinn und die Berechtigung dieses Krieges an. Kritische Regierungen wurden gestärkt, ein Aufmarsch in der Türkei wurde verhindert und die Schwelle für zukünftige Kriegsentscheidungen erhöht.

Soziale Bewegungen sind Ausdruck eines aktiven bürgerschaftlichen Engagements. Viele Organisationen und Institutionen, die wir heute als selbstverständlich betrachten - zum Beispiel Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände, politische Parteien - sind aus sozialen Bewegungen hervorgegangen. Soziale Bewegungen haben fortlaufend, und oft nur in kleinen Schritten, zu sozialem Wandel und einer Politik der Reform beigetragen, gelegentlich aber auch positive Entwicklungen blockiert. In außergewöhnlichen Momenten haben soziale Bewegungen - auf friedliche wie unfriedliche Weise - revolutionäre Veränderungen herbeigeführt. Von ihren Zeitgenossen oftmals belächelt oder aktiv bekämpft, sind soziale Bewegungen zuweilen nachträglich geehrt worden. Ihnen verdanken wir die weitgehende Abschaffung von Leibeigenschaft und Sklaverei; ihnen verdanken wir die fortschreitende Durchsetzung der Demokratie.


 

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