Bewegungsstiftung

Cécile Lecomte vor der Tür ihres Bauwagens, an der Tür hängt ein Plakat zu einem ihrer wichtigsten Themen, Atomtranporte verhindern. Foto: Julia Blume

Zu Besuch bei Cécile Lecomte

"Protest muss auch Spaß machen", findet Bewegungsarbeiterin Cécile Lecomte. Unsere Praktikantin Julia Blume hat Cécile in ihrem Bauwagen in Lüneburg besucht und berichtet von einem Leben im freischwebenden Widerstand.

Schon von weitem sieht man die vielen bunten Bauwagen auf der Wiese bei Lüneburg. Der höchste von ihnen gehört Cécile Lecomte. Er ist zweistöckig, mit einer kleinen Solaranlage vor und einem großen Holzgestell mit einer Hängematte dahinter. Hier wohnt das "Eichhörnchen", wie Cécile oft genannt wird. Sie ist seit 2008 Bewegungsarbeiterin und als Kletteraktivistin bei verschiedenen politischen Aktionen unterwegs. Wir sitzen am kleinen Küchentisch des geräumigen Wagens, ringsherum hängen Fotos und Plakate vergangener Aktionen. Cécile gießt sich Erkältungstee mit viel Zitrone ein und erzählt mit leicht kratziger Stimme von ihrer letzten spontanen Kletteraktion bei dem Anti-Kohle-Protest "Ende Gelände", bei dem Mitte Mai Tausende einen Braunkohletagebau in der Lausitz besetzt hatten. Cécile hing dreißig Stunden über der Eisenbahnstrecke, auf der die Kohle ins nahegelegene Kraftwerk transportiert wird. „Die Nacht war sooo kalt!“, berichtet sie.

"Man wird nicht für das Demonstrieren bezahlt"

Aktionen wie diese gehören zum Alltag von Cécile. Wie hat sich ihr Engagement durch das Bewegungsarbeiterprogramm geändert? Im Vergleich zu ihrem früheren Beruf als Lehrerin hat ihr das Programm mehr Freiheit für ihre politische Arbeit ermöglicht. „Es bietet mir eine Plattform, um mich mit Aktivisten aus anderen Bereichen zu vernetzten. Das erweitert meinen politischen Horizont.“
“Viele haben ein falsches Bild von dem Programm, man wird nicht für das Demonstrieren bezahlt.”, sagt Cécile. Sie vergleicht es mit der Selbstständigkeit im Bereich der Politarbeit, indem sie keinen Unterschied zwischen Privatleben und politischer Arbeit macht. Das von PatInnen finanzierte Programm sichert ihr ein stabileres Einkommen und schafft mehr Planungssicherheit für die Aktionen. So kann sie ihre Themen ausweiten. „Es ist eine Möglichkeit, meine bisherige Arbeit sicherer und intensiver zu gestalten und das nicht nur finanziell. Die Menschen, die mich unterstützen, sind auch selber aktiv. Ich allein bin nicht der Widerstand", betont sie. Durch deren Anwesenheit bei den Prozessen, ihre emotionale und organisatorische Unterstützung, ist Cécile  imstande, ihr Engagement in der Weise fortzuführen.

90 Prozent der Arbeit geschieht im Hintergrund

Cécile ist es wichtig, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Mit ihren Vorträgen will sie anderen die Realität der Repression durch Polizei und Justiz vermitteln. Sie will aber auch Mut machen, sich trotzdem kreativ einzusetzen. „Es ist für mich eine Form von Widerstand, andere auf die Konsequenzen von Festnahmen und Überwachung vorzubereiten. Viele gehen daran kaputt. Protest muss auch Spaß machen!"
Auf die Frage, wie ihre Arbeit in den nächsten Jahren aussehen wird, zögert sie erst. Sie macht es von dem Verlauf der rheumatoiden Arthritis, einer chronischen Krankheit mit der sie seit Jahren lebt, abhängig. Falls diese sie zukünftig vom Klettern abhalten sollte, will sie weiter Vorträge und Lesungen halten, journalistisch arbeiten und sich als Beraterin vor Gericht oder bei der Organisation von Aktionen beteiligen. „Das, was die Öffentlichkeit sieht, sind nur zehn Prozent der Arbeit, neunzig Prozent geschieht im Hintergrund“, sagt sie.

Urantransporte - der Anfang der Atomspirale

Cécile arbeitet zu vielen politischen Themen. Hauptarbeitsfeld bleibt - trotz beschlossenem Atomausstieg - das Thema Atomkraft. „Man kann nicht vom Atomausstieg reden, wenn sämtliche Versorgungsanlagen und Transporte weiterlaufen. Diese beliefern Atomkraftwerke weltweit“, sagt sie. Hinzu kommen noch die vielen nuklearen Forschungseinrichtungen, eine mögliche militärische Nutzung und geplante Mini-Atomkraftwerke. Sie setzt sich darum das Ziel, den Anfang der Uranverarbeitung aufzuhalten. „Im Moment arbeiten wir an den Uranerzkonzentrat-Transporten. Das ist der Anfang der Atomspirale in Europa. Wir wollen handeln bevor es Müll wird!“. Denn, so Cécile: "Das Problem kennt keine Grenzen. Deswegen müssen wir aufmerksam sein."

Sie sieht in der Atomkraft viele weitere Gefahren: den Müll, das Krebsrisiko, Terroranschläge, mögliche Super-GAUs und die atomare Verseuchung. Dazu hat sie unter anderem einen ehemaligen Mitarbeiter einer Atomanlage in Narbonne interviewt, der um die Anerkennung seiner Leukämieerkrankung als Arbeitskrankheit und die Anerkennung der Schuld des Arbeitsgebers  kämpft. Befürworter beschreiben die Atomkraft dagegen als CO²-neutral und umweltfreundlich. Cécile sieht das ganz anders. Der Transport und der Abbau produzierten auch viel CO². Sie nennt ein anderes Beispiel aus Kasachstan, wo der Rohstoff Uran mittels Fracking abgebaut wird. Dabei wird das knappe Frischwasser der Bevölkerung atomar verseucht. „Die Klimabelastungen und die weiteren Umweltschäden werden kaum beachtet", sagt sie.

Zum Ende unserer Unterhaltung klingelt Céciles Handy. Sofort ist sie am Apparat und ganz in ihrem Element. Es geht um die Materialbeschaffung für die nächste Aktion in Jülich zum Castoraktionstag.

Veröffentlicht am: 27.06.2016 11:23


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